Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Blochs WochMschrift Sette 349 Gründungsversammlung des Vereines der iraditious- Irenen Juden der ganzen Erde „Agudas Jisroel" l Köln a. Rh. Am 3. Mai, 2 Uhr nachmittags, findet in Köln a. Rh., Hotel „Goldener Stern", die Gründungsversammlung des Vereines Thoratreuer Juden der ganzen Erde „AgudaS Jisroel" statt. Gefinnungsgenossen aus allen Ländern werden zuin Erscheinen eingeladen. Feuilleton. David Ignaz Fromm. Aus dem fernen gelobten Lande, wie es einem Frommen des auserwählten Volkes geziemt, kam David Ignaz Fromm nach Smyrna, und da nahm ihn die Polizei gefangen. Auf seiner heiligen Wanderung eine so profane Unterbrechung! Erfüllt von der Weihe seiner Mission, den Brüdern des Abendlandes die im Morgenlande eingesogene Frömmigkeit mitzuteilen, wird er von rauhen Schergen aus seinen Himmeln gerissen. Es ist gut, daß der Schmerzensschrei des eingekerkerten Pilgers nicht an die Ohren der Israelitischen Allianz gedrungen ist. Sie würde vielleicht eine Aktion unternehmen und Delegierte gingen nach Smyrna, um den frommen Glaubensgenossen aus der unwürdigen Haft zu befreien. Das Gefängnis in Smyrna, dessen Mauern David Ignaz Fromm in diesem Augenblicke bergen, ist sicherlich kein angenehmer Aufenthalt. Feuchte Wände, ungevielter Boden, hoch oben ein vergittertes Fensterlein, so denke ich mir das Gelaß, worin der Fromme weilt. Der lange schwarze Kaftan bedeckt seine hagere Gestalt, die unsteten Augen in dem bleichen asketischen Gesicht blicken sehnsüchtig nach dem kleinen Stückchen Himmel, das Mau und glänzend ist> wie das unendliche Gewölbe, das chher der Stadt Jerusalem liegt; doch das Unerfüllbare seiner Sehnsucht erkennend, läßt er die Hände schmerzvoll durch seinen Bart gleiten oder seine Finger ringeln ungeduldig die zierlichen Löckchen an seinen Schläfen. Selten ist so grimmige Satire geschrieben worden, wie sie sich im Lebenslauf David Ignaz Fromms ab' spielt. Ich entsinne mich, seiner sehr genau aus der Zeit, da er in unserem Parlamente zum Sprechen sich erhob und die Juden spießte, zu Asche verbrannte und diese dann in alle Winde streute. Was im Laufe van vier — fünf Jahrhunderten über die Juden Böses erfunden und in die Menge geschleudert wurde, das wußte er in wenige Worte kompromiert zum besten zu geben: die Habsucht, das rituelle Märchen, Vaterlandslosigkeit, und was dergleichen hübsche Dinge mehr sind, alle waren ihm! geläufig, alle dienten ihm dazu, die verhaßten Juden anzuklagen. Freilich hieß er damals noch nicht David Ignaz Fromm, sondern Franz von Udvary, und war ein gehegter Kämpe der frommen Volkspartei, ein Antisemit unreinsten Wassers, aus einem der unduldsamsten Wahlbezirke als Abgeordneter in den Reichstag entsendet. In seiner frühesten Jugend war er Sportsmann gewesen, einer der ersten, die auf dem Zweirade eine Reise nach Paris unternahmen. Dann ward er Leutnant bei den Husaren, endlich antisemitischer Abgeordneter, der Freund einer Prinzessin, schließlich vergeudete er die Gelder des Institutes, das er leitete, und verschwand dann eines Tages, um erst jetzt wieder im itleibe und mit dem Namen eines frommen Iuden aufzutauchen. Ob es dem braven früheren antisemitischen Abgeordneten nicht furchtbar wehe tat, als David Ignaz Fromm durch die. Welt zu wandern?? Er war wohl in Jerusalem gewesen, denn von Jaffa hatte er seinen Weg genommen, als er nach Smyrna kam, und wer weiß, ob er nicht unter den frommen Juden vor den Mauern des Tempels Salomonis gestanden, ob er nicht die Mär verbreitet hatte, er sei nach dem gelobten Lande gekommen. um hier auszuruhen und gottergeben den Augenblick zu erwarten, da er sich zu seinen Vätern versammeln würde. Er hätte klug gehandelt, wenn er dort geblieben wäre, aber es mochte ihm auf die Dauer etwas langweilig geworden sein. Er hatte zu wenig von Tolstoi in sich. Der war auch einmal ein glänzender Offizier gewesen, hatte viel Geld ausgegeben und das Herz mancher schönen Frau höher schlagen gemacht. Als er aber der Eitelkeit der Welt.entsagt hatte, blieb er bei seinem frommen Anachoretentum. Der ehemalige antisemitische Abgeordnete Franz Udvary scheint ja ähnliches im Sinne gehabt zu haben, gelangte aber über die ersten Versuche nicht hinaus. Es gehört nämlich auch etwas Philosophie dazu, den irdischen Genüssen zu entsagen. Philosoph ist er aber niemals gewesen. Als es mit allen Herrlichkeiten zu Ende -war, die die Stelle eines Bank-- direktors, eines forschen Offiziers und antisemitischen Abgeordneten gewährt, war es seine einzige Sorge, seine Haut zu retten, und da ihm die alte nicht sicher genug schien, schlüpfte er in eine jüdische. Wer sollte den schnei?- digen Offizier und Brandredner in David Fromm erkennen? Und er wurde dennoch erkannt und hinter Schloß und Riegel gesetzt. Wem es so sehr darum zu tun sein mag, daß er nach Budapest gebracht und dem Gerichte gestellt werde? Er wurde über Land und Meer verfolgt, man spürte ihm nach, sandte Steckbriefe aus, veröffentlichte seine Photographie, kurz, es wurde alles in Bewegung gesetzt, um seiner habhaft zu werden. Dabei ist dem Manne nur die Kleinigkeit vorzuwerfen, daß die Anteilscheine des von ihm verwalteten Institutes wertlos geworden und die Einlagen verschwunden sind. Darüber sind Jahre vergangen, und wenn er jetzt zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt würde, er wüßte doch nicht einen einzigen Heller des verschwundenen Geldes zu ersetzen. Weshalb wird er dennoch so scharf verfolgt? Ist es die unerbittliche Gerechtigkeit, die Sühne heischt? Das mag ja allerdings der Fall sein: es scheint aber noch etwas dahinter. Es waren nur einige Aristokraten und Mitglieder des Klerus, die ihm Geld anvertraut hatten, und die Herren scheinen darüber nicht zur Ruhe kommen zu können, anstatt fetter Dividenden nicht einmal ihr Kapital wiedererhalten zu haben. In Geldfragen ist man in jenen Kreisen sehr empfindlich, da hören Scherz, Freundschaft und Frömmigkeit auf. und deshalb ist es nicht ausgeschlossen, daß die so besonders energische Verfolgung David Ignaz Fromms von gewichtiger Seite Nachdruck erhielt. Und nun erreicht ihn sein Schicksal. Wäre er nach Amerika entflohen, so hätten ihn die Herren hübsch in Ruhe gelassen, denn sie hätten es sich zweimal überlegt, das Auslieferungsverfahren eiwleiten zu lassen, das immer ein hübsches Stück Geld kostet. Doch in Smyrna ist die Geschichte billig, und da leistete man sich das Vergnügen, ihn gefangen setzen zu lassen und seine Auslieferung zu verlangen. Ob sie diese aber auch eifrig betreiben werden, nachdem sie erfahren haben, daß sich ihr undankbarer Schützling in einen David Ignaz Fromm verwandelt hat und im Kaftan und mit Stöpselziehern an den Schläfen in Budapest eingeliefert werden dürste? Welchem Aristvskraten, welchem Domherrn würde es nicht derogieren, vor den Richtern zu gestehen, einen Menschen solchen Namens und solcher Erscheinung einst zu seinen Freuniden, zu seinen Vertrauten gezählt zu haben? Auf der einen Seite die frommen und hochmögenden Herren, und