Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3021996--21047-3046119- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14 Dr. Vlochs Wochenschrift Seite L33 werden. 40 Plätze sind Freiplätze, die übrigen Internen zahlen 3 Dollars per Woche, die Erlernen 2 Dollars im Monat. Praktischerweise findet die Aufnahme während des ganzen Jahres statt, und dauert der Kurs nicht für alle gleich lang, sondern je nach den individuellen Fähigkeiten. Die Internen müssen den Haushalt fürs ganze Heim besorgen und wechseln ihre Hausarbeit alle zwei Monate, um in allen Haushaltungsfächern bewandert zu sein. Wer eine Saisonarbeit erlernt, muh eine zweite lernen, die in einer anderen Saison geübt wird. Es bestehen vier Kurse: 1. für Weihnähen, in dem alle komplizierten Arten amerikanischer Herren- und Damenluruswäsche gelehrt werden und aus dem die Mädchen sofort in Berufsarbeit übertreten können. 2. Ein Maschinnähkurs, nach dessen guter Absolvierung das Mädchen einen Anfangslohn von 4—6 Dollars, später einen Lohn von 7—25 Doll, per Woche erlangen kann. Die Schulstunden sind in beiden Kursen von 9—12 und von halb 3—6. Samstag und Sonntag ist frei, aber an allen Wochentagen ein Abendkurs für solche Schülerinnen, die keinen ordentlichen Volksschulunterricht oder wenigstens keinen in englischer Sprache erhalten hatten, und wobei auf Orthographie, Rechnen, die Bedürfnisse des Erwerbslebens, aber auch auf amerikanische Geschichte und Geographie Gewicht gelegt wird. Nach Absolvierung dieser beiden Kurse, die je nach Talent 7 Monate bis 2 Jahre in Anspruch nehmen, können die Mädchen in den Kleidermachkurs (aber nur für Interne) kommen, in dem es schon nicht mehr schulgemäß, sondern wie in einem richtigen Kleidersalon zugeht, die Mädchen haben nur mehr eine anderthalbstündige Mittagspause, nach ihrem Austritt können sie leicht 7—8 Dollars Anfangswochenlohn, später 12—28 Dollars erzielen. Der vierte, der Modistinnenkurs, wurde am spätesten begründet, weil man hier besonders die Gefahren der Saisonarbeit fürchtete,- indessen hat sich gerade hier die leichteste Erwerbs- und Selbständig-» machungsmöglichkeit ergeben, ebenso wie bei uns in Wien, so dah schon manche der heutigen Newyorker Saloninhaberinnen Schülerinnen dieses unter der Leitung einer Pariser Dame stehenden Kurses waren. Die Zöglinge aller vier Kurse müssen Abendklassen für Flicken und Ausbessern und Körperpflege gratis besuchen; sie sind in zwei Klubs nach ihrem Alter geteilt, der abends Unterhallungen mit Lektüre und Musik im Heim veranstaltet. Ebenso finden Unterrichtsstunden in rhythmischer Gymnastik statt. Am Freitag abends hält die Direktorin einen Gottesdienst nach einem Gebetbuch, das Angehörige jeder Religion beten können und das in den gemischten Schulen der Union allgemeinen Eingang hat, am Samstag resp. Sonntag werden die Schülerinnen zum Iugendgottesdienst in den Tempel resp. Kirche in der nächsten Nähe geführt, wo ihnen Plätze reserviert sind, und hält die Direktorin nachmittags eine Bibelslunde 'für Jüdinnen, Sonntag für Christinnen. Das Heim selbst beherbergt außer den internen Industrieschülerinnen verwaiste Mädchen oder solche, deren Ellern nicht in Newyork leben, bis zum 21. Jahre. Sie zahlen alles in allem 3 Dollars per Woche und dürfen über kein größeres Jahreseinkommen als 350 Dollars verfügen. Wer die abscheulichen Wohnungen der Newyorker Arbeiterinnen, diese Brutstätten der Tuberkulose und Prostitution kennt, wird den Wert dieses Heimes nicht hoch genug anschlagen können. Amerikanischen Verhältnissen entsprechend herrscht in demselben ein freierer Geist als in unsern so trefflichen ähnlichen Anstalten. Die Mädchen können sich zu den Mahlzeiten für sehr billiges Geld Gäste einladen, dürfen bis halb 11 Uhr, Sonntags bis 12 Uhr ausbleiben, jeden Sonntag stellt das Heim für den Unterhaltungsabend einen Klavierspieler bei, hie und da auch eine berühmte Konzertsängerin, allein unter den mitwirkenden Damen und Herren sieht man meistens die vornehmen Mitglieder des Aufsichtsrates und ihre Frauen, die ihre künstlerische Begabung zur Erheiterung der Jugend widmen, und die Mädchen werden aufgemuntert, nicht nur einen, sondern alle ihre Freunde zum Tanz zu laden, damit sie in Ruhe die Auswahl des Künftigen treffen können, was alles durch die bis in die unteren Schichten anständige Form des amerikanischen Flirts möglich ist. Jeden Dienstag gibt die Direktorin des Heimes einen Jour mit Schokolade und Kuchen für die Heimbewohnerinnen, wo esganz manierlich und fein zugeht, wie bei den Jours der Gesellschaft, nur daß die Mädchen Handarbeiten und die Direktorin zeitweise vorliest, also eine praktische Kniggeschule. Das Menu der täglichen Mahlzeiten wollen wir lieber nicht anführen, es würde den Neid manches Mittelständlers erregen, da aber das Heim doch mit der Kochschule verbunden ist, ist gerade bürgerliche Kost notwendig. Die im Vergleich zu uns billigen Lebensmittel ermöglichen trotzdem, daß der Kopf per Tag nicht höher als 71 Cents kommt. (Die Wirtschaft führt eine Oesterreicherin, Fräulein Gichner aus Bielitz.) Den Mädchen steht außerdem eine Wärterin, Krankenzimmer unentgeltlich, ein Arzt zu Spottpreisen, die für Medikamentenankauf verwendet werden, zur Verfügung, nur schwere Fälle kommen ins Spital. Was wunder, daß für dieses Heim Hunderte von Anmeldungen vorliegen, namentlich auch von staatlichen und anderen Wohltätigkeitsanstalten. Daß das Mädchen nur bis zum 21. Jahre Aufnahme findet, könnte man bemängeln, wenn nicht den amerikanischen Verhältnissen entsprechend, die Insassinnen bis dahin meist aufgeheiratet wären, wobei Trauung und Hochzeitsjause meist im Heim stattfindet. Fräulein Sommerfeld ist nicht bloß eine geniale Direktorin ist eine treffliche Erzieherin, die vertraute Freundin ihrer Zöglinge, die ohne ihren Rat keinen Schritt unternehmen und ihr auch alle ihre Herzenssorgen anvertrauen. Leider hat das Heim nur für 75 Mädchen Platz, und wäre vielleicht bei weniger luxuriöser Anlage und Bau mehr zu leisten gewesen. Angebaut wurde 1904 das Heim für eben Eingewanderte, die direkt von der Landungsstelle Ellis Island kommen. Die damaligen Enthüllungen der amerikan. Presse über die schauderhaften Vorgänge, die sich daselbst abspielen, wie tausende und abertausende Mädchen aller Rassen und Konfessionen von Heiratsschwindlern. Mädchenhändlern und -Händlerinnen, Fadrrks- und Bergwerksagenten durch Annoncen in europäischen Zeitungen über das Meer gelockt und dort hilf- und schutzlos, ohne mindeste Kenntnis von Sprache, Land und Leuten der Schande oder schonungslosester gewerblicher Ausbeutung preisgegeben wurden, ja selbst solche, die ihren Eltern oder Verwandten nachgeschickt werden, aber aus Ungeschick von diesen Bauernfängern abgefangen und für immer ins Elend gebracht werden. — diese skandalösen Vorgänge füllten Spalten der amerikanischen Zeitungen und riefen neben einem Entrüstungssturm sofort staatliche und Dereinsabhilfe hervor, ohne daß leider das Uebel mit der Wurzel getilgt werden konnte. Doch wurde von dem Hirschheim sofort aus dem angesammelten Geld der Neuanbau als Zufluchtsstätte für jüdische Emigrantinnen errichtet, und zwar in Uebereinstimmung mit dem Staat und den großartigen jüdischen Einwanderungsschutzgesellschaften. Vorstandsdamen erwarten die jüdischen Mädchen, die nicht von Verwandten abgeholt werden, auf Ellis Island — zahlreiche Verwandte, die nicht in Newyork leben, bitten sogar das Hirschheim um diesen Liebesdienst — bringen die Mädchen für billiges Geld im Heim unter (3 Doll, per Woche), versorgen ihnen