Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 194 Nr. 19 Dr. Bloichs WochMchrift der Versammlung und erteilte dem Vizepräsidenten Herrn Dr. Rudolf S ch o r st e i n das Wort zur Erstattung des TLtigkeits- und finanziellen Berichtes. Lebhafter Beifall lohnte die mit großer Sachkenntnis erstatteten Ausführungen des Referenten. Schriftführer Herr Heinrich M e n d l ergänzte den Referentenbericht durch erläuternde Bemerkungen. An der sich anschließenden Diskussion beteiligten sich die Herren Redakteur Dr. Bloch, S. Lemberger (Donauperle), Direktor I. Mautner und die Damen Charlotte F r i s ch a u e r (Franz Josef - Kinderhort) und Clotilde Benedikt (Frauenhort). Der Vorsitzende stellte zur Diskussion auch die motiviert eiubegleitete Anregung des Kuratoriumsmitgliedes Frau Sofie Grünfeld, es seien zwanglose Zusammenkünfte der für Wohltätigkeitsaktionen sich interessierenden Faktoren zwecks freien Gedankenaustausches über Fragen des Armenwesens zu veranstalten. Frau Clotilde Benedikt befürwortete als höchst zweckmäßig die Einrichtung, daß jenen Vereinen, welche ihre Meldelisten über erfolgte Unterstützungen an den Zentral-Armenkataster zur Vermerkung einsenden, diese Listen, falls sie es ausdrücklich wünschen, mit den über jeden Unterstützungsfall im Kataster enthaltenen relevanten Bemerkungen versehen rückgemittelt werden. Herr Redakteur Dr. Bloch bezeichnete die beiden Anregungen der Frau Dozent Dr. G r ü n f e l d und der Frau Benedikt als eminent geeignete und wichtige Behelfe des der Zentralstelle obliegenden Erziehungswerkes bei Reform der Armenpflege und empfahl deren Durchführung und zwar bezüglich der Unterstützungslisten in der Form, daß sie allen Vereinen mit den Katastervermerken rückgemittelt werden. Nach geschlossener Diskussion leitete der Vorsitzende die Abstimmung über die Verhandlungsgegenstände ein. Die Versammlung nahm einhellig den Tätigkeits- und Finanzbericht des Kuratoriums zur genehmigenden Kenntnis und votierte dem Kuratorium das Vertrauen und das Absolutorium. Desgleichen wurden die Anregungen der Damen Dr. Grünfeld und Benedikt einhellig zum Beschlüsse erhoben. Zum Punkte „Wahlen in das Kuratorium" gab der Vorsitzende bekannt, daß die Mandate der Herren Gemeinderat Max Frank, kaiserl. Rat Dr. Krüger, Direktor I. M a u t n e r und Heinrich M e n d l und der Damen Sofie Deutsch und Emilie Weiß in diesem Jahre ablaufen und für dieje erledigten Mandate in der Delegiertenversammlung Neuwahlen erforderlich sind. Hiezu ergriff Herr S ch l d r o w i tz (Human. Verein im X. Bezirk) das Wort, und wurden auf dessen Antrag die genannten Personen xor aeelamatioutzw einstimmig wiedergewählt. Der Vorsitzende dankt namens der wiedergewählten Kuratoriumsmitglieder für die hiedurch bekundete Anerkennung ihrer bisherigen Leistungen im Interesse der guten Sache. Der Vorsitzende nahm weiters Anlaß, jenen Wohltätigkeits-Institutionen, welche dem Ersuchen des Amtsleiters Rudolf Kraus um Bekanntgabe der erforderlichen Daten zwecks Anlage eines Katasters der Wohltätigkeitseinrichtungen bereitwilligst entsprochen haben, bestens zu danken. Nach Erledigung der Tagesordnung schloß der Vorsitzende die Versammlung unter dem Ausdrucke des Dankes au die Erschienenen für die der Sache förderlichen Beteiligung. Im Nachstehenden bringen wir das Referat des Vizepräsidenten Herrn Dr. Rudolf S ch o r st e i n: Verehrte Versammlung! Man wird sich bald hüten, mir die Berichterstattung weiter zu überlasten. Es liegt mir nun einmal nicht, mit schön gefärbten Berichten meine Zuhörer zu enuieren. Ich könnte Ihnen heuer melden, daß die Vereine, welche sich der Zentralstelle angeschlosten haben, um einen und die Einzelpersonen sich gar um zwei vermehrt haben, daß die Katasterblätter, ich weiß nicht, um einige tausend Familien mehr verzeichnen und daß wir, statt wie im Vorjahre K 2609.73 in diesem Jahre über einen Saldo von K 3686.26 verfügen, wozu' noch, so könnte ich unhöflicher Weise bemerken, K 185 unbezahlte Mitgliedsbeiträge zu rechnen sind. Ich glaube aber nicht, daß dadurch der Wohltätigkeit im Allgemeinen, oder der Z. St. im Besonderen auch nur der allergeringste Dienst geleistet worden sei. Was hat die Zentralstelle im vergangenen Jahre wirklich geleistet? Im Vorjahre hatte ich schon die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die Z. St. bemüht ist, die auf dcm Gebiete der K i n d e b e k l e t d u n g tätigen, jedoch noch zersplitterten Kräfte zu vereinen und ein gemeinsames Vorgehen der einzelnen Institutionen zu ermöglichen. Meine Damen und Herren! Sie werden es für ein Märchen halten, wenn ich Ihnen folgendes berichte. Zirka 3600 zu bekleidende jüdische Schulkinder gibt es; die Mittel aller in Betracht kommender Vereine wären im Stande, noch mehr zu bekleiden, dennoch bleiben einige hundert Kinder unbekleidet. Seit Jahren schon, forsche ich nach der Ursache dieser rätselhaften Erscheinung. Ich scheute mich nicht, persönliche Eitelkeit, Besorgnis um Verminderung der Selbständigkeit, Eifersucht u. dgl. als Ursache dieses Phänomens anzunehmen und war naiv genug, zu glauben, daß durch intensive, ausklärende Tätigkeit, durch ehrlich gemeinte Beredsamkeit es möglich wäre, dieses Hindernis zu Überdrücken; ja, auch unser allverchrter Philanthrop, Herr Heinrich Mendl, hat seine unschätzbaren Kräfte an demselben Phantom vergeudet. Ich glaube fast, Ihnen die Ursache nennen zu können, welche es möglich macht, daß vorhandenes Kapital vorhandenen Bedürftigen entzogen wird. Es ist eine, bei den Bekleidungsvereinen vereinzelt dastehende Einrichtung, welche den Vorstandsmitgliedern ein V o r s ch l a g 8 r e ch t für die Beteilungen gibt. Ich kann nicht begreifen, daß nickt die Vorstände selbst sich gegen dieses Vorschlagsrecht, das doch in gewisser Beziehung stets eine Schmälerung des in die Wahl des Vorstandes gelegten Vertrauens beinhaltet, auflehnen, da bei objektiver Beurteilung sich jeder Vorstand doch selbst die größte Mühe geben wird, die würdigsten am ehesten?u bedenken; wenn aber andererseits dieses Vorschlagsrecht nur ein Ausfluß von Protektion sein soll, dann ist es doch erst recht verwerflich, denn Protektion, so sagte ich hier vor vielen Jahren, Protektion in Wohltätigkeitssachen ist die schlimmste aller Ungerechtigkeiten. Ganz merkwürdig mutet einem aber das Vorschlagsrecht der Mitglieder eines Bekleidungsvereines an, wenn man weiß, daß diese Bekleidungsvereine größerenteils ihr Budget durch Einnahmen bestreiten, welche nicht Mitgliedsbeiträge sind. Ich möchte hier nur mit einigen Daten dienen: Verein „A" Mitgliedsbeiträge K 542.— also mehr als doppelt soviel. Verein „B" Mitgliedsbeiträge „ 1300.— also mehr als viermal soviel. Verein Mitgliedsbeiträge „ 612.— Verein „D" „ „ 507.— Verein „E" „ „ „ 900.— Verein „F" „ „ „ 1400.— Verein „G" „ „ „ 2400.— Verein „H" „ „ „ 1000.— Verein „I" .. .. .. 600.- Spenden rc. K 818.— „ „ „ 5500.— „ >, „ 1620.- n u u 1000. „ an 1500. „ „ „ 1700.- , ., „ 3800.- „ „ „ 2000.- » .. 1300.— und schließlich Verein „K" K1000.— Mitgliedsbeiträge und K 6C00.— Spenden. Meine Damen und Herren! sechsmal soviel Spenden als Mitgliedsbeiträge! um K 5000— mehr mußten verteilt werden nach den Angaben jener Personen, welche K 1000.— aufgebracht haben. Ich fürchte fast, daß dies ein unhaltbarer Zustand ist und daß das Vorschlagsrecht geeignet wäre, die private Wyhltätigkeit von den Bckleidungsvereinen abzulenken. Die Spender geben im berechtigten Vertrauen auf die Erfahrung, die Objektivität, die Menschenliebe, kurz auf alle jene, für ein Vorstandsmitglied notwendige Eigenschaften, ihre Beiträge zur guten Sache. Wie, wenn diese Spender wüßten, daß der Vorstand mit gebundenen Händen die Wünsche der materiell kaum in Betracht kommenden Mitglieder des Vereines erfüllen muß! Meine Verehrtesten! diese Bestimmung ist es auch, welche der einzig zweckmäßigen. vereinigten Arbeit der Kinderbekleidungsvereine unüber st eigliche Hindernisse bereitet hat. Die Z. St. und in ihrer Vertretung Herr Mendl hat sich außerordentlich bemüht, eine Rayonnierung der Vereine zustande zu bringen, dieser Versuch ist gescheitert, ja, es wurden sogar einige hundert Kinder, angeblick durch das Eingreifen der Z. St. unbekleidet gelassen. Diesen Vorwurf konnten wir nicht auf uns sitzen lassen. Wenn wir selbst davon durchdrungen waren, daß nicht die Z. St., sondern die früher beschriebenen Umstände bei den einzelnen Vereinen die Ursache dieses Mißerfolges gewesen sind, so konnte doch niemand mit gutem Gewisten ertragen, daß auch nur ein einziges Baby unsertwegen vielleicht Mangel litte. Und so hat sich die aufgepeitschte Menschenliebe zu einem Schritte entschlossen, der zwar unseren Statuten zuwiderläuft, für welchem aber, wie ich glaube, die Generalversammlung uns einmütig die Jdemnität erteilen wird. Das Präsidium der Zentralstelle erließ an ihm bekannte Wohltäter ein Rundschreiben und innerhalb 48 Stunden verfügte das Kuratorium über einen Betrag von über dritthalb Tausend Kronen, hinlänglich genug, um die zu Schaden gekommenen Kinder zu bekleiden. Die Zentralstelle wollte jedoch die Verwendung des Geldes nicht anders vornehmen, als indem sie dieses den treu zu ihrer Fahne stehenden Bekleidungsvereinen ä raison der dort btfindl'chen Kinder überwies und zwar dem: