Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 15 (12.4.1912)
- Date
- 1912-04-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3021997--21061-3046134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
Seite 246 - Dr. Blochs WochMchrift Nr. 15 Provinz gebracht Werden. Denn ob ein Staufmann unH zumal ein Jude Kronen-Trinkgelder gebe oder .nicht, wissen wir nicht bestimmt. Datz aber die Weisheit, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit solcher Richter keine Krone wert sei, wissen wir ganz bestimmt. Zurückgewiesene Erbschaft nach einem, getauften Bruder. Aus Budapest wird uns geschrieben: Der Oberrabbiner von Hunsdorf, das Haupt der berühmten Hunsdorfer Jejchibah, Samuel Rosenberg, hatte einen Bruder in Paris, mit dem der fromme Rabbi jeden Verkehr aufgegeben hatte, weil dieser aus der Art geschlagene Bruder dem Judentums den Rücken gekehrt hat. Vor kurzem starb nun dieser Bruder und hinterlieh dem Oberrabbiner von Hunsdorf testamentarisch 30,030 Kronen. Obgleich dieser in sehr bescheidenen materiellen Verhältnissen lebt, hat er die Erbschaft zurückgewiesen, weil er selbst auf diese Weise nicht mit dem Renegaten, der ihm so viel Herzeleid verursacht hat, nach seinem Tode irgendwelche Berührungspunkte haben will. Warnung vor Kitzbühel. Der Verkehrsverein Kitzbühel versendet folgendes Zirkular: K i t-z b ü h e-1, den 29. März 1912. Euer Höchwolgeboren senden wir auf werte Anfrage Prospekt und Wohnungsliste. — Es dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, dass bezüglich der Vermietung von Privatwohnungen an Juden Kitzbühel schon seit 17 Jahren eine Ausnahme von anderen Sommerfrischen macht und gewöhnlich nicht an Juden vermietet. Dass trotzdem in ein oder der anderen Wohnung sich Juden einmieten, ist bei der grossen Anzahl -von Wohnungen nicht ganz zu vermeiden. Stets gerne zu Diensten, zeichnet Hochachtungsvoll Verkehrsverein Ivitzbühel. Die Juden aus München und Berlin haben es längst abgelehnt, nach Kitzbühü zu gehen. Es ist aber endlich auch an der Zeit, daß selbst die Wiener Juden zu der gleichen Erkenntnis gelangen und darauf verzichten, um für viel Geld primitive Wohnungen, minderwertige Lebensmittel und schlechte Gasthauskost zu genießen und schließlich noch als Juden angeflegelt zu werden. In Kitzbühel geht die Judenhetze nicht von den Christlich- Sozialen aus, die dort in der Minorität sind, sondern von den Deutschnationalen, welche dort in den radikalsten Exemplaren herrschen. Die Gemeindevertretung, die Leitung aller Vereine liegt in den Händen deutschnationaler Judenhetzer, das sollen die Wiener Juden zur Kenntnis nehmen. N. Stern, München, Türkenstraße 26. Die Rrtualmordlegende in Bulgarien. Schon lange hat die Ritualmordsumpfpflanze nicht an so vielen Orten ihre giftigen Blüten gezeitigt, wie in diesem Jahre vor dem Pessachfeste. So hatte diesmal auch Bulgarien, wo. wie wir bereits berichteten, in jüngster Zeit ausländische Hetzer den Antisemitismus unter die Bevölkerung zu tragen bemüht sind, seine Ritualmordgeschichte, die wohl sich schon nach zwei Tagen als Lüge erwies, aber auch während dieser kurzen Frist die Juden des Städtchens Stanrmaka bei Philippopel sehr stark beunruhigte und ihnen schweren Schaden zufügte. Die Geschichte spielte sich hier wie überall ab. Der zwölfjährige Iwan Dimitrow, Schüler der vierten Klasse der bulgarischen Schule, wurde in der Schule bestraft, worauf er aus dem Städtchen verschwand. Als der Knabe spät abends nicht nach Hause kam, begab sich der Vater in Begleitung von Gendarmen und mehreren Personen auf die Suche nach dem Kinde. Charakteristisch für die bereits gereizte Stimmung der Bevölkerung ist es. nun, daß die Suchenden es für ganz selbstverständlich hielten, das verschwundene Kind vor allem bei den Juden zu suchen, wo es natürlich nicht gefunden wurde. Man ging sogar so weit, die Synagoge durchzustöbern, und selbst die Bundeslade mutzte geöffnet, die Thorarollen herausgenommen werden, um festzustellen, ob sich dort nicht eine Spur des Kindes vorfinde. Auch hier blieben die Nachforschungen selbstverständlich resultatlos. Nun begab sich diese merkwürdige Kommission, die inzwischen immer grötzer und grötzer wurde, in das Haus des Juden Nefsim B. Jsaac. Die Menge vor dem Hause begann bereits die Herausgabe des Kindes oder des Juden zu fordern. Andere Juden, die sich zum Bürgermeisteramt begeben wollten, um die Behörden auf die drohende Gefahr aufmerksam zu machen, wurden von der Polizei selbst attackiert. Militär mutzte ausrücken, um grötzere Ausschreitungen zu verhüten. Diese kritische Situation hielt bis am Abend des zweiten Tages an, um welche Zeit ein aus Philippopel kommender Kaufmann die Nachricht brachte, datz auf der Landstratze, die nach Philippoyel führt, ein ungefähr 12jähriger Knabe gesehen worden sei. Ein ausgesandter berittener Gendarm brachte auch tatsächlich nach einer Stunde den vermitzten Knaben unversehrt seinen Eltern zurück, und der Bürgermeister, der, wie man gerechterweise hervorheben mutz, sich in dieser kritischen Situation sehr korrekt benommen hatte, liefe sofort durch städtische Ausrufer die Bevölkerung verständigen, datz der Knabe bereits im Hause seiner Eltern sich befinde. Hat schon diese kurze Zeit der Abwesenheit des Kindes genügt, datz der Mob des Städtchens einige jüdische Kaufläden erbrach und plünderte, so kann man sich wohl ausmalen, welch Unglück über die armen Juden dieser Stadt und vielleicht auch der übrigen Städte Bulgariens hereingebrochen wäre, wenn das Kind sich irgend ein Leid angetan hätte oder aus einem anderen Grunde längere Zeit unauffindbar geblieben wäre. Jüdische Kulturförderung in Algier. Die Universität von Algier hat dieser Tage eine Widmung einer hochherzigen jüdischen Dame, Madame Azoulay, erhalten. Die Widmung beträgt 200,000 Fr., deren Zinsen dazu dienen, an der Universität Laboratorien für moderne wissenschaftliche Forschungen zu erhalten. Die französische Regierung hat nun die Universität ermächtigt, diese Stiftung anzunehmen. Hoffentlich wird die französische Regierung auch dafür sorgen, datz jüdische Professoren an dieser Universität Stellungen finden können. Vorläufig ist die Rechtslage der Juden in Algier eine noch sehr ungeklärte und für die Juden sehr unsichere. Juden in der konsultativen Körperschaft in Tunis. Die Conference consultative, eine parlamentarische Beratungskörperschaft in Tunis, hat dieser Tage zwei Juden zu Mitgliedern gewählt. Der eine, Dr. Cattan, wurde als Franzose hineingewählt, während der zweite, Fitussi, aus der Gruppe der Eingeborenen gewählt wurde. Jerusalem. Der bekannte amerikanische Philanthrop Nathan Straus, Bruder des früheren amerikanischen Botschafters in Konstantinopel, samt Gemahlin weilten dieser Tage in Jerusalem. Die edle Frau besuchte wiederholt die von der deutsch-holländischen Palästina-Verwaltung erhaltene Volksküche und fand, datz diese Einrichtung im Verhältnisse zu dem in Jerusalem herrschenden Elend noch lange nicht ausreichend fei. Sie bat deiL Verwalter der erwähnten Palästinw-Verwaltung, den aus Ungarn stammenden ehemaligen Alsokubiner Oberrabbiner I. Horovicz, datz unverzüglich neue ge-