Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 250 Dr. Blochs MoKenfchrist Skr. 16 auf der anderen der Wolf im Schafpelz, der auch noch imstande märe, sich über seine einstigen Mitwölfe im Jerusalemer Jargon lustig zu machen. Das wäre ein lächerliches Schauspiel, und die Herren sind doch wohl zu klug, zum Schaden auch noch den Spott sich aufzubürden. Wenn sie sich es eine Summe Geldes kosten^ »nisvolle Rezitieren bei weitem vorzuziehen — sollte nur Iden Rahmen für das geisterweckende und zum Nachdenken anregende, lebendige deutsche Wort bilden. Predigt, Vortrag gehören Sin den Kern des Ganzen! Auch hier Achtung vor der fleisch- und iblutgewordenen Tradition! Den gewohnten Schwingungen des JTones erschließt sich gern Herz und Sinn und mit ihnen den altver- Jjtrauten frommen Regungen, die sie tragen. Aber lasset den Gottesr rr ‘T~r , r., I l~/r r-j: T-j: -r s. «Verdienst nicht zur Rast und Qual werden! Gerade damit am wenigsten lassen» läßt sich der Gefangene sicherlich überreden, aUSAW^lirück ins Ghetto! Denket euch stets einen Mannheimer, einen dem Gefängnisse von Smyrna ZU entfliehen und wieder«! 1 f Jellinek, einen Josef Wertheimer und Sulzer als unsichtbare Gäste! einmal fünf bis zehn Jahre nichts von sich hören zu lassen.. . Sie dürfen nur nicht allzu knauserig sein, dann gelingt^ es ihnen. Im Grunde seiner Seele roar David Ignaz jfi Fromm immer etwas wie ein Gentleman, und für Geld, jVnommen, wie die Frucht die Schale, deren Schutzes sie nicht und gute Worte ist er gewiß zu bewegen, seine Noute fjentraten kann. Hier überwiegt das gemütvoll Aesthetische, das anstatt nach Budapest nach Amerika zu nehmen. j Bleibt das jüdische Leben im Hause. Hier liegt der eine Schwerpunkt des Judentums, der dem anderen, der jüdischen Lehre, die Wage hält. Was hier Gestalt und Leben geworden, das hat diese Form mit der gleichen inneren Notwendigkeit ange- Mar Viola. Literatur. J. Ziegler, Die Geistesreligion und das jüdische Religionsgesetz. Mit einem Geleitwort von Rud. Eucken. Berlin 1912, Georg Reimer. Mk. 4.—. Ziegler erörtert zunächst im Gedankengange Euckens den Begriff der Geistesreligion. Eucken spricht in dem Vor- und Fürwort, das er dem Zieglerschen Buche voraussendet, den Wunsch aus, daß sich alle Religionen auf ihre gemeinsame Aufgabe besinnen möchten. Die Religion als solche zu retten gilt es. Und Ziegler bemüht sich, das, was nach Euckens Bestimmung Geistesreligion sein soll, als Kern und Wesen des Judentums zu erweisen. Es dürfte dies für Eucken selbst sehr lehrreich sein, da er noch im vorigen Jahre in seinem Buche »Können wir noch Christen sein?« ganz im hergebrachten Geleise das Judentum als seit dem Erscheinen des Christentums von der weltgeschichtlichen Bewegung überholt bezeichnet hat. Ueberzeugt ihn Ziegler, so wird er dieses Urteil umkehren müssen und es wäre ein derartiges Bekenntnis aus solchem Munde für das Judentum sicherlich ein Gewinn. Nun ist aber das Judentum doch auch Gesetzesreligion. Hier liegt nach Ziegler das Völkisch-Heidnische oder, wenn man will, das im Fluß der geschichtlichen Entwicklung Formgewordene verankert. Es soll mit dem Ewigen, rein Geistigen ausgeglichen werden; es muß es, nach Ziegler, wenn nicht die jüdische Intelligenz uns verloren gehen soll. Ganz richtig betont er, daß ja auch in diesem, gesetzlichen Teil Ziel und Zweck das Geistig-Sittliche ist und darum eine Versöhnung nicht schwer fallen kann. Aber wie denkt sich Ziegler die Einschränkung des Rituellen, die er empfiehlt? Will er eine Reform im Kultus, in Aeußerlichkeiten, das protestantische Schnittmuster, wie es nach den Experimenten . eines Jahrhunderts sich durchaus nicht als Balsam für unsere Wunden bewährt hat? Oder will er auch die jüdische Religion und Ethik über den Kamm des Gesetzes der Entwicklung scheren? —So wie es in der Kunst Höhepunkte gibt, hinter denen wir heute so weit zurückstehen, daß wir nichts Besseres tun können, als diese alten Muster immer und immer wieder studieren und an ihnen das Wesen der Kunst begreifen lernen, so bleiben unsere klassischen Religionsquellen uneingeschränkt der Jungbrunnen, aus dem wir unser religiöses Fühlen immer neu beleben. Nur ist es endlich Zeit, sie der Welt außerhalb des engen Kreises der in Sinn und Deutung Eingeweihten zeitgemäß zugänglich zu machen. Auf diesem Wege immer wieder Neues schaffen! Wir haben noch keine Bibel und noch keinen Talmud, die in der Sympathie des gebildeten Juden unserer Zeit mit Goethe und Heine irgendwie konkurrieren. Wie traurig, wie beschämend für unser tintenklecksendes Neujudentum! Und der öffentliche Gottesdienst? Die Lektüre aus der heiligen Schrift muß noch mehr als bisher in den Mittelpunkt des Gottesdienstes gerückt werden, natürlich mit dem Aufgebot aller Mittel auch in den Brennpunkt des Interesses der Synagogenbesucher. Von dem übrigen Gottesdienst gilt allerdings in mancher Hinsicht ein: Weniger wäre mehr (vgl. die Stimmführer der Orthodoxie über das Wehu rachum, Schefoch chamos’cho u. a. m.) Der Jomkippur ist auch hier in seinen Hauptstücken als eine Form, die wirklich, ganz mit Geist erfüllt, ihre Berechtigung, ja Notwendigkeit aus sich selbst erweist, unantastbar. Je schlichter, desto erschültender wirkt dieses große Rufzeichen an jedes jüdische Herz. Die anderen Gottesdienste hingegen bedürfen, um wirklich erweckend zu wirken, einer gründlichen Revision. Das Kürzen allein und Verdeutschen tut es durchaus nicht. Zwischen dem Künstlerischen und Gedanklichen oder sagen wir zwischen dem rein gefühlsmäßigen und dem geistigen Moment müßte ein Ausgleich stattfinden. Die Kunst — natürlich nur von echter kann hier die Rede sein, der Künstelei ist das schlichte, verständj ^Wärmende, unmittelbar Erhebende, Tröstende, mit Herzensfäden ^.•sGeneration an Generation Kettende. Hier keine Schere, sondern if{^Vertiefung und Ausbauen! Wo liegt ein stärkeres Reservoir für i; i echte Geistesreligion, als in den Gemütsschätzen des jüdischen Hauses? Zielpunkt: Das Kind! j.i Dort freilich, wo dem ernsten Juden, der sein Judentum über alles liebt, das Herz bluten müßte; dort wo sittliches Empfinden, Forderung der Geistesreligion den Kontakt mit aktueller Übung verlieren, wo rituelle Vorschrift zu irgend einem Mißbrauch die Handhabe bieten könnte, dort ehrlich und tatkräftig und unnachsichtig ein- und durchgreifen, das ist eine Forderung, die keinen Aufschub duldet. Und die zweite: Hinaus aus der Vertretung des Judentums alles, was von der Außenwelt uns Unglimpf, durch das böse Vorbild im Innern Fäulnis eintragen muß. Vor allem auf der Hut vor einer Geschäftsorthodoxie, deren Maßstab das Portemonnaie ist, und jener Schinkenorthodoxie, die bei Dressei sich Schweinernes servieren läßt und in der Oranienburgerstraße am grünen Tisch gegen die leiseste Reform im Religionsunterricht faucht! Das sind Punkte, über die jeder eine Klärung herbeisehnt, in dem die Uebei zeugung lebt, daß das Judentum die einzig zutreffende Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Religion ist und daß es, anstatt von der weltgeschichtlichen Bewegung überholt zu sein, einst über den Trümmern aller historischen Religionen den Bauplan abgeben wird für; die.Re Ii g i o n der Zukunft. Bücher, wie das Zieglerlsche, haben den Vorteil, zu solcher Aussprache den Anstoß zu geben. Auf der einen Seite, im Osten, das Gespenst der Verelendung, auf der anderen das »Taufhaus des Westens«, die Kirche mit ihren Seelenfangarmen. Daß etwas geschehen muß, empfindet jeder. Wo ein Wille ist, ist ein Weg! I. Die religionsgeschichtliche Bedeutung Rabbi Akibas. Vortrag, gehalten von Rabb. Prof. Dr. j. Hirsch. — ii. Der Kampf um die Emanzipation «Rr Juden. Vortrag, gehalten von Rabbiner Prof. Dr. A. Deutsch. Prag 1912. Publikation des Vereines „Afike Jehuda“ in Prag. Der rührige Verein „Afike Jehuda“ veröffentlicht die in der Ueherschrift genannten beiden Vorträge, deren Qualität ein vortreffliches Zeugnis für seine auf die Verbreitung und Förderung der Wissenschaft des Judentums gerichteten Bestrebungen ablegen. Den vielfach geäusserten Wünschen, die im Vereine gehaltenen Vorträge auch der breitesten Oeffentlichkeit zugänglich zu machen, ist der Verein durch diese Publikation in dankenswerter Weise entgegengekommen. Sie bilden aber auch einen wertvollen Beitrag zur jüdischen Wissenschaft, in dem sie teils bekannte Einzelheiten in konziser, zusammenfassender Form wiedergeben, teils neue Forschungsresultate bringen. Die von der Sage verklärte Gestalt des R. Akiba erscheint in Dr. Hirschs Arbeit im vollen Glanze ihrer Bedeutung für die Religionsgeschichte. Der Verfasser stellt zunächst die im Talmud und in den Midraschim enthaltenen biographischen Notizen zusammen und entwickelt aus deren geschichtlichen Niederschlag den Charakter des grossen Lehrers, seine Lehrweise, seine Bejahung des Judentums, seine Polemik gegen das griechische Freidenkertum. Der Kernpunkt der Ausführungen gipfelt in der Darstellung der Polemik Akibas gegen den Apostel Paulus. So verlockend es nun auch wäre, die Ausführungen Doktor Hirschs im einzelnen durchzugehen, so muss sich der Bericht dennoch nur auf diese allgemeine Skizze beschränken und die Lektüre dieser kurzen, aber ausserordentlich inhaltsreichen und wertvollen Arbeit aufs wärmste zu empfehlen. Im zweiten Teile der Publikation entwirft Dr. Deutsch ein kurzes, effektvolles Bild des Kampfes um die Emanzipation der Juden, wobei er gleich von vorneherein das Geschichtsfeld abgrenzt : das ehemalige römische Weltreich. Der Verfasser schildert vorerst die günstigen Verhältnisse der Juden in Rom, die Nachahmung jüdischer religiöser Bräuche durch die Römer und die dadurch veranlasste gegenjüdische Bewegung, die zur Zeit Hadrians zur Unterdrückung der Juden führte. Treffend sind seine Bemerkungen über den grundsätzlichen Hass des jungen Christentums gegen die Mutterreligion. Die Darstellung des Emanzipationskampfes durch all die Jahrhunderte hindurch bis zum endlichen