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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-03-22 · 12 (22.3.1912) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
12 (22.3.1912)
Date
1912-03-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 192 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 12 Me ZMin «uf -er Insel Kreta. Auf der Insel Kreta leben, wie wir einem Reiseberichte entnehmen, ungefähr 100 jüdische Familien. Davon 60 in der Hauptstadt Cania. Die übrigen sind in 20 verschiedenen Städten und gröberen Dörfern der Insel zerstreut. Auf der ganzen Insel gibt es bloß eine einzige organisierte Iudengemeinde mit einer Synagoge, und zwar in Cania, wohin die Juden aus der Provinz zu den hohen Feiertagen pilgern, um an einem öffentlichen Gottesdienste teilnehmen zu können. Diese Reise ihr für Viele mit groben Mühen verbunden, und da es auf der Insel noch kein grobes Eisenbahnnetz gibt, müssen die meisten über Berg und Tal zu Fuß wandern oder auf Maultieren reiten, um die Hauptstadt zu erreichen. Die meisten Juden sind dort Händler oder Kleingewerbetreibende. Die Geschäfte sind am Samstag und an jüdischen Feiertagen geschlossen. Rur wenige Juden beschäftigen sich mit Hausierhandel. Trotz ihrer geringen Zahl haben die Juden auch ihre Vertreter in der höheren Beamtenschaft und genießen dort berechtigtes Ansehen. Eine Apotheke im Men römischen Ghetto. Die letzte RumMer des „Bollettino della Commissione Archeologica di Roma" enthält einen posthumen Artikel des verstorbenen Oberrabbiners von Rom Castiglioni über eine Marmörplatte, welche in einem römischen Privathause gefunden wurde. Die Steinplatte wefft eine Inschrift auf, aus welcher hervorgeht, daß das jüdische Ghetto rm Jahre 1635 einer eigenen Apotheke bedarf, welche von einem jüdischen Wohltätigkeitsverein ins Leben gerufen wurde. Es wird in dieser Inschrift auch erwähnt, daß zu den Kosten der Apotheke die Brüder Ella und Mordechai Toscano je 400 Scudi und Benjamin Aschkenasi 100 Scudi beigetragen haben. Erschwerung der Einwanderung in Südafrika. Die Kolonialregierung in Südafrika hat soeben ein neues Einwanderungsgesetz entworfen, welches, wenn es durchgeht, eine ungeheuere Erschwerung der Einwanderung nach Südafrika zur Folge haben müßte. Rach dem neuen Gesetzentwurf kann jedem der Eintritt ins Land verweigert werden, der ein Diktat von 50 Worten aus einer Weltsprache, deren Wahl dem Ermessen des Einwanderungsbeamten überlassen ist, nicht entsprechend niederschreiben kann. Rach dieser Tertierung des Gesetzes stünde es zum Beispiel dem Einwanderungsbeamten frei, einem Juden, der nur die übrigens anerkannte jüdische Sprache versteht, 50 Worte aus der englischen oder holländischen Sprache zu diktieren und falls er das Eramen nicht besteht, ihn des Landes zu verweisen. Die maßgebenden jüdischen Kreise aus Transvaal und Natal haben die Gefahr dieses Gesetzentwurfes erkannt und sich bereits in dieser Angelegenheit an die jüdischen Mitglieder des englischen Unterhauses gewandt, welche die nötigen Schritte unternehmen werden, um dem geplanten Gesetze die gegen die Juden gerichtete Schärfe zu nehmen. Römische Jntriguen gegen die italienischen Inden. Der römische Korrespondent des Pariser Blattes „Le Temps" veröffentlicht sehr beachtenswerte Enthüllungen über die Versuche der römischen Klerikalen, den italienisch-römischen Krieg wegen Tripolis gegen die Juden auszunützen. Wir geben hier diesen Artikel, der für die Geschichte der Juden von großer Bedeutung ist, auszugsweise in deutscher Uebersetzung. Vielleicht wird in einigen Jahren nach Abschluß dieses Krieges sich ein kritischer und verläßlicher Historiker finden, der die Vorgänge, wie sie sich jetzt abspielen, unparteiisch därstellen und beleuchten wird. Er wird Auch sein besonderes Augenmerk auf die merkwürdige Tatsache^ zu lenken haben, die heute von so Wenigen begriffen wird, ich meine die plötzlich erwachte intime Freundschaft zwischen den alten Ilrfeinden: der italienischen Regierung und der römischen Kirche. Er wird die Erllärung dafür zu geben haben, weshalb die römische Kirche der Kriegspartei nicht nur ihre Moralische und geistige Unterstützung leiht, sondern ihr auch dasjenige reichlich zuführt, was zur Kriegsführung notwendig ist: Geld, Geld und Geld. Aber wie gesagt, das überlasse ich dem künftigen Historiker. Vorläufig genügt es, hier Einiges über den plötzlich erwachten Antisemitismus in Italien zu sagen: Italien, eines der in bezug auf Volksbildung ärmsten Länder, war doch bisher eines der wenigen, das freier war vom Antisemitismus, wie irgend ein anderer Staat in Europa. Woher nun der plötzliche Antisemitismus? Die Aufklärung hierfür ist ganz einfach. Der Antisemitismus war ein wichtiger Bestandteil der Machtmittel der römischen Kirche. Und es ist gar kein Zweifel, daß die Iudenfreundlichkeit in Italien lange Zeit nicht so sehr ein Produkt der Vyllsaufklärung, als vielmehr des Trotzes gegen die Klerikalen gewesen ist. Und tatsächlich, kaum hat die Sorge um den Ausgang des Krieges in Tripolis eine Annäherung zwischen dem Quirinal und dem Vatikan, wenn auch auf unsichtbaren Wegen, herbeigeführt, als die Haltung der italienischen Oeffentlichkeit gegenüber den Juden leine wesentlich andere geworden ist. Zu Beginn des Krieges wetteiferten die llerikalen Blätter mit den Regierungsblättern darin, die Meinungen hervorragender jüdischer Persönlichkeiten im Auslande über den Krieg zu reproduzieren. Aber diese Uebersetzungen waren tendenziös gefärbt, uM desto leichter später die Behauptung daran knüpfen zu können, daß die Juden der ganzen Welt einen Ring gebildet hätten, um angeblich Italien zu ruinieren. Diese Behauptung wurde zunächst damit begründet, daß die Juden angeblich viele Kapitalien in der Türkei investiert hätten, und uM nun diese zu retten, fallen sie über Italien her. Später waren die Angriffe schon etwas schärfer. Man trat schon sowohl in den llerikalen, als auch in den sonst liberalen Blättern mit der Behauptung hervor, daß die Juden, wie imMer, sich mit jeder nichtchristlichen Nation 'verbunden. Um im 'gegebenen Momente die Christen bekämpfen zu können. Und von diesem Standpunkte führte dann bloß ein Schritt zu der aufreizenden Anklage, daß die Juden Italien an den Bettelstab gebracht hätten und daß es höchste Zeit sei, sich Rußland als Muster zu nehmen und zu Pogromen zu greifen. Run regnete es Angriffe auf die hervorragendsten jüdischen Staatsmänner Italiens. Der gewesene Ministerpräsident Luzzatti, dem Italien seine finanzielle Konsolidierung zu danken hat, wurde nicht wenig in den Kot gezerrt und mit Schmutz überhäuft, wie der Bürgermeister von Rom, Ernesto Nathan, und die. jüdischen Senatoren. Die Situation wurde — was im Auslande stets unbekannt blieb — so bedrohlich, daß man buchstäblich in Angst vor Pogromen lebte. In einzelnen Ortschaften wurden Juden mißhandelt, die jüdischen Studenten auf den Universitäten wurden von ihren christlichen Kollegen attackiert Und die landläufigsten, antisemitischen Schimpfworte bei jeder Gelegenheit gehört. Dieser Zeitpunkt schien nun den führenden jüdischen Persönlichkeiten, mit Luzzatti an der Spitze, der geeignetste Moment zu fein, den König über die Situation zu informieren. Was in jener denkwürdigen Audienz gesprochen wurde, kann natürlich, da die Beteiligten hierüber Schweigen bewahren, nicht genau angegeben werden. Tatsache ist, daß die der Regierung nahestehenden Blätter bald darauf ihre antisemitischen

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