Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 186 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. irr gesunde können, so wird sich die freisinnige Partei nicht durchsetzen und nicht erhalten können. Man darf nicht vergessen, dah die absolute Majorität jetzt gar nicht erreicht werden kann, weil nur zwei Wahlkörper wählen. Nur eine starke Opposition gegen die bisherige Majorität wird in den Gemeindesaal einziehen, aber gerade diese wird einen schwierigen Stand haben. Sie muh über genügend geistige Kraft verfügen, um das Ganze in die Luft zu sprengen, sie muh der Bevölkerung zeigen, wie man es machen soll und welche Fehler sie vermeiden würde. Kann sie das alles nicht, so werden sich neben ihr die Reste der Christlich- Sozialen ohne grohe Mühe behaupten können. Deswegen wäre es notwendig, jetzt Kampfnaturen und hervorragende Persönlichkeiten in den Eemeinderat zu entsenden und nicht in so ängstlicher Art Leute, welche vielleicht ganz ausgezeichnet ihren Beruf vertreten können, nicht aber die Wählerschaft. Der Fehler ist vielleicht diesmal nicht überall gut zu machen. Wenn ja, möge man nicht zögern und den alten Schimmel der Berufsvertreter laufen lassen, welche nur Amateurvertreter sind, den Anforderungen einer Stadt und einer kämpfenden Partei gegenüber. Das Problem der jüdischen Armenpflege in Ukw-Uarb. Unter diesem Titel veröffentlicht Morris D. Waldmann im Auftrag der Newyorker Kultusgemeinde einen Vortrag, der nicht mit statistischen Daten ermüden, sondern das Armenwesen hauptsächlich auch von dem Standpunkte betrachten will. um den noch immer laut werdenden Ruf nach Sperrung der. jüdischen Einwanderung zu begegnen?) Ein schlagendes Argument zugunsten der Einwanderung siegt wohl darin, dah in den letzten 10 Jahren die Zahl der jüdischen Unter st ützungswerber sich um 20 Perzent verringert hat, während die Zahl der jüdischen Einwohner sich in dieser Zeit mehr als verdoppelt hat, wozu der besonders günstige Umstand tritt, dah der Neuzuwachs der Unterstützungswerber in diesem Zeitraum fast um ein Drittel gesunken ist, die Armenpflege es hauptsächlich mit alten Stammkunden zu tun hat?) Im selben Zeitraum hat die Zahl der von ganz Newyork unterstützten Armen erschreckend zugenommen, so dah jeder neunte Kopf daselbst Armenunterstützung genießen soll, eine Zahl, die Waldmann auf falsche Statistik zurückführen möchte und angesichts welcher er dringendst für endliche Errichtung eines Zentralkatasters plädiert, was mich mit stolzer Freude erfüllt, wenn ich an unsere von Herrn Heinrich Mendel so weitschauend angelegte und so praktisch durchgeführte Zentralstelle für jüdisches Armenwesen denke?) Diese enorme Abnahme des jüdischen Pauperismus führt Waldmann auf fünf Ursachen zurück : 1. .Der Tätigkeit des jüdischen R e m o v a l O f f i c e. *) Wie wenig dies der Gesinnung nicht nur des jetzigen' sondern des ersten Staatsoberhauptes der Vereinigten Staaten entspricht, werde ich mir erlauben, in nächster Nummer dieser Zeitschrift varzulegen. 2) Die Ausgaben unserer Wiener Gemeinde sind von 1908 bis 1911 von 630.000 K auf 704.645 K gestiegen, was Armenausgaben im engsten Sinne betrisst, welche Daten ich der Liebenswürdigkeit des Herrn Amtsleiters Kraus; verdanke. ->) Den freundlichen Angaben des Herrn Jung von der Zentralstelle entsprechend, würden in unserer Gemeinde aus 175.000 Köpfe 65.976 Unterstützte, also für jeden dritten Kopf, kommen. Ich möchte mir erlauben, diese Zahl für etwas zu hoch gegriffen zu halten, weil ich von meinen eigenen statistischen Aufstellungen im Frauenhort weiß, daß es nicht immer leicht ist, Unter st ützungszahl von Unter st ütztenzahl zu sondern, wie Waldmann es auch für New-Dorker städtisches Armenwesen trefflich auseinandersetzt. welches über 55.000 Einwanderer in Staaten, wo darnach Bedarf war, abschob. 2. Der Jüdischen Darlehengesellschaft, die ähnlich unserer segensreichen Hirschstiftung, in 10 Jahren 10.000 Darlehen gewährte. 3. Der enorm steigenden Wohlhabenheit des ansässigen Newyorker Judentums, das arme Verwandte auf eigene Kosten Nachkommen läßt und anfangs ünterstützt. 4. Dem steigenden Kulturniveau; der Einwanderer. 5. Im engsten Zusammenhang mit letzterem der grohartigen Selbsthilfe, welche sich die Einwanderer durch Krankenkassen, Chewras, Aushilfsbrüderschaften geschaffen und welche es ermöglichen, dah von den 100.000 streikenden jüdischen Schn ei berge selten des Jahres 1909 auch nicht einer jüdische oder christliche Aushilfe in Anspruch nehmen muhte, welcher erhebenden Tatsache gegenüber die überlaut ausgestohenen Iammerrufe der Newyorker Aerzteschaft gegen das Koalitionssystem verstummen müssen, wenn sie auch leider beweisen, dah die Newyorker Aerzteschaft ebenso wenig auf Rosen gebettet ist, wie die Wiener. Als besonders nachahmenswert erscheint mir aber die auf Anregung der Newyorker Kultusgemeinde getroffene Einrichtung, dah jeder Fall drohender jüdischer Obdachlosigkeit von dem Municipium schon prophylaktisch der Kultusgemeinde angezeigt wird, was ich unserem Kultusvorstand zur Nachahmung um so mehr unterbreiten möchte, als die wirklich oder angeblich Obdachlosen die schwierigste Aufgabe für unser Armenwesen darstellen. Wie groh aber trotz aller günstigen Momente der Pauperismus des jüdischen Newyork ist, zeigt, dah sämtlich um Unterstützung ansuchende fünfgliedrige Familien nicht einmal ein Einkommen von 350 Dollars aufweisen konnten, während der Newyorker Staat für 5 Köpfe 800 D. als Eristenzminimum festsetzt. In fast allen Fällen ist in Krankheit und Tod des Ernährers die Ursache des Pauperismus zu suchen, und zwar in 33 Prozenten aller Unterstützungsfälle Tuberkulose (nebst dem bei uns glücklicherweise unbekannten Schwarzwasserfieber). Zur Bekämpfung der Tuberkulose, dieses erschrecklichen Morbus Newyorkensis, haben sich alle, auch staatlichen Faktoren, vereinigt und ist man dabei fast ganz von der Errichtung von Sanatorien abgegängen, sondern bringt die angesteckten Familien bei guter Kost in gesunde Volkswohnungen einzeln unter. Ebenso ist die von unserm H i e tz i n g e r V e r e i n über Anregung des Amtsleiters Rudolf Krauh auch in Wien verfolgte Tendenz, verwaiste und verlassene Kinder nicht in Waisenhäusern, sondern einzeln in braven Familien unterzubringen, in der jüdischen und allgemeinen amerikanischen Wohlfahrtspflege vollständig zum Durchbruch gelangt. Für die Zukunft erhofft Waldmann durch Einführung der zwangsweisen Privatangestelltenversicherung und der weltbewegenden Frage des Minimallohnes, ein Aufhören des Pauperismus, bis dahin müsse man eben durch Darlehen, Witwenpensionen, Geldunterstützung, Mutter- und Iugendschutz, Greisenfürsorge zu Hilfe kommen. Mit Freude kann man konstatieren, dah in allen diesen Beziehungen die Institutionen des jüdischen Newyork, das l1/* Millionen jährlich für seine Armen ausgibt, die christlichen bei weitem übertreffen?) Dah Trunksucht, Einkerkerung — trotzdem gewiß nicht immer ganz einwandfreie Elemente auswandern —, verlassene Frauen und Kinder — letzteres sehr zum Un- 4) Herr Ludwig Jung (Zentralstelle für das jüdische Armenwesen) beziffert die Gesamtausgaben unserer Gemeinde mit 1,320.000 Kronen für europäische Geldverhältnisse und unsere Gemeindezahl, die nicht einmal das Fünftel der New-Dorker beträgt, eine überaus stattliche Ziffer.