Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 13 (29.3.1912)
- Date
- 1912-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Seite 207 Dt. Blochs Wochenschrift Baden bei Wien) ermöglichen den unglaublich billigen Jahresbeitrag von 12 Dollar für ordentliche, 10 Dollar für außerordentliche Mitglieder (oder 5 resp. 3 Dollar für solche, die noch Schulknaben sind). Mit diesem Beitrag von zwei Dollar monatlich erwirbt man das Recht zum freien Besuch der vielen wichtigen Abendkurse — einer Art höheren Handelsakademie, welche der Klub unterhält, die neben unseren Fächern, spanische und hebräische Sprache, Geschichte und Literatur, Zeichenunterricht und vor allem „Civics" lehrt, d. h. Staats- und Verfassungslehre, wie sie auf Initiative Paul Berts in Frankreich sogar den Elementarschülern beigebracht wird, worin aber bei uns sogar unter den Gebildetsten klägliche Unwissenheit herrscht. Dieses „Home" ist zum segensreichen Mittelpunkt der jüd. Jugend, auch der besseren Emiigrantenfamilien geworden. Angegliedert ist — wieder nach echt englischem' Universitäts- und Etonmuster, aus welchem Eton-Knaben-Debattierklub bekanntlich fast alle großen englischen Staatsmänner hervorgegangen sind — ein Debattierklub, worin theoretische Beredsamkeit gelehrt und Diskutierabende abgehalten werden. Ebenso bestehen Kurse zur Vorbereitung für das in Amerika unendlich verzopfte Prüfungssystem für Gemeinde- und Staatsanstellungen. Neben dieser Schule künftiger Staatsmänner besteht aber ein höchst praktisches Stellenvermittlungsbureau für Mitglieder, in dem im Jahre 1911 2596 freie Stellen einem Angebot von bloß 2166 Bewerbern gegenüberstanden, also unseren Verhältnissen ganz entgegengesetzte Prozente von Anbot und Nachfrage. Der Klub der jungen Leute spaltet sich wieder in einzelne Klubs: Athleten-, Eolf-> Shakespeare-, Richard Wagner-, Emerson- und manch andere Klubs, von denen keiner eine solche Annäherung an angelsächsisches resp. keltisches Wesen zeigt, wie der Eichel-Klub, in dem eine schöne jüdische Liebeskönigin mit Krone und Königinmantel dem besten jüdischen Minstrel, dem Sieger im Liederkampf, jährlich eine Eichenkrone aufsetzt. (Sämtliche Teilnehmer dieser modernen Cour ’damour im mittelalterlichen Kostüm und auch hierin berechtigte Erben mittelalterlich jüdischer Troubadours, wie es an den provenzalischen Liebeshöfen zur Genüge gab.) Aber nicht genug an seinen zwei Palastbauten — diejenigen Mitglieder, welche das 21. Jahr überschritten haben, haben sich abgesondert in einem mit dem ersten verbundenen, von Herrn Ludw. Heinsheimer gestifteten Palast — der Klub unterhält, wie vornehme Klubs, in. Frankreich, England und Italien sein Billegiaturschloß, Sigmund Neustadt-Haus im Schweizer Hotelstil an einem herrlichen, kleinen Gebirgssee am Hudson, welcher See ausschließlich! dem Klub zum Fischen, Jagen und Boten gehört und an dessen Ufer eine ausgedehnte Farm Mllch, Eier und Butter und alle Bedürfnisse des amerikanischen Zeltsommerlebens liefert. So bescheiden sonst die monatlichen Mitteilungen des Klubs abgefaßt sind, hier können sie sich nicht enthalten, hervorzuheben, daß diese Klubzeltlager das eleganteste in ganz Amerika sind. Wir gestatten uns, ein Wochenprogramm der Klubveranstaltungen aus einer Februarwoche herauszugreifen, welches besser als Worte den Klubgeist kennzeichnen wird. Freitag feierlicher Gottesdienst, bei dem wieder in Annäherung am englischen Puritanismus das Wort eine größere Rolle spielt als bei uns, und sogar Diskussion über religiöse Fragen unter Leitung des Reverend stattfinden. Samstag Elternabend (diese Einrichtung und der Name des Begründers, unseres Wiener Direktors Thumser, sind in Amerika höchst poulär). Sonntag Soiree mit Damen und Tanz (zahlreiche Verlobungsanzeigen der Mitglieder, wobei, wenn sich das Brautpaar im Klub kennen lernte, dies in den Mittellungen erwähnt wird). Montag Vortrag eines berühmten Nationalökonomen über das Steuerproblem. Dienstag Wagnervereinigung : Stücke aus Rheingold (viele Rabbiner unter den Orchesterspielern, Kantoren fast ausschließlich! die Solisten). Mittwoch große Feier zu Georg Washingtons Geburtstag mit Festreden. Donnerstag Aufführung eines Shakespeareschen Lustspiels durch die Mitglieder (12 solche im Jahr). Freitag wieder feierlicher Gottesdienst usw. Nur daß oft Preisturnen und Preisringen die mehr literarischen Veranstaltungen ablösen, dann auch Ehanuka-Banquette und Purimbälle. Wie in unserer ersten Wiener Chewra verbleiben die einstigen jungen Männer bis zu ihrem oft im höchsten Greisenalter erfolgenden Ableben „Alte Herren" des Klubs und aus den Stiftungen solcher alter Herren ist wohl auch die Größe und der Reichtum des Klubs hervorgegangen. In denachtunddreißig Jahren ihres Bestandes hat die Vereinigung, deren Klubgeist, wie wir hören, immer im Wachsen begriffen ist, eine Doppelaufgabe glänzend gelöst: Sie hält die jüdische Jugend Newyorks der höchsten und mittleren Schichten mit einer Treue, die bei uns in Europa ganz unmöglich wäre, aber in Nordamerika bei dem religiösen Geist der christlichen Bevölkerung natürlich ist, am Judentum, dem hebräischen Schrift- und Sprachtum fest, wie denn keine Klubversammlung ohne einleitendes Gebet und Gottesdienst vor sich geht; andererseits aber hat er durch die Pflege jedes Sports, der Rhetorik und Bürgerkunde, englischen Sprach- und Schrifttums die Klubjünger zu brauchbaren Mitgliedern der großen anglo-sächsischen Rasse herangezogen. Wir möchten noch hervorheben, daß das anglojüdische Schrifttum sich wesentlich durch seine blumenreiche und phantastische Sprache von der nüchternen Klarheit des gewöhnlich modernen englischen Stils abhebt und gewiß nicht mit Unrecht als fremder Eindringling empfunden wird. Aber gerade hierin wird ein Ausgleich erfolgen und die Befruchtung mit der Sprache der Bibel, dieser Urquelle jeder großen Poesie von Dante bis Byron, wird mit der Zeit vielleicht dem nüchternen amerikanischen Stll neue Farben zuführen, und die zwei grundverschiedenen, so begabten Rassen einen glücklichen Sprach- und Gefühlsaustausch vollziehen. Es hieße Eulen nach Athen tragen, hier noch über den erzieherischen Wert des Klubwessns für ine Jeunesse doree auch unserer Rasse zu sprechen, und freuen wir uns, aus allen nicht voreingenommenen Berichten zu entnehmen, daß die amerikanische Iung-Herrenwelt jüdischen Glaubens an Grazie, an Ritterlichkeit, an Pflichtgefühl, Patriotismus und Reinheit derMtten ihren anglo-sachstschen Kollegen, dieser Blüte moderner Jugend, ebenso wenig nachgibt, wie an kommerzieller Begabung und praktischem Tätigkeilssinn. Den Leitern dieses jüdischen Iungmännerheims, vor allem seinem opferwilligen Präsidenten Felir Marburg, gebührt aller Dank. Wien. Clotilde Benedikt. vom Aabrmsrkt des Lebens. { Em antisemitisches Pamphlet. Die Agitation der antisemitischen Partei aus Anlaß der Wiener Gemeinderatswahlen greift aus Verzweiflung der Führer zu den ältesten abgegriffensten Mitteln. Der Pensionshamster Weiskirchner glaubt mit Erneuerung der alten antisemitischen Mätzchen seine verblaßte Popularität aufzufrischen. Bei den jüdischen Bankdirektoren hatte er versucht, sich als Bankgouverneur anzuempfehlen und nun zieht er von Versammlung zu Versammlung, auf die Juden zu schimpfen, nachdem der Gouverneurposten ihm nicht mehr erreichbar ist. Während seiner Reden werden Leute, die das Unglück haben, jüdisch auszusehen, verprügelt und mißhandelt. Leute