Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 14 Seite 227 Dr. Blochs Wochenschrift Zentralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag. Zu Gunsten der Handwerkerabteilung des Vereines hielt Herr Regierungsrat Prof. Dr. Wilhelm Jerusalem aus Wien am 31. d. M. im jüdischen Rathausfestsaale einen Vortrag über „Spinoza und das Judentum". Nach einer kurzen Darlegung der Lebensschicksale Spinozas sowie des Grundgedankens seiner philosophischen Weltanschauung, wies Redner von präzis formulierten Gesichtspunkten nach, wie die Lehren Spinozas denV Judentums keineswegs feindlich gegenüberstehen, sondern vielmehr in demselben wurzeln; dafür finden sich in der Bibel und Mischna, insbesondere bei zahlreichen Propheten und Psalmisten, Anhaltspunkte genug. So ist die Allgegenwart Gottes, die die heilige Schrift betont, bei Spinoza das in der Natur, im Weltall waltende Göttliche. Auch die anthropomorphische Vorstellung Gottes, die der Spinozismus bekämpft, ist ja dem Judentum eigentlich fremd und besonders Raschi weist in seinen Kommentaren immer darauf hin, daß die Vermenschlichung Gottes an einzelnen Bibelstellen nur figürlich zu nehmen ist. Aber auch der Gedanke des Jenseits ist ein erst in die jüdische Vorstellung hineingetragener und die Freude an dem Diesseits, die einerseits im richtigen Lebensgenüsse, andererseits in der getreuen Pflichterfüllung ihren Ausdruck findet, ist der jüdischen Lehre und der Spinozas gemeinsam. Keinesfalls das jüdische Schrifttum mißachtend, sondern dessen tiefgründige Wifsensschächte gleich Elisa ben Abuja, dem bekannten „Acher", mit kritischem Sinne wertend, hat Spinoza im Wesen jüdisches Denken für seine Forscherarbeit herangezogen. Es kann somit auch jeder Jude die Lehre Spinozas, die in sittlicher Vervollkommnung und Nächstenliebe gipfelt, zu der seinen machen und auf diese Art nicht nur das Andenken des von seiner Zeit vielfach nicht verstandenen jüdischen Weisen ehren, sondern auch dazu beitragen, dem Judentume die ihm in der Welt gebührende Stelle zu erkämpfen. Der Vortrag, der in geistvoller Aneinanderreihung viel des Neuartigen und Originellen bot und der gespannt lauschenden Zuhörerschaft Gelegenheit gab, die profunde Gelehrsamkeit Jerusalems auch in der Hebraicis zu bewundern, wurde von dem den großen Saal dicht füllenden, aus allen Gesellschaftskreisen herbeigeströmten Publikum mit stürmischem Beifall ausgenommen. Nach der Vortragsveranstaltung, zu der außer den Repräsentanten des Prager Judentums auch zahlreiche Vertreter der Wissenschaft, Literatur und des Lehramtes erschienen waren, fand zu Ehren des Gastes, sowie seiner gleichfalls anwesenden Gattin ein Begrüßungsabend im Hotel Bristol statt, bei welchem Prof. Jerusalem seitens des Obmannstellvertreters Doktor Julius Brandeis in ungemein fein pointierter, eine tiefe Spinozakenntnis verratender Rede der Dank des Ausschusses ausgesprochen wurde. Der Geschästsleiter Dr. W e l t s ch nahm in seinem Toaste auf die Gattin Jerusalems mehrfach auf dessen Schriften Bezug, während Prof. Dr. Kisch in interessanter und freimütiger Weise die Stellung des Rabbiners zu Spinoza beleuchtete. Nachdem noch Herr MUDr. Ed. F i s ch l in geschickter Verkettung mit dem Vortragsthema jüdische Tagesfragen zur Sprache gebracht, dankte Prof. Jerusalem in geistvollen Worten für die Ehrung, wobei er das Wirken des Zentralvereines würdigte. Königliche Ernennung des Direktors der Budapester Landes-Rabbinerschlüe. Wie das Budapester Amtsblatt meldet, hat der König von Ungarn den bekannten Gelehrten Professor Dr. Wilhelm Bacher, der bisher die Rektorstelle am Budapester Landes-Rabbinerseminar inne hatte, auf Vorschlag des ungarischen Ministers für Kultus und Unterricht zum lebenslänglichen Direktor an dieser Anstalt ernannt. Diese Ernennung, die in Ungarn Aufsehen erregte, lenkte deshalb die Aufmerksamkeit auf sich, weil sie zum erstenmale die Direktorstelle an der Rabbinerbildungsanstalt statuiert. Bisher hatte nämlich die Anstalt, die unter staatlicher Aufsicht steht, keinen Direktor. sondern nur einen vom Kuratorium und dem Professorenkörper freigewählten Vorsitzenden des Lehrkörpers. Aber auch die Statuierung der Direktorstelle gewinnt dadurch hervorragende Bedeutung, daß sie von nun ab mittels königlicher Ernennung besetzt wird. Es dürfte dies der einzige Fall sein, daß ein Direktor an einem Rabbinerseminar vom Monarchen ernannt wird. Die jüdische Bevölkerung von Budapest. Dieser Tage erschien das amtliche Endergebnis der im Jahre 1910 vorgenommenen Volkszählung in Budapest. Hiernach betrug die jüdische Bevölkerung Budapests damals 203,687 Seelen, d. h. 23,1 ü<> aller Einwohner der ungarischen Hauptstadt. In jedem der vorherigen Jahrzehnte hatte der Prozentsatz der Juden zur Gesamtbevölkerung um 2---3*Vo zugenommen, in den letzten zehn Iahren hingegen blieb derselbe unverändert. Dieser Umstand wird dem bei der jüdischen Bevölkerung von Budapest in erschreckender Weise herrschenden Einkindersystem zugeschrieben, das bei den Iuden in viel größerem Maße platzgegriffen hat, als bei den Nichtjuden. Würde die Budapester Iudenschaft nicht durch Einwanderung einen bedeutenden Zuwachs erhalten, so würde der Äermehrungsprozentsatz der jüdischen Seelenzahl weit hinter demjenigen der übrigen Konfessionen Zurückbleiben. Exekutive Feilbietung einer Synagoge für die Schulden des Vorstehers. Ein vielfach erörterter Skandal hat sich dieser Tage in einer ungarischen Gemeinde zugetragen. Der Vorsteher der Gemeinde Oroszveg bei Munkacs wurde wegen einer Privatschuld, die er hatte, geklagt und gepfändet. Da er aus dem der jüdischen Gemeinde gehörenden Synagogen- und Schulgebäude eine kleine Forderung intabuliert hatte, wurde auch dieses Gebäude mitgepfändet, und schließlich, trotz aller Einwendungen der.jüdischen Gemeinde, in öffentlicher Feilbietung verkauft. Der Ersteher des Gemeindegutes hat die jüdische Gemeinde sofort delogiert und in der Synagoge und Schule eine große Tischlerwerkstätte errichtet. Meran. Sonntag am 24. März d. I. fand die IV. Generalversammlung des Vereines „Asyl für mittellose kranke Israeliten in Meran" statt. Ein distinguiertes Publikum von Gönnern, Freunden und Mitgliedern des Vereines, die zum Kurgebrauche in Meran anwesend find, fand sich ein und folgte mit Interesse den Berichten des Vorstandes. Präsident Herr Dr. med. M. K o r e f begrüßte die Erschienenen, konstatierte die ordnungsgemäße Einberufung und Beschlußfähigkeit der Versammlung und gedachte in warmen Worten der durch den Tod dem Vereine entrissenen Gönner. Frau Dr. Rosa H e r s ch, die geschäftsführende Vizepräfidentin, gab in ihrem Tätigkeitsberichte eine ausführliche Ueberficht über die geschäftliche Tätigkeit des Vereines und wußte durch die klare und sachliche Berichterstattung die fortschreitende gedeihliche Entwicklung des Genesungsheimes zu veranschaulichen, so daß allgemeiner anhaltender Beifall ihren Ausführungen folgte. Dem Kafsabericht des Kassiers, Herrn Gustav Katzen st ein, und dem Revifionsberichte des Herrn Heinrich Gut mann erwies die Versammlung die größte Aufmerksamkeit und wurde mit großer Befriedigung die umsichtige und genaue Führung der finanziellen Agenden seitens der genannten Herren zur Kenntnis genommen. Einstimmig wurde hierauf dem Vorstande das Absolutorium erteilt. Herr Dr. med. M. K o r e f erstattete sodann seinen ärztlichen Bericht. Allseits große Befriedigung erregten die äußerst günstigen ärztlichen Erfolge, welche das Genesungsheim aufzuweisen hat. Bei Berücksichtigung der vielen schweren Fälle, welche unvermeidlich im Laufe eines Jahres dem Genesungsheime zugeschickt werden, gewinnt die Tatsache noch größere