Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 11 (15.3.1912)
- Date
- 1912-03-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 171 bevor Herr Kaufmann in geradezu klassischer Vollendung sein Programm erledigt hatte, dessen Auswahl die treffsichere Hand verriet, stand es bei allen Zuhörern fest: Das jüdische Volkslied ist salonfähig geworden. Die Nachfrage nach den Bezugsquellen der Proben war allgemein, auch die Klavierbegleitungen von Herrn Chordirigenten Braslawski und Frau Auer ernteten vollste Anerkennung. Nach diesem wohlgelungenen Liederabend vereinten sich etwa 80 Teilnehmer zu einem gemütlichen Beisammensein im Restaurant P i n k a s (New-Iork, Kleine Sperlgaffe 5). Die Stimmung erreichte hier ihren Höhepunkt, als die Herren Hofrat Politzer, Präsident Dr. Stern, Dr. M. Grunwald und Vizepräsident Dr. Gustav Kohn in launigen Reden dem schmackhaften Mahle willkommene Würze verliehen. Die Mitternacht war längst vorbei, als sich die Teilnehmer zerstreuten, wohl alle in dem Gefühl, einen genußreichen Abend verlebt zu haben. Ganz besonderer Dank gebührt für das Gelingen des Abends dem akademischen Verein „Jüdische Kultur" (vor allem den Herren M e i s n e r und Engl e r), der mit aufopfernder Hingebung alles bis ins Einzelne vorzubereiten übernommen hatte und auch im Saale mit bestem Erfolg die Arrangements leitete. X. Zentralstelle für jüdische Familienforschung. Bei keinem Volke hat' die Familie eine solche Bedeutung wie bei den Juden, bei denen sie die Grundlage der Geschichte des ganzen Volkes seit jeher bildet. Die in neuerer Zeit allenthalben immer mehr in ihrer Wichtigkeit betonte und immer mehr gepflegte Familienforschung kann bei den Juden selbst auf eine lange Geschichte zurückblicken. - Umso- 'dringender macht sich das Bedürfnis geltend, die bereits vorhandenen Arbeiten einzelner Forscher nus diesem Gebiete zusammenzufassen und die noch vorhandmen Lücken allmählich auszufüllen. In dieser Erkenntnis wurde im Anschluß an das „Wiener Jüdische Museum" eine Z entralstelle für jüdische Familienforschung gebildet. Sie wird zur gegenseitigen Orientierung und Anregung „Mitteilungen" in des Herrn Dr. Mar Grunwalds Organ für „jüdische Volkskunde" erscheinen lassen, die neues Material bekanntmachen werden und Aufschlüsse über auftauchende Fragen vermitteln sollen. Sie wird. ferner eine Inventarisierung des noch im Gemeinde- und Privatbesitz vorhandenen Materials veranlassen. Die Zentralstelle kann aber ihre Tätigkeit nur dann wirk-, sam entfalten, wenn sie allseitig verständnisvolle Unterstützung finden wird. Es ergeht daher an alle, die auf diesem GMete bereits tätig sind, an alle Vereine und Korporationen, die dm Gemeinde- und Familiensinn pflegen, an alle, denen die Erhaltung der Kenntnis der familiengeschichtlichen Kenntnisse eine Herzenssache ist, das dringende Ersuchen, die Zentralstelle in ihren Bestrebungen auf das nachhaltigste fördern zu wollen. Zuschriften an die Zentralstelle sind Jüdisches Museum, Wim, II., Malzgasse 16, zu richten. Unser" Wien er Stadttempel. Kommenden Dienstag am 1. Nissan iährt fich's zum 86. Male, daß dieser ehrwürdige Bau. der damals für die Wiener Juden ein großes Ereignis war, in besonders feierlicher Weise eingeweiht wurde, und tief ergriffen steht noch beute jeder Besucher an dieser heiligen Andachtsstätte, die nach dem alten Spruche »8axa loquuntur«, nicht iminder nach dem Psalmenverse .Deine Knechte lieben jeden hrer Steine" ganze Bücher zu uns redet. So ist der Eindruck auf die Alten, nicht minder auf unsere Jugend. Vor bald 42 Jahren wurde hier der erste öffentliche Jugendgottesdieust abgehalten, der von hier aus in alle Großgemeinden des Kontinents Eingang gefunden und hier stehen noch jetzt tiefergriffen unsere Knaben und Mädchen, fingen freudig die heiligen Gesänge mit und lauschen nach stattgefundener Thora-J Vorlesung auf die diese erläuternden Worte und Lehren des Exhortanten.^ Einen unserer ersten Künstler wollten wir einmal einladen, unfern. Stadttempel, mit Kindern bei der Jugendandacht gefüllt, wie sie alle) beim Vorbeitragen der Thora dieser Kußhandchen zuwerfen, in Augenschein zu nehmen, es würde dies ein Bild, später auf die Leinwand gezaubert, abgeben, das allgemeine Bewunderung erregen würde. Und wie laut und vernehmbar aber auch zu den jungen Herzen gehend, klingt da jedes Wort der Lehre und Ermahnung, an die Jugend gerichtet! Sie bilden alle, die jungen Beter und Beterinnen, hier eine Familie und diese Stätte wird ihr ein zweites Vaterhaus, an das sie alle noch nach Jahren denken und das sie gerne immer und immer wieder austuchen. wenn sie selbst Väter und Mütter geworden sind. Wir wollen und können es gar nicht glauben, daß diese derzeit älteste Andachtsstätte nicht einmal das erste Jahrhundert ihres Bestehens sollte feiern dürfen. Jeder Besucher der altehrwürdigen Judenstadt in Prag macht der kleinen und doch so vielsagenden, ehrwüdigen „A l tneuschule" seinen Besuch und weilt tiefergriffen darin und wir Wiener sollten dieses Schatzkästchen eines Gotteshauses in der Seitenstettengaffe, von dessen Dasein man im Vorbeigehen auf der Straße kaum eine Vermutung hat, das uns aber, wenn wir seine Jnnenräume aufsuchen, eine ganze und große Geschichte erzählt, dem Erdboden gleichmachen! Wir wollen und können es noch immer nicht glauben. Moritz Antscherl. Lmz. (Chewra Sude - Brudermahl.) Nach 50jährigem Bestände der Chewra Kadischa in Linz rafft sich dieselbe endlich einmal auch auf. ein Brudermahl zu veranstalten. Beinahe in jeder Generalversammlung wurde zur Veranstaltung eines solchen Brudermahles ein diesbezüglicher Antrag gestellt, welcher aber immer mit der Motivierung abgelehnt wurde, daß hiefür kein reges Interesse und Linz nicht der richtige Boden für solche Veranstaltungen wäre. Das am 26. v. M. von der Chewra Kadischa in Linz veranstaltete Brudermahl zeigte eben das Gegenteil von dem oben Angeführten, denn eine solch rege Beteiligung (90 % von den Mitgliedern) hätte man sich gewiß nicht erhofft, und dasselbe gab ein beredtes Zeugnis, daß das religiöse Empfinden in der israelitischen Kultusgemeinde. Linz feste Wurzel gefaßt hat. Es war in der Tat ein herrlicher Anblick, als man am 26. Jänner den Festsaal im Volksgarten betrat und die mit prächtigen Naturblumen und Blattpflanzen geschmückte Festtafel, dicht besetzt mit illustren Gästen, erblickte. Zuerst begrüßte der Präses der Chewra Kadischa, Herr Adolf Fürst, in einer herzlichen Ansprache die so zahlreich Erschienenen, insbesondere die Vertretungen der Nachbargemeinden Salzburg und Steyr, Herrn k. k. Rechnungsrat Ludwig Pollak und Herrn Wurmfeld, sowie die von auswärts erschienenen Gäste und gab seiner Freude Ausdruck, daß dieses Vrudermahl unter seiner Aegide zu Stande gekommen fei. Den Reigen der Toaste eröffnete unser allrerehrter ehrwürdiger Rabbiner Herr M. Friedmann, der, trotz seines hohen Alters noch sehr geistesfrisch, einen äußerst gediegenen und mit Humor gewürzten Toast auf die Gemeinde und deren Vorstand ausbrachte. Nachher sprach der Präses der Kultusgemeinde, Herr Benedikt Schwager, in gewohnter fließender Rede einen schönen Toast auf die Mitglieder und Förderer der hiesigen Chewra, der Vizepräsident der Kultusgemeinde. Herr Dr. Hermann Schneeweiß, toastierte in geistreich gewählten Worten auf die jüdischen Wohltätigkeitsvereine und -Anstalten. Während des Mahles trug Herr Oberkantor Löwensohn mit seiner herrlich llingenden Bariionstimme den „Sänger" von Löwe und den Prolog aus „Bajazzo" vor und erntete damit rauschenden Beifall. Mit einem selbstverfaßten Mischeberach und mit dem Absingen des Tischgebetes, welches Herr Oberkantor Löwensohn mit tiefempfundenem Verständnisse zum Vortrage brachte, schloß der offizielle Teil des Brudermahles. — Im inoffiziellen Teile hielt Herr Dr. E. Bloch einen geistreichen Vortrag über Dekadenz und Existenzberechtigung der Juden, welcher mit einem Toast auf die jüdische Jugend endete. Herr k. k. Rechnungsrat Pollak aus Salzburg toastierte auf die Einigkeit der Mitglieder und des Vorstandes, lHerr Bernhard Taussig auf die Förderung des ^Armenwesens, Herr Oberingenieur Stern auf die