Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 12 (22.3.1912)
- Date
- 1912-03-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 12 0pB Bloch’s I«hrSMSM Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 22. März 1912 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien. IX/i, Hahugaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift, Wien. Inhalt: Leitartikel: Berufs- und Amateurkandidaten. — Das Problem der jüdischen Armenpflege'in New-Jork. — Abreise Dr. Blochs aus New-Dork. — Dr. Bloch in Philadelphia. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Das Mißgeschick der Täuflinge. „Der Sohn des Tempelsängers." Von den jüdischen Soldaten in Dalmatien. Verhandlungen zwischen Lord Kitchener und dem itoistischen Zentralrat. Die Rothschild in England. Die Juden auf der Insel Kreta. Eine Apotheke im alten römischen Ghetto. Erschwerung der Einwanderung in Südafrika. Römische Jntriguen gegen die italienischen Juden. Der Untergang der deutschen Juden. — Korrespondenzen: Zentralstelle für das jüdische Armenwesen in Wien. Protestversammlung polnischer Juden in Wien. Graz. Der antisemitische Raubmörder und seine Gesinnungsgenossen. Der Krakauer Kultusvorstand beim Fürsterzbischof. Kaschau. Berlin. Eine neue jüdische Organisation in England. Luigi Luzzati in Amerika. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Hostiendiebstahl in Krakau im Jahre 1635. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. o Ü~... —.- p Bezugspreis für Sesterreich: Q halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für » Ausland: Halbjährig li« Kronen. Ganzjährig .0 Kronen. Anzeigen: Die 3nalgespal» 2 lene Perirzetle Heller. C O P . ■—Q O * Ä. ft. Ppstsparftsstrnarnt Q Sleartng-Verkebr Vlr. 610.976. Redattion und Administration: wir« lX.li, Hahugaffe Nr. 15. Telefon Nr. 14.847. J °o ■ Oo Kerufs und Awalenrkandivalrn. Die Wahlen in den Gemeinderat stehen vor der Türe und es heißt für alle Gegner der Christlich-Sozialen emsig zu rüsten und zu arbeiten. Denn soweit sich erkennen läßt, wachen die Rathausgewaltigen durchaus .nicht den Eindruck einer Partei, welche sich geschlagen bekennt und die Flinte ins Korn wirft. Versammlung folgt auf Versammlung, die ständige und die Gelegenheitspresse agitieren heftig, Massen von Agitatoren sind auf dem Weg, 27.000 Reklamationen zeigen die Mache der offiziellen Wählerliste und die Sprengung der Versammlung der Wirtschaftsvereine in der Innern Stadt beweist, daß von antisemitischer Seite mit aller Macht und allen Mitteln gekämpft und eine große Energie aufgebracht wird. Es wäre also durchaus verfehlt, zu glauben, daß die vielen und großen christlichsozialen Korruptionsfälle der letzten Zeit Agitation genug sind, um den Wählern die Stimmenabgabe für die bisherigen Mandatare einfach zu verekeln. Man wird ohne Engherzigkeit und Versäumnis die freisinnigen Wahlkomitees unterstützen müssen, damit sie den Sieg erringen und der Schreckensherrschaft der christlichsozialen Sansculotten der Kultur ein Ende bereiten Allerdings ist zum großen Teile von Seite der Freisinnigen ein Fehler geschehen, welcher die Wucht des Vorstoßes unbedingt abschwächen muß. Sie haben bei der Kandrdätenfrage leider nicht auf unsere unausgesetzte Mahnung gehört, Männer aufzustellen, welche entweder durch ihre hervorragenden Fähigkeiten oder den Glanz ihres Ranges und Namens zum hohen Amte eines Gemeinderates berufen und befähigt sind. Von vielen der von den Komitees Auserkorenen gilt das witzige Wort Heines: „Wenn zwölf beisammen sind, so bilden sie ein Dutzend und wenn einer sie dann angreift, so rufen sie die Polizei". Die Freisinnigen sind meist von dem Standpunkt ausgegangen, daß sie die Vertreter bestimmter Bevölkerungsgruppen, z. B. der Staatsbeamten, in ihren Listen ausgenommen haben. Diesen Grundsatz könnte man schließlich zum Teil vertreten, in seiner Gänze und radikalen Ausführung aber niemals. Denn erstens steht es nicht immer fest, daß die präsentierten Vertreter der Berufsgruppen auch wirklich die anerkannten Vertrauensmänner ihrer Organisationen sind. Es handelt 'sich da oft um Leute, welche es bloß verstanden haben, sich in einer bestimmten Organisation geschickt in den Vordergrund zu schieben und die vielleicht gerade deßwegen das Mißtrauen und die Feindschaft ihrer Standeskollegen besitzen. Zweitens aber war man allzu leicht geneigt, auch ganz winzigen Gruppen, wenn sie nur recht laut und entschieden auftraten, einen Vertreter für den Gemeinderat zuzugestehen, wie zum Beispiel den Aerzten, welche kaum einen nennenswerten Bruchteil der Wählerschaft ausmachen. Das war ganz verfehlt. Statt der Vertreter der kleinen Gruppen hätte man eben jene Männer aufstellen sollen, welche nicht durch ihren Beruf, sondern durch ihre Persönlichkeit wirken. Denn man darf eines nicht vergessen: Alle Siege sind wertlos und ihre Kosten verloren, wenn man den Erfolg nicht ausnützen kann. Die Bevölkerung wartet auf einen Gegensatz zu den Christlich-Sozialen in der Gemeindevertretung. Es müssen Leute kommen, welche das Krähwinkel zur Großstadt machen, eine großzügige Verwaltung einrichten, jede Spur von Korruption ausmerzen, den Steuerdruck vermindern. Man wird das alles aber schwerlich herbeiführen können, wenn man gute Menschen, aber schlechte Musikanten hat. Die Berufsvertreter, von denen man .nur Fachkenntnisse verlangen kann, mögen ja zeitweilig ganz willkommene Aufklärungen geben. Aber da fehlen noch lange die weitblickenden Kommunalpolitiker und die Agitatoren, die - Fahnenträger, welche ein gesundes Programm zu vertreten und zu verbreiten verstehen, es fehlen die Führer, welche ihre Bedeutung und Tätigkeit der Bevölkerung einzuprägen wissen. Wenn die künftige freisinnige Gemeinderatsmajorität auch Politik treiben will nach dem Zitat aus Faust: „um schließlich alles geh'n zu lassen, wie's Gott gefällt": wenn sich die Debatten und Maßnahmen für die Wählerschaft auf einem niedrigen Niveau bewegen werden; wenn persönliche Unbedeutung sich wird blähen dürfen und sich naturgemäß auf Jntriguen und Kliquen stützen wird, statt auf das wirkliche und