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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-03-29 · 13 (29.3.1912) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
13 (29.3.1912)
Date
1912-03-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 13 Dr. WojHs WoWMrift Sette 313 Mar Liedermanns Doktordiplom. Professor Mar Liebermänn hat aus Anlaß seiner Promotion zum Ehrendoktor der Berliner philosophischen Fakultät ein Ehrendiplom erhalten, das die preisende Form des lateinischen Elogiums mit einer scharf umrissenen Charakteristik des Meisters füllt. Die lateinische Fassung geht auf Geheimrat Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff zurück. Mar Liebermann wird da als „der Mann" angesprochen, „der die Malerei dahin geführt hat, wohin sie schon längst strebte, die Dinge nicht so zu malen, wie sie nach den Lehren unseres Willens sind, sondern so, wie sie den Augen am ehesten erscheinen: der selbst das, was keine Gestalt und keine Form kennt, die Lust und das Licht und die Bewegung, die alles durchdringen, mit seinen Farben einfängt, es zwingt und festhält: der selbst ein regsamer scharfer Kopf und, wenn er die Züge der Mitlebenden malt, die Form und das Leben und den Funken des Geistes wie atmende Dinge mit unvergleichlichem Erfolge Wiedergibt." Die Auszeichnung ist, wie man sich erzählt, die letzte Berliner Tat des scheidenden Kunsthistorikers der Universität, des Geheimrats Heinrich Wölfflin, der in den nächsten Wochen Berlin verläßt, um nach München überzusiedeln. Wie Ritualgeschichten vom Blntabzapfen entstehen. Aus Sobotka wird berichtet : Seit einiger Zeit waren hier verschiedene Gerüchte in Umlauf geraten, welche einen stillen Boykott des Kaufmannes Josef Gans und seiner Familie hatten. Die bei dem Kaufmanns angestellte Magd Franziska Hofrichter erzählte den Leuten des Ortes, daß man ihr im Laufe der Nacht Blut abzapfen wollte. An beiden Händen hatte sie Nadelstiche. Auch der Gendarmerie kamen diese Gerüchte zu Ohren, welche die Hofcichter verhörte. Die Magd verwickelte sich in ungezählte Widersprüche, schließlich legte sie ein Geständnis ab und gab zu. daß sie die ganze Geschichte erdichtet habe, um den Dienst verlassen zu können. Die Stichwunden an den Händen habe sie sich mit einer Nadel selbst beigebracht, um bei den Leuten mehr Glauben zu finden. Daraufhin wurde gegen Franziska Hofrichter und deren Mutter Anna Hofrichter, welche an der Verbreitung der beunruhigenden falschen Gerüchte lebhaften Anteil genomuun hatte, die Strafanzeige beim Gerichte erstattet. Karlsbad. Der hiesige Gewerbeverein hat vor einigen Jahren die jüdischen Mitglieder, also zumeist Geschäftsleute und Gewerbetreibende, aus antisemitischen Gründen bewogen, den Verein zu verlassen und es sind seither israelitische Mitglieder auch nicht wieder ausgenommen worden. Nunmehr hat die Stadtgemeinde hinter der sogenannten Kieswegpromenade, und zwar vor der Karlsbrücke, eine große Zahl von hübschen Geschäftsläden errichteh die für den Gebrauch Karlsbader Geschäftsleuten und Eewerbsleuten dienen sollen. Um nun seine Gewerbefreundlichkeit zu erweisen, wurden diese Verkaufsläden von der Stadtgemeinde dem Gewerbeverein um je 100 Kronen Miete per Jahr überlassen, der sie seinen Mitgliedern um 200 bis 300 Kronen überläßt. Nicht nur Israeliten, sondern auch christliche Anhänger der deutschfortschrittlichen Partei sind von der Vermietung ausgeschlossen. Mit Recht erregt dieses Vorgehen die Entrüstung eines Teiles der Bevölkerung, und es wird die Frage aufgeworfen, ob überhaupt ein derartiges Vorgehen gesetzlich zulässig erscheint. Die Stadtgemeinde Karlsbad hat in den letzten Jahren trotz ihres Schuldenstandes derartig hohe Summen für deutschradikale Zwecke verwendet, daß man geradezu über den Mut staunen muß, mit welchem die Stadtvertretung eines großen internationalen Kurortes derart den Ruf des weltberühmten Bades auf das Spiel setzt. Es ist richtig, daß die Stadtvertretung auch dem deutschfortschrittlichen Turnverein für den Bau einer Turnhalle 10.000 Kronen in Aussicht stellte, und manches tut, was die einstmals in diesem Blatte aufgestellte Behauptung rechtfertigt, daß man in Karlsbad auf einen direkten Antisemitismus in der Bevölkerung nicht stößt: aber derartige Dispositionen sind nicht geeignet, dem Kurort zu nützen, und es wäre Sache der Gemeindeverwaltung gewesen, zum mindesten einige der Verkaufsläden für sich zu behalten und dieselben an Israeliten und Christen deutschfortschrittlicher Richtung zu vermieten. Von der Rabbinerkonferenz in Czernowitz. Aus Czernowitz wird uns berichtet: Die verschiedenen phantastischen Berichte über die hier stattgehabte Konferenz einer Anzahl Rabbiner aus Galizien in der Bukowina, Haben hier sehr peinlich gewirkt. Die Geheimhaltung der Beratungen, gegen welche sich besonders diese Gerüchte wenden, haben ihre einfache Begründung darin, daß man eine Polemik über diese Vorberatungen für eine einzuberufende große Rabbinerversammlung, als welche die Konferenz ausschließlich anzusehen ist, hintanhalten und dadurch verhindern wollte, daß gewisse soziale und kulturelle Pläne, die einen modernen Anstrich haben, durch Mißdeutungen noch vor ihrer Verwirklichung zerstört werden. An der Konferenz nahmen aus Galizien der Czortkower, Hussiatyner, Kopiticzincer, Ortinier und Kossower. aus der Bukowina der Bojaner, Wiznitzer und Sadagorer Rabbi teil. So viel konnte bereits mitgeteilt werden, daß es sich hauptsächlich darum handelt, die Chedarim nach der Richtung hin moderner zu gestalten, daß ihnen eine vierklassige Elementarschule angegliedert werden soll, um auf diese Weise dem Analphabetismus unter den Chassidim zu steuern. Gleichzeitig soll aber für diejenigen Schüler der Chedarim welche die Elementarschule mit Erfolg absolviert haben, eine Gewerbeschule errichtet werden, um den Zöglingen für ihr künftiges Leben eine Eristenzmöglichkeit zu sichern. Es ist für jeden, der die Verhältnisse in Galizien kennt, klar, daß solche Fragen in ihrem gegenwärtigen anfänglichen Stadium nicht gut vor einer größeren Öffentlichkeit diskutiert werden können und auch bei keiner anderen Korporation diskutiert zu werden pflegen. Es war daher, wie von maßgebender Seite ausdrücklich betont wird, eine Geschmacklosigkeit, die Tatsache, daß mehrere galizische Rabbiner, die beim Volke als Wunderrabbi gelten, zu einer Konferenz des vorbereitenden Komitees für eine übrigens schon längst in Aussicht genommene Rabbinerversammlung dazu zu benützen, um alle möglichen phantasievollen Geschichten in die Welt zu streuen. Wie man in Fiume Juden beeidet. In Fiume findet seit einigen Tagen ein Skandalprozeß statt, den der dortige Berufungsrichter Stefan Vanczera gegen einen königlichen Notar angestrengt hat. Dem Richter wurden verschiedene Unregelmäßigkeiten und Gesetzwidrigkeiten vorgeworfen, gegen welche er nun die Verleumdungsklage angestrengt hat. Einer der Zeugen, ein Gerichtsnotär, der an der Seite des Klägers mehrere Jahre hindurch fungierte, bemerkte in seiner Aussage unter anderem, daß er seinen Advokaten namens Sachs, der jüdischer Konfession ist. auf dem Talmud in Eid genommen habe. Präsident: Wird hier so der Eid abgenommen? Zeuge: Ja. Die Juden legen die Hand auf den Talmud, die Katholiken aber aufs Kreuz. Präsident: Die Juden schwören mit bedecktem Haupte. Stellt man sie nicht auch auf ein Schweinsleder bei der Eidesleistung? Denn im Mittelaller war ja auch das vorgeschrieben. Und wenn Sie schon mittelalterlich sein wollen, wozu dann die Halbheiten? (Heiterkeit.) Hoffentlich wird diese unzweideutige Rüge des Präsidenten diesem absonderlichen Fiumaner Eid morejudaico ein Ende bereiten.

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