Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 225 Feierliche Eröffnung der Hochschule Dropsie College in Philadelphia. Vorige Woche fand in Philadelphia die feierliche Eröffnung der Dropsie College, einer Hochschule für hebräische und semitische Sprache und Wissenschaften statt. Dieses Hervorragende Institut hat seinen Namen von dem Gründer und Stifter Moses Aron Dropsie, der fast sein ganzes, eine Million Dollar betragendes Vermögen zur Gründung dieser Anstalt testierte. Ueber den Charakter dieses edelmütigen Stifters erfuhr man aus der Eröffnungsrede des Oberrichters Meyer Sulzberger, Vizepräsidenten des Kuratoriums der Anstalt, folgende interessante Details: Vor 91 Jahren wurde in Philadelphia der Sohn eines holländischen Juden und einer holländischen Christin geboren. Nach einer Uebereinkunft der Eltern sollten die Binder erst im erwachsenen Alter ihre zukünftige Religion selber bestimmen. Unser Held erklärte sich später für die jüdische Religion. * Seine erste Erziehung war den spärlichen Erziehungsmitteln jener Zeit entsprechend. Früh erwachte in ihm die Ambition viel zu lernen und besonders die jüdische Wissenschaft unter seinen Glaubensbrüdern zu verbreiten. Mit 13 Jahren wurde er von seinem Vater, der ein reicher Kaufmann war, zu einem Uhrmacher in die Lehre gegeben. Der kleine Moses Aron hielt es jedoch nicht lange in der Werkställe aus, er warf sich aufs Studium der hebräischen Sprache, und so blieb er ein enthusiastischer Freund dieser Wissenschaft bis an sein Lebensende, das er mit dieser großartigen Stiftung gekrönt hat. Auch der zweite Redner, der Rektor der Anstalt Dr. Cyrus Adler, widmete dem Lebenslauf des Stifters sowie der Geschichte der Anstalt selbst seine Ausführungen. Der Newyorker Professor Salomon Schächter hielt einen Vortrag über Entstehung und Entwicklung des Beth - Hamidrasch im Judentume und meinte, daß dieser Anstalt nichts Rühmlicheres nachgesagt werden könne, als daß sie ein Beth-Hamidrasch und eine Jeschibah in des Wortes schönstem Sinne sei. An der Eröffnungsfeier nahmen auch der Rektor der berühmten Harvard-Universität, Professor George F. Moore, teil, der in einer großen Rede die hohe Bedeutung dieser neuen Hochschule nicht nur für die Juden, sondern auch für die gesamte Wissenschaft nachwies. Interessant in seiner Rede war die Bemerkung, daß Philadelphia, was semitische Forschung anbelangt, besonders vom Glücke begünstigt ist. So sei in Philadelphia die erste hebräische Bibel in Amerika int Jahre 1814 erschienen und ebenso sei daselbst die erste englische Uebersetzung der hebräischen Bibel in Amerika von dem Gelehrten Isaak Leeser veröffentlicht worden. Auch das erste jüdische Rabbinerseminar in Amerika war ursprünglich in Philadelphia. Unter den Festrednern befanden sich auch der Gelehrte Professor Morris Jastrow von der Universität in Pennsylvania und mehrere andere. Bemerkt sei noch, daß an dieser Hochschule im nächsten Herbst der bekannte Schriftsteller Achad Haam (Ascher Günzburg) eine Gastvorlesung über die Ethik im Judentume halten wird. Ebenso hält gegenwärtig der Appellationsrichter Meyer Sulzberger, der auch als jüdischer Gelehrter einen bedeutenden Namen hat, einen Vortragszyklus über die Politik bei den alten Hebräern. Ueberhaupt sollen die namhaften Gelehrten sowohl aus Amerika wie auch aus Europa zu Gastvorlesungen über die verschiedensten Gebiete der hebräischen und verwandten Wissenschaften eingeladen werden. Korrespondenzen. Sehr geehrter Herr Dr. Bloch! Also Sie waren drüben und haben einen Blick in das Antipodengebiet jenseits des großen Ozeans geworfen, wo die durch russische Barbarei vertriebenen Juden ein neues, freies Heim gefunden. Sie haben jene Menschen gesehen, die ehemals als Krüppel und Bettler, gebrochen, zerschunden, beraubt und zertreten aus der Heimat flüchteten, aufrechten Ganges durch ein neues Leben schreiten, die Brust von Freiheit und Männerwürde geschwellt, das Dasein durch humane Gesetze verschönt und gesichert. Sie haben die unglücklichen Sklaven, die unter Knutenhieben aus Odessa, Kischinew. Elisabethgrad, Charkow, Verdyczew und Kiew flüchteten, als amerikanische Bürger begrüßt und einige Sonntage mit ihnen verlebt, die wie Festtage in Ihre Erinnerung hineinleuchten werden. Erinnern Sie sich noch der traurigen Zeit — es war der Winter 1880 auf 1881 als die erste Kunde und die ersten Opfer der russischen Judenverfolgung zu uns gelangten, als unter Alexander II. plötzlich die Furie in den westlichen Provinzen des Zarenreiches erwachte und blut- und beutegierig in die Behausungen und Geschäftslokale der ahnungs- und wehrlosen Juden drang, raubte, mordete, brandschatzte, viel Leben und Wohlstand vernichtete, viele ruhige Existenzen zertrat und Zehntausende Menschen, zu Bettlern und Krüppeln gemacht, aus der Heimat trieb? Erinnern Sie sich noch dieses traurigen Exodus aus dem nordischen Mizraim, aus dem Reiche des modernen Pharao? Karawanen von Bettlern und Kranken, Männer, welche Bündel schleppten, die einige Lumpen und armseligen Hausrat enthielten. Gebetbücher, mitunter, eine Torarolle: die Frauen keuchend, die Kleinen meilenweit tragend: Greise, deren Kräfte versagten, und alle vollständig ausgeraubt bis auf den letzten Heller, erschöpft bis zur Hinfälligkeit - hinter ihnen die entfesselte Bestie, vor ihnen Not und Elend! Und als schon die Grenze erreicht wurde, welche wilde Völker von zivilisierten Menschen schied, als die Flüchtigen den österreichischen Boden betraten, da fanden sie mehr Mitleid als Brot, Almosen, die sich in der großen Menge sehr verdünnten, Obdach, das man froh war in Ställen und Scheunen, in dumpfen Kellern und löcherigen Böden zu finden. Es war ein Elend, das täglich durch Zuzug wuchs und durch Abnahme der Mittel sich steigerte: ein Kampf um eine Brotschnitte, ein Ringen um eine harte Schlafstelle auf kaltem, nacktem Boden: das jammervolle Dasein in der Arena des Lebens, das so lange gedauert, bis die Hilferufe die westlichen Brüder weckte, bis die Israelitische Allianz in Wien, die Alliance Universelle in Paris, ihre Delegierten Charles Netter, Dr. Schaffier und Dr. Friedländer nach Brody entsandten Md die in Berlin, Wien. Leipzig. Hamburg und London entstandenen Komitees Sammlungen an Geld und Kleidung einleiteten! Mit großer Energie und Einsicht begann Netter das Werk der Befreiung durch Entsendung von Auswandererzügen nach Amerika uud nach einigen europäischen Hauptstädten, wobei er eine strenge Auswahl jener traf, die erwerbsfähig waren und ein Handwerk ausüblen. Aber dies Evakuierungswerk geriet bald ins Stocken, die Mittel waren erschöpft und die Zuzüge aus Rußland dauerten fort. Das frühere alte Elend trat wieder hervor: die Notquartiere und Krankenhäuser waren überfüllt, die Brotrationen knapp und die Aussichten düster. Da erschien wie ein Hrmmelsbote Felix Veneziant, der Almosenier des Baron Hirsch, ausgestattet 1: ■f *• {- Xr ' - r' s