Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3021993--20983-3046052
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 172 Nr. 11 Dr. Blochs Wochenschrift Frauen und Herr Adolf Pick auf unseren ehrwürdigen Rabbiner. Es war lange schon nach Mitternacht, bevor man zum Ausbruche schritt, und von allen Seiten hörte man den Ausspruch: So herrlich schön habe ich mir das Brudermahl denn doch, nicht vorgestellt, und es ist nur schade, datz die Lhewra nicht schon in den früheren Jahren eine solche Chewra-Sude veranstaltet hatte. Die Verfolgung galizischer Juden iu Ungarn. Sehr geehrte Redaktion! Das bitterste Empfinden ist es, das unserer Brust diesen Not- und Wjchschrei im Interesse gepeinigter Brüder, unschuldig .Verfolgter entlockt. Die jüdische Presse soll sich auch da zur Aufgabe stellen, einer gerechten Regierung — wie es die ungarische ist — die Augen zu öffnen: Die ungarische Grenzpolizei, aber hauptsächliche jene von Marmarossziget, Bartfa, Ungvar und jener Gegend, die an Galizien grenzt, geht in letzter Zeit gegen die dortigen — wohl aus Galizien eingewanderten, aber schon seit vielen Jahren ansässigen — Juden mit entsetzlicher Brutalität, furcht- und schreckenerregender Gewalt- und 'Selbstherrschaft, mit einer Bestialität vor, wie man dies vielleicht nur bei — den Cow-Boys des Wild-West vorfinden könnte. Ohne Erbarmen und Menschliches Gefühl werden Eristenzen von Hunderten zugrunde gerichtet. Die verwilderten Satrapen von der Grenzpolizei, habgierige Stuhlrichter und sonstige Administrationsbeamte der dortigen Komitate veranstalten — in letzterer Zeit überhaupt — förmliche Hetz - und Treibjagden auf die dortigen, aus Galizien stammenden jüdischen Opfer. Bis vor kurzem blieben diese Schrecklichkeiten dieser ungarischen Huligans vor den Augen der großen Öffentlichkeit ganz unaufgedeckt. Erst ein solch trauriger Fall, den der Redakteur unseres Blattes zufällig erfuhr, entrollte vor uns den JamMer und die Wehrlosigkeit jener Aermsten aller Armen. Jüdische Familien, die ein ganzes Leben in ehrlicher und strebsamer Arbeit zubrachten, die immer treue Bürger dieses Landes Maren, erwachen eines schönen und, für sie finstern Morgens — und sie sind des Landes mit Androhung von quälenden Strafen verwiesen. Der Vater wird seinen Kindern entrissen, die Mutter, die 10, 15, 20 oder gar 30 Jahre mit ihrem Gatten glücklich und zufrieden lebte, bleibt eine „lebendige" Witwe, hinausgestotzen in Elend und Verzweif lung. Hier eine kleine Blumenlese: Rabbi Manasse Freilich^ ein 60jähriger Mann, kam' vor 5 8 Jahren nach Ungarn. Im Jahre 1877 heiratete er eine geborene Ungarin: Ehanna Rappaport. Seit 35 Jahren führt er ein glückliches Familienleben, geehrt und geachtet von allen. Er wohnt in Felsöszinover (Marmaroser Komitat), wo er steuerzahlender Bürger, Besitzer von Liegenschaften und eines offenen Ladens ist. Sein Unglück wollte es, datz er wohlhabend wurde. Der Okörmezöer Oberstuhl* richter, der berüchtigte Emll Zombory, warf auf den unglücklichen Mann ein Auge und .nach 24 Stunden war er ausgewiesen. Der alte Mann hat 10 Kinder, von denen nur eine Tochter versorgt ist. Zwei Söhne sind in der Jeschiwah und die andern sind vaterlos geblieben. Der alte Freilich irrt seit 4 Monaten in der Welt herum, jammert um sein Weib und seine Kinder. Vergebens waren seine Einwendungen, datz er doch gar nichts verbrochen habe. Nein, das alles nützt nichts. Der Jude — meint Polizei, Stuhlrichter und Vizegespan — mutz vernichtet werden. Mädl Leib in Sztropko, seit 15 Jahren in Ungarn, seit 9 Jahren mit der Tochter des ungarischen Rabbinatsverwesers, Rabbi , Charm Weinfeld in Sztropko, Schendl Ehaje Weinfeld, verheiratet, Vater von.zwei Kindern, von denen eines 8 Monate alt ist; zahlt jährlich 140 Kronen Steuer, ein recht braver und bescheidener Mann, mutz — so hieß es im Ausweisungsbefehl des schwarzen Antisemiten Josef Bano, Hauptmann der Vartfelder Grenzpolizei, der keinem Jüden ins Gesicht schauen kann — binnen 15 Tagen bei Androhung einer Wegschubbierung das Land verlassen. Doch hatte Mandel Glück im Unglücke. Er durfte binnen 15 Tagen an das Ministerium des Innern ein Ueberprüfungsgesuch einreichen, welches wohl ebenfalls keine günstigen Folgen hatte, weil auch, diese allerhöchste Instanz die Ausweisung Mandels bestätigte, doch das einzig Gute hatte, datz der Verfolgte Noch einige Wochen bei Weib und Kind verbringen konnte. Als aber auch dieses Forum Mandel zum ewigen Juden stempeln wollte, ist es Julius Gabel, dem Redakteur eines jüdischen Blattes, gelungen, den menschlich fühlenden und edeldenkenden Ministerialrat Ladislaus v. Szabo, den Landeschef der Grenzpolizei, zu überzeugen, datz da ein himmelschreiendes Unrecht gut gemacht werden mutz. Und Mandel Leib ist glücklich. Mandel Leib gehört wieder seinem Weibe und seinen Kindern an. Nun aber soll mit Zuhilfenahme der Tages- und der jüdischen Presse, hochstehender, gerechter Leute von Herz und edlem' Sinne eine Bewegung eingeleitet werden, die zur Sanierung dieser Schmach und Schande des im liberalen Rufe stehenden Ungarns führen soll. Auch die österreichische' Regierung soll darauf aufmerksam gemacht werden, datz da österreichische Untertanen ganz unschuldig verfolgt und für ihr ganzes Leben unglücklich gemacht werden, deren ganze Sünde nur darin besteht, datz sie Juden und Galizianer sind. AM die Mithilfe der Wiener Israelitischen Alliance mutz da in Anspruch genommen werden. Bemerken wollen wir, datz diese Inanspruchnahme fremder Hilfe nicht gegen die ungarische Regierung und Gesetze gerichtet ist, da diese doch von ihren Subalternen aus 'den verwerflichsten Gründen ganz irregeführt werden. Diese sei vielmehr ein Bestreben, die ungarische Regierung, die — zu ihrem' Lobe sei es gesagt und konstatiert — wenn ihr diese Gewalttaten ihrer unmenschlichen Beamten zur Kenntnis gebracht werden, immer helfend emgreift, auf die moralische Gefahr aufmerksam zu machen, welche geeignet ist. das liberale Ungarn hinsichtlich Entmenschtheit in den Augen Europas nicht nur neben, sondern weit über Rutzland zu stellen. Mit der Bitte, dieses Weh unserer ungerecht und unmenschlich verfolgten Mitbrüder mitzufühlen und deshalb zur Bekämpfung dieses Elends mitzuhelfen, sind , wir mit glaubensbrüderlichem Grütze: Die Redaktion der Ungarischen Wochenschrift független magyar betilap Budapest. ' Gabel, Redakteur. Das Grab Perez Smolenskhs. Aus Meran in Tirol, wo der unvergeßliche hebräische Schriftsteller Perez Smolensky begraben liegt, kommen von jüdischen Kurgästen wiederholt Klagen darüber, datz das Grab Smolenskys vollständig verwahrlost ist und die Inschrift aus dem Grabsteine bis zur Unleserlichkeit verwittert. Viele Verehrer des großen Schriftstellers haben während ihrer Anwesenheit in Meran sein Grab aufsuchen wollen, doch konnten sie es nicht finden. Es

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.