Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 190 Dr. Vlochs Wochenschrift Nr. 12 rungen leben. Ich ergreife diese Gelegenheit, um Doktor Bloch zu sagen, daß wir, die wir in Amerika in besseren Verhältnissen leben als Sie in Oesterreich, uns bemühen, politisch einzugreifen und die Tore unseres Landes offen zu halten für unsere österreichischen und galizischen Brüder, die Herkommen, um in diesem gesegneten Lande eine Zufluchtsstätte zu finden. Ich sage dies im Namen der Juden von Philadelphia und ich hoffe, daß Dr. Bloch es unseren Brüdern jenseits des Meeres übermitteln wird." Am Schlüsse der Rede des Rabbiners Lewenthal wurden Dr. Bloch enthusiastische Ovationen bereitet. Der nächstfolgende Redner, Rechtsanwalt Joseph Groß, widmete Dr. Bloch besonders ehrende Worte. „Dr. Bloch gehört den Juden der ganzen Welt. Er ist ein wahrer und guter Repräsentant der Juden. Ich habe Dr. Bloch als Gelehrten preisen Hören, man erzählte von seinen gelehrten Büchern über einzelne Partien der jüdischen Geschichte, über die Entstehung der Bibel, sowie eine Einleitung in den Talmud und anderer ähnlicher gelehrter Bücher. Für mich ist der Politiker Dr. Bloch eine interessantere Persönlichkeit. Er war der erste Jude in der modernen Zeit, der aufrecht stand und allen hörbar hinausrief, daß er Recht fordere und nichts als Recht. Er hat fürs Judentum niemals um mildernde Umstände plädiert, niemals demütig und bescheiden um Barmherzigkeit und Mitleid gebeten und an die Humanität appelliert, sondern jederzeit mit starker Stimme sein Recht und das Recht aller Juden gefordert. Früher galt als Wahlspruch das Stichwort “fxxz ctki m.T m „Sei ein Jude bei dir zu Hause, in deinem Heim, und sei ein Mensch, wenn du vor die Außenwelt trittst". Nach diesem Grundsatz haben alle großen Männer vor Dr. Bloch gehandelt und nur im Sinne dieses Grundsatzes ist ihr Wirken zu begreifen. Manche unter uns erinnern sich vielleicht noch der Stimmungen im amerikanischen Judentum damaliger Zeit, als man es noch für peinlich hielt, in der Tramway oder in der „Untergrundbahn" ein „jüdisches Tagesblatt" mit jüdischen Lettern zu lesen. Hier und da war aber die jüdische Lady von besonderer Neugierde geplagt, sie hatte gestern den Roman gelesen, — und welche jüdische Lady liest nicht gern einmal einen Roman?, — der Held lag gerade zu Füßen seiner Angebeteten, einer seltenen Schönheit mit flammenden Augen — jede Schönheit hat flammende Augen —, eindringlich redete er auf sie ein mit hinreißender Beredsamkeit und nun als es interessant werden sollte, brach die Erzählung ab: „Fortsetzung folgt". Die Redakteure sind immer so hoshast. Darum hatte sich heute die Dame das Zeitungseremplal sofort gekauft, um die „Fortsetzung" zu lesen und endlich zu erfahren, ob der kühne Held sein Ziel erreichte, und nun schämte sich die Lady eine Tageszeitung mit „jüdischen" Lettern offen zu lesen! Sie half sich gewöhnlich mit einem schlauen Kunstgriff: kaufte ein englisches Blatt und legte die jüdische Zeitung in die Mitte hinein und tat so, als ob sie die englische Zeitung lesen möchte, genoß dabei den jüdischen Roman als einen — „Sandwich", oder als Reminiszenz — «npöb -01 än den alten Hillel, von dem erzählt wird nn'2 bawi “mei nato -p» ,th (Lebh. all. Heiterkeit.) Seitdem hat, Sie wissen, die Stimmung gründlich umgeschlagen, wir verbergen nicht mehr das jüdische Tagblatt zwischen englischen Zeitungspapieren, man schämt sich nicht Simon, Jacob oder Sara und Lea' zu heißen, gerade vor der Oeffentlichkeit bekennt sich jeder freimütig als Jude. Diese Wandlung in der Stimmung und Anschauung datiert seit dem Auftreten Dr. Blochs im österreichischen Parlament: er war der Bahnbrecher, hat die Wege gewiesen, auf welchen ihm später Andere mutig gefolgt sind, — das ist sein unvergänglich e s V e r d i e n st. Dr. Bloch war der erste — Redner fügt hinzu —, ich wiederhole: Dr. Bloch war der erste, der den alten vorher zitierten Grundsatz umgekehrt hat und gesagt: -nn-i ^«2 d*ik 'in „Zu Hause, in deinem Heim sei ein Mensch, aber wenn du in die Außenwelt hinaustrittst sei vor allem ein Jude". Ob er schrieb, ob er redete, in der Versammlung, in der Privatunterhaltung, bei den Massenmeetings der Sozialdemokraten oder auf der Tribüne des Parlamentes, vor Geschworenen oder vor gelehrten Richtern, da war er nur Jude, gab er sich als Jude, betonte in starken Akzenten sein Judentum und hat uns stets nur Ehre gemacht. Wenn diese Art Dr. Bloch's ihm in Europa nicht gerade überall als Verdienst angerechnet worden, wir in Amerika haben für seinen Mut Verständnis und Bewunderung und er soll nicht von dannen ziehen, ohne zu erfahren, daß amerikanische Juden, ohne lfnterschied der Partei, seine dankbaren Bewunderer sind. (Lebh. Beifall.) Der Vizepräsident der Kultusgemeinde in Newyork, Bernhard Semel, entwarf in kurzen Worten die Geschichte des Kampfes, den Dr. Bloch gegen den Antisemitismus in Oesterreich geführt hat, und wies auf den wunderbaren Einfluß hin, den derselbe in jener Zeit auf die damaligen Vorgänge übte. Als der „Talmudjude" erschien und den Versuch machte, den Juden als inhumanen Menschen hinzustellen, da erschien auch Dr. Bloch in seiner ganzen Größe und Hielt dem Zerrbild das wahre Bild des Judentums entgegen. Als sodann der Vorsitzende Herr Wachs Dr. Bloch einlud, das Wort zu ergreifen, erhoben sich die Versammelten von ihren Sitzen und akklamierten minutenlang den Gast. Dr. Bloch dankte für den herzlichen Empfang, widmete dem gelehrten Rabbiner Lewenthal verdiente, ehrende Worte und setzte dann fort: Gerade als mein Fuß dieses glorreiche Land betrat, haben Sie /eine Tat vollbracht, die mit flammenden Worten in die Geschichte eingegraben bleiben wird : die Kündigung des Vertrages mit Rußland. Dieser Akt wird um so mehr als ein Symbol der echten Gleichheit aller Menschen in dieser Republik bestehen bleiben, als er zu einer.Zeit ausgeführt wurde, ha dße.Mächte in Europa materieller Vorteile wegen vor der Reaktion tief sich beugen. Ihr Entschluß hat bewiesen, daß Freiheit und Recht endlich ein ständiges Heim und eine Zufluchtsstätte in der Welt bei einem großen Volke gefunden haben. Ich beglückwünsche Sie hierzu, denn mit diesem Akte haben Sie das unzweifelhafte Recht erworben, als die Führer der Geschicke des jüdischen Volkes angesehen zu werden. Es gibt manche, die diesem Verhalten Rußlands gegenüber böse Folgen prophezeien. Ich glaube nicht, daß die Juden in Rußland noch mehr leiden könnten, als sie bisher gelitten haben. Als ich in Wien für die Rechte der Juden den Kampf führte, gab es auch dort Leute, die behaupteten, daß ich mit meinen Reden und meinen Aktionen eine Steigerung des Antisemitismus in Oesterreich herbeiführen würde. Man hat im alten Aegypten auch Mose angeklagt, daß er den Judenhaß bei Pharao schüre, das jüdische Volk schädige. Lassen auch Sie durch solche Kritik sich, nicht beeinflussen und beirren. Sie möchten nun einiges über unsere Brüder in Galizien erfahren. Nun denn, es ist vielleicht besser, wenn diese traurige Geschichte nicht erzählt wird. Galizien hat eine Bevölkerung von acht Millionen - Seelen, von denen 900.000 Juden sind.. Es sind