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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-03-15 · 11 (15.3.1912) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
11 (15.3.1912)
Date
1912-03-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 168 Dr. Blochs Wochkuschrift Nr. 1t Theorien des Herrn Professor Werner Sombart vertreten, und er erhielt damals von dem Abgeordneten Dr. Bloch eine Antwort, aus welcher wir nach dem stenographischen Protokoll nachstehende Stelle herausheben: „Meine Herren! Der Herr Abgeordnete Türk hat als den stärksten Vorwurf 'gegen uns erhoben, daß unsere Religion es ist, welche die kapitalistische Erwerbgier fördert, daß die Religion der Juden die Religion des goldenen halbes sein müsse. Er Hat aus den Verhältnissen deduziert, der Talmud müsse so beschaffen sein, daß er ganz speziell die kapitalistische Form des Erwerbes begünstige und lehre. „Ich will darum mit der Frage anfangen: Wer hat den Talmud verfaßt? „Meine Herren! Wissen Sie, daß es vorzüglich Arbeiter und Handwerker waren, welche den Talmud verfaßt, gelehrt und tradiert haben? Kohlenbrenner, Holzhauer. Eisen- und Kupferschmiede, Schneider, Schuster, Schreiner, Gerber, Bäcker, Müller und Lastträger." „Arbeiter, Handwerker, sind die vornehmsten Autoren des Talmud. Und können Sie annehmen, daß solche Männer ein Religionsbuch zu Gunsten der kapitalistischen Form der Produktion schreiben werden?" „In 63 Schriften, aus denen der Talmud besteht, finöet man kaum ein Wort zu Ehren des Handels, wohl aber manches, was auf die Gefahren der Geldmacherei, des vagierenden Lebens hinweist. Aber zum Preise der Arbeit ist das Buch voll." Der Abgeordnete Türk hat damals den Juden ebenfalls empfohlen, nach Palästina auszuwandern. Der Abgeordnete Dr. Bloch antwortete darauf: „Endlich gestatten Sie mir, meine Herren, noch einige Worte über den von dem Herrn Abgeordneten Türk so hoch gestellten nationalen Antisemitismus. Er bezeichnet uns Juden jals Fremde, als Gäste, als Eingewanderte. Ich ergreife die Gelegenheit, feierlich gegen diese Schmähung zu protestieren. „Wir Juden sind in Oesterreich, bereits seit der Römerzeit, es finden sich Spuren altjüdischer Leichensteine schon aus jener Römerzeit, wir sind hier keine Fremdlinge, und an Vaterlandsliebe und an Kaisertreue werden wir doch wahrlich von den Herren aus jener Seite des Hauses nimmermehr übertroffen. (Bravo rechts.) x „Wir Juden haben uns das Heimatsrecht in Oesterreich durch das Blut unserer Vater erkämpft, durch tausendfachvergossenes Märtyrerblut. (Hört, hört!) Ja wohl! Es gibt kein Stückchen Land und und kein Stückchen Boden in Oesterreich-, auf dem nicht jüdisches Märtyrerblut geflossen wäre. „Wir sind sonach hier keine Fremden. Der Herr Abgeordnete Türk sprach davon, daß auf uns ein Fluchder Heimatlosigkeit lasten soll: ich weiß nicht, was er sich dabei denkt. Soll das etwa eine Anspielung sein auf gewisse Lehren der katholischen Kirche? Auf die Kreuzigung Jesu? „Haben die Griechen nicht ihrem Sokrates den Giftbecher gegeben und haben die Deutschen nicht ihren Befreier Herrmann meuchlings hingemordet, ohne irgend welche — Gerichtsverhandlung? Es liegt etwas Providentielles darin, daß die alten Deutschen ihren Befreier nicht aus religiösem Fanatismus, hingerissen von einer falschen Lehre, ermordet haben, sondern aus Neid, daß es die eigenen Angehörigen und Blutsverwandten waren, die ihn gemordet haben. „Wir sollen heimatlos sein wegen Teilnahme einiger Juden an der Kreuzigung Jesu. Der Akt war gewiß ein Verbrechen, und die Verbrecher hätten einen Fluch verdient. Allein wenn die Nachkommen eines Verbrechers den Fluch erben, so erinnere ich daran, daß nocheiner bei jenem traurigen Geschehnis beteiligt war: Pontius Pilatus, der doch Iesum in seiner Gewalt hatte und eventuell freigeben konnte. Und wissen Sie, daß er ein Germane war, aus Forchhe'm in der Rheinpfalz? (Lebhafte Heiterkeit.) Somit haben Sie Ihren Anteil an diesem Fluch. (Lebhafte Heiterkeit.)" Damals, 1890, gab es in Wien noch keine zionistische Partei, und Herrn Türk war es nicht bestimmt, ein jüdischer Parteiheiliger zu werden. Die naive Freude der Zionisten an Ihrem „Ehrengoi" Werner Sombart, der unser Volk, das Andenken unserer Väter und das geistige Erbe, welches sie uns hinterlassen haben, schwer verunglimpft, der sich aber herabgelassen hat, einige freundliche Worte an ihre Adresse zu richten, ist nichts als die ererbte Knechtseligkeit t es Golus-Juden, von welchem die gehässige Karikatur das Zerrbild entwirft wie er sich tief verneigt vor dem Herrn Baron, als er sich herabließ, in seinem Hause zu erscheinen, der aber kam — um die einzige Tochter des Juden zu entehren! Ein Beweis für die Wahrheit der Lehre von der ewigen „Wiederkehr des Gleichen". Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein literarisches Fest. Zum 50jährigen Jubiläum der „Hazefira". Die hebräische Literatur feiert dieser Tage ein seltenes Jubiläum: am 23. Februar sind es 50 Jahre geworden, seitdem die erste Nummer der „Hazefira" von Ehajim Selig Slonimsky erschienen ist. Ein halbes Jahrhundert ist in der jungen neuhebräischen Literatur eine Fülle von Zeit, in der ganze Evolutionen und Strömungen kommen und gehen: die letzten 50 Jahre waren von ganz besonderer Bedeutung: in ihnen hat die hebräische Literatur die eigentliche Form empfangen, die sie heute besitzt, in ihnen ist der Geist entstanden, der sie noch heute beherrscht. An all den Strömungen und Wandlungen dieser letzten 50 Jahre hat die „Hazefira" tätigen, führenden Anteil genommen. Man braucht nur die erste Nummer der „Hazefira" mit einer heutigen, die Tendenz, die sie bei ihrer Entstehung verfolgte, mit der zu vergleichen, die sie heute hat, um den gewaltigen Fortschritt zu erkennen, den die hebräische Literatur in dieser Zeit gemacht, um die Wandlung zu ermessen, die sich in ihr vollzogen hat. Unter der Leitung des genialen N. S o k o l o w erhielt die „Hazefira" jenen Modernen europäischen Charakter, der sie bis heute auszeichnet. Er richtete eine politische Rubrik ein, in der er mit umfassender Kenntnis und hohem schriftstellerischen Geschick die Ereignisse des allgemeinen politischen Lebens besprach und den jüdischen Massen Einblick in die große politische Welt gewährte. Die „Hazefira" wurde ein Lieblingsblatt der jüdischen Intelligenz innerhalb und außerhalb Rußlands. Die Verdienste, die die „Hazefira" sich in ihrer 50jährigen Tätigkeit erworben hat, ihre Verdienste um die Literatur, um die Hebung der Bildung der jüdischen Massen, um die Weiterentwicklung der hebräischen Sprache, um die Förderung und Kräftigung des jüdischen Volksbewußtsein, all dies im einzelnen auszuführen, würde hier zu weit führen. Es genügt, sie zu nennen, um die Bedeutung der „Hazefira" zu erkennen. 50 Jahre sind in der hebräischen Literatur eine lange, lange Zeit. Die Tatsache, daß die „Hazefira" so lange Zeit sich erhalten konnte, ist das deutlichste Zeichen ihrer Bedeutung, ihrer Beliebtheit, ihrer Lebenskraft. Wünschen wir ihr, daß sie ihr 100jähriges Ju-

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