Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 14 (5.4.1912)
- Date
- 1912-04-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 224 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 14 gelungen bezeichnet werden zu können. Nur so wird man die drei Porträts von Leopold Horow tz richtig beurteilen können. Mit dem Schlagworte „solide Mache" ist ebensoviel verschwiegen, als gesagt. Sein Bildnis der „Kammersängerin Frau K. H." zeigt gewiß das Können eines Künstlers von Rang, ohne daß es unseren Gefallen erwecken kann. Schwer in der Farbe und nicht am glücklichsten im Ausdrucke; unter dem einen Aermel des Mantels ist keine Hand zu verspüren. was einen unangenehmen Eindruck erweckt. Dagegen ist das Porträt „Sr. Durchlaucht des Fürsten R." treffend im Ausdruck; der Kopf aber in der Farbe zu brandig rot. Ein wenig kalt und nüchtern, Hände und Gesicht utriertfärbig, „Porträt der Frau Dr. S." Trotzdem erst in gemessenen Abstanv die jüngere Porträtistengarde. Das Charakteristische derselben ist die ungemeine Geschicklichkeit und eine elegant reizvolle Oberflächlichkeit. Kein Zweifel, hier wäre viel mehr zu erreichen, wenn Studium und Vertiefung inniger wären. Unter ihnen scheint unsM. W. K r a u s z der mit dem größten Können zu sein. Am besten von den diesjährigen Bildnissen ist das „der Frau Z. Z.". Ungemein apart, in der Farbe nicht gewöhnlich, ist es auch insoweit glücklich gelöst, als trotz des Farbenreichtums nicht der Eindruck des Ucbersärbigen unnobel Utrierten entsteht; die Töne sind fein zusammengestimmt, nur der Kopf ein wenig zu liebsüßlich. Nr. 345 „Porträt der Frau L." ist zwar eingehender studiert, aber Farbe von Kopf und Hände zu brandig braun. Ein drittes Bildnis ist das des „Herrn Felix v. Weingartner". Bei Nikolaus Schattensteins Porträt der „Frau M. E." ist der Kopf als gut gelungen zu bezeichnen; weniger günstig der Körper, schon die Stellung ist nicht glücklich; (der eine Fuß hat keinen Körper, zerfließt unter dem Kleid). Farbe des Kleides und Hintergrundes ist nicht am nobelsten. Roh in der Farbe ist Nr. 69. Nr. 71 „Porträt des Frl. P. L." ist schon zu inhaltslos; auch der sonst reizvolle Gegensatz von Schwarz-Weiß ist hier nicht gelungen. Viktor Scharfs „Porträt" mangelt jegliches Temperament. In der Farbe langweilig, ist das ganze Bild nicht sonderlich freudig. (Die Hand, die den Pelz hält, scheint uns verzeichnet.) Unter die Porträtisten ist diesmal auch Jehudo Epstein gegangen, wovon sein „Doppelporträt" nur allzu lebhaft Zeugnis ablegt. Man rühmt diesem Künstler Temperament und Kraft in der Malerei nach. Das wäre gewiß erfreulich, aber nur solange, als dies nicht ins Aeußerste ausartet. Brutal in der Farbe bis zum Abstoßenden ist sein diesjähriges Bild, dem wir auch sonst, trotz eifrigen Bemühens, keine günstigen Seiten abgewinnen können. Die beiden Menschen darauf sind ganz zusammengeschrumpft. Erwähnen wir noch Emma Löwenstamms RadierungHArtur Schnitzler darstellend. Wir verlaffen damit das „Port.ait" und gehen zum „Genre" über. Und hier in einsamer Höhe Isidor Kaufmann. Will man da das Gebotene voll verstehen, muß man sich so recht in die Meisterwerke verliefen. Man betrachte einmal sein Bild „Am Sabbath". In einer kleinen, armseligen Stube sitzen ein paar Menschen, die lernen. Wie aber ist diese Stube beseelt, wie diese Menschen verklärt und vergeistigt. Ern Abglanz der Sabbatweihe, des beseligenden Glücks, das ihnen das Studium der heiligen Lehre gibt, schwebt über ihre Züge, erhebt sie weit über das Alltägliche. Und wie ist dieser Raum behandelt, die getünchten Mauern, die Luft, die das ganze Zrmmer durchhaucht, die schwebenden Schatten! Was spricht alles aus diesem Bilde, welches wundersame Herz, welch' Seele liegt darin! So sehr, daß wir ganz „das Bild" vergessen und uns in fromme, weihevolle Stimmung versitzt fühlen. Und nun der „Magid" desselben Meisters! Dieser jüdische Redner, der hier so stolz erhaben vor dem prächtigen Seidenvorhang sitzt, ist viel mehr als Einzelperson, er wird gleichsam zum Repräsentanten seines Volkes. Was alles geistigt in diesen Augen, in der denkenden Stirne! — Wie köst ich treffend ist der Ausdruck des Knaben auf dem Bilde „Im Verhör" 1 Der sitzt in Bangen und Warten da, ob er nicht noch eine Frage bekommen wird, und wer weiß, ob er sie beantworten kann. Dieser zwrifelndfürchtende Zug spiegelt sich in Augen und Gesicht! — Kommende Generationen werden erst voll ermeffen können, welche große, erhabene Kunst in den Werken dieses Altmeisters lebt!- Lazar Krestin sucht denselben Stoffkreis auf wie Isidor Kaufmann. Freilich es ist ihm dadurch unendlich erschwert! Er bringt ein Bild „Beim Studium". Bei allem Streben, aller Ehrlichkeit, ist dieses Bild malerisch nicht geglückt. Wollen wir auf das Einzelne eingehen, so finden wir eine Reihe ernster Verzeichnungen; vielfach die Hände und der Kopf eines Mannes wächst völlig in den Tisch. Auch in der Farbe ganz und gar unnobel. — Seine zwei Studienköpfe „Judenkopf" und „Araberin" sind entschieden höher zu werten, besonders letztgenannter. — Otto H e r s ch e l hat in seiner Kollektivausstellung im Herbste viel Befferes aufzuweisen gehabt, als sein diesmaliges Bild „Friedenszeiten". Diese Farbenroheit gemahnt an Epstein, ohne daß Herschel ihn in sonstigen Qualitäten erreicht. — Man bemüht sich vergebens, zu erforschen was Leo B. Eichhorn eigentlich mit seinen Bildern sagen will. Sie selbst sa^en einem wohl gar nichts. Sehen wir von der Spielerei „Am Klavier" ab, die wohl eher ein „Scherz" ist, und faffen nur Nr. 141 „Ruthenische Dorfkirche" und 205 „Zur Kirche" ins Auge, so können wir beim besten Willen nichts anderes tun — als schweigen. — Gustav Böhm bringt ein feines Aquarell. — Zum Schluffe Ludwig Ko ch's «Prinz Eugen bei Belgrad". Man hat es Koch oft zum Vorwurf gemacht, daß seine Bilder zu wenig Farbe haben. Dies wollte er scheinbar mit einem Schlage gutmachen. Nur dadurch läßt sich die zu arge Farbenbuntheit erklären. — In der Bewegung, in der Wirkung und Zeichnung aber ganz famos. — Damit beschließen wir für diesmal unseren Rundgang. E d e k a. „Jüdische" Stiftungen. Die anhaltische Baronin von C o h n - O p p en h e i m hat von ihrem Vater, dem Bankier des alten Kaisers, Moritz von Cohn, ein Vermögen von etwa 60 Millionen geerbt. Von diesem Riesenvermögen fielen an die natürlichen Erben kaum mehr als 10 Millionen. Die Heimatstadt Dessau erbte 5 Millionen, die jüdische Gemeinde Dessau ebenfalls 5 Millionen. Mit hohen Legaten wurden bedacht der herzoglich-anhaltische Hof, zahllose Beamte, öffentliche Anstalten, Schulen. Auch der Kaiser gehörte zu den Erben. Es wurde damals als Anekdote erzählt, wie Wilhelm II. bei Empfang der Nachricht seiner Milerbenschaft sich mit den Worten: „So ein Prachtsweib" ein über das anderemal auf die Schenkel schlug und den Manen der Frau v. Cohn Komplimente machte. Diese Frau verlangte für ihre angemessere Wohltätigkeit nur die einzige Zusicherung, daß bei Zuwendungen aus ihren Stiftungen ohne Unterschied der Konfession vorgegangen werde. Sie wollte der Toleranz eine neue Aera eröffnen, ganz wie der englische Lord. Aber was geschah? Der Oberbürgermeister von Dessau, Dr. Ebeling, einst der Günstling von Frau v. Cohn, ist ein erklärter A n t i s e m i t. Und neulich mutzte das.Kuratorium der Julie-Oppenheimer-Stiftung eine ähnliche Erfahrung machen. Aus seinen Mitteln wird nämlich jeden Winter im Schillertheater ein Stück aus dem Lehrplan der ersten Klasse der Gemeindeschulen aufgeführt. Das Kuratorium beantragte bei der Schuldeputation, datz Lessings „Nathan der Weife" in den Lehrplan der ersten Klasse ausgenommen werde. Und die Schuldeputation? Lehnte den Antrag ab! Ist das nicht eine ideale Toleranz? Ist das nicht eine köstliche Toleranz, wenn Juden, wie es vorkommt, Hunderttausende für Militärluftschiffe spenden, für jüdische Zwecke aber nichts übrig haben? — Aber auch die jüdische Gemeinde Dessau wird von Männern verwaltet, welche ihre Stiftungsgelder für interkonfessionelle Zwecke verwendet und für jüdische Wissenschaft kautn Brosamen übrig hat. Dr. Mossinsohn in Amerika nnd in Odessa. WW Herr Dr. Benzion Mossinsohn vom Jaffaer Hebräischen Gymnasium kehrte am 12. März nach New-Iork zurück, nachdem er in einer Reihe von Provinzstädten Vorträge im Interesse des Hebräischen Gymnasiums gehalten hatte. Ueber den Erfolg seinerIReise äußerte sich Dr. Mossinsohn sehr befriedigt. Zahlreiche wohlhabende Persönlichkeiten in Baltimore, Philadephia, Pittsburg, Chicago, St. Louis, Cleveland und Washington haben aüf seine Veranlassung für die Jaffaer Anstalt namhafte Jahresbeiträge gezeichnet, die bisher die Summe von 120.000 Mark ergeben.^ Außerdem sind in New'Iork selbst Beiträge in der Höhe von mehreren tausend Dollars gezeichnet worden. Am 17. und 18. März sprach Dr. Mossinsohn in Boston und hat auch dort Zeichnungen von einigen tausend Dollars erhalten. Am 23. März ist Dr. Mossinsohn von den Vereinigten Staaten abgereist. Inzwischen wird bekannt, daß in der letzten Konferenz der „Chowewe Zion" in Odessa ein Beschluß gegen Doktor Mossinsohn gefaßt wurde. Die anwesenden Rabbiner, an deren Spitze Herr Rabbiner Reines aus Lida, machten ihre Mitwirkung davon abhängig, daß Herr Dr. Mossinsohn aus dem Lehrerkollegium des Jaffaer Gymnasiums ausscheide, und der Versammlung fiel es gar nicht schwer, dieses Friedensopfer zu bringen. Nach einiger Beratung wurde fast einstimmig der Beschluß gefaßt, Herrn Dr. Mossinsohn, der sich zur Zeit zu Agitationszwecken in Amerika aufhält, auf seinen Posten nicht zurückkehren zu lassen.