Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 10 (8.3.1912)
- Date
- 1912-03-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 154 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 10 Vom Jahrmarkt des Lebens. Eine neue archäologische Entdeckung in Palästina. Eine englische Zeitschrift berichtet über eine sehr interessante Ausgrabung in Palästina. Eine archäologische Kommission hat nach diesem Berichte seit längerer Zeit an einer Stelle Grabungen vorgenommen, welche als der Ort angesehen wurde, auf welchem das alte Nazareth gestanden hat. Diese Voraussetzung habe sich nun bestätigt. Verschiedene Objekte wurden zutage gefördert, welche den Schluß zulassen, daß sogar die Stelle ausgedeckt wurde, wo die Familie des Begründers des Christentums und besonders das Haupt der Familie, der Tischler Joseph, seine Werkstätte gehabt haben soll. Ein Teil der Inschriften konnte bereits entziffert werden. Sie bestätigen die obige Annahme. Die Kommission hat über ihre Entdeckung einen ausführlichen Bericht an die Pariser »Akademie des'in scriptions et heiles Lettres« gesandt, welche die Ergebnisse der Grabungen studieren und prüfen wird, ob die Annahme der Kommission wissenschaftlich begründet ist. Vereinigung jüdischer Aerzte. Die Schaffung einer Vereinigung der jüdischen Aerzte Palästinas zu gemeinsamer fachwissenschaftlicher und volkshygienischer Tätigkeit bildet seit Jahren das Bestreben einzelner führender Aerzte. Namentlich haben Dr. Hillei Joffe und Dr. Bernstein-Kohan Versuche in dieser Richtung unternommen. Jetzt ist es gelungen, zumindest einen Teil dieser Aufgabe zu lösen. In Jaffa und Umgebung ist eine Vereinigung der jüdischen Aerzte begründet worden, der nun 13 Aerzte angehören. Den Vorstand bilden: Dr. Pichawsky, Dr. Scherrmann und Dr. Krinkin. Es wurde beschlossen, einmal in 14 Tagen eine Zusammenkunft abzuhalten. Bei besonders wichtigen Referaten werden auch die Aerzte der Kolonien sowie alle nichtjüdischen Aerzte benachrichtigt werden, damit sie sich ebenfalls beteiligen können. Wenn nun noch ähnliche Vereinigungen in Haifa (Samaria und Untergaliäa inbegriffen), Obergaliläa und Jerusalem entstehen, könnte man an die Schaffung einer Eesamtorganisation schreiten. Ein neuer weiblicher Professor in Deutschland. Frau Dr. Lydia Rabinowitsch-Kempner wurde, wie jetzt amtlich bekanntgegeben wird, der deutsche Professorentitel verliehen. Die ausgezeichnete Forscherin, die sich durch ihre Entdeckungen auf bakteriologischem Gebiet einen Namen gemacht, gehörte vor etwa fünfzehn Jahren bereits als Professor der Bakteriologie der medizinischen Fakultät Philadelphia an. Lydia Rabinowitsch ist die zweite deutsche Professorin; als erste wurde die Zoologin Gräfin Linden (Bonn) ernannt, mit deren Professur allerdings noch die Lehraufgabe an der Universität verbunden ist. 460 Juden zum Buddhismus übergelretsn. Russische Zeitungen bringen die für die gegenwärtige Lage der Juden in Rußland bezeichnende Meldung, daß 400 jüdische Familien des Amourgebietes den buddhistischen Glauben angenommen hätten. Zu diesem Schritte entschlossen sich diese Juden deshalb, weil der Generalgouverneur des Amourgebietes jüngst die Vertreibung aller Juden aus dem Gouvernement.angeordnet hatte. Um nun der Ausweisung zu entgehen, haben 400 jüdische Familien den Glauben Buddhas angenommen. Mlerdings haben diese Ueberläuser die Rechnung ohne den Generalgouverneur gemacht, der diese neuen „Götzendiener" nicht anerkennen will und seinen Ausweisungsbefehl gegen sie auch weiter aufrecht erhält. Die neuen Buddhisten haben nun gegen diese Verfügung an den Senat rekuriert, welcher jetzt über die interessante Frage zu entscheiden haben wird, oh ein Jude, der zum> buddhistischen Glauben Übertritt, als Götzendiener zu betrachten s!ei und daher auf alle bürgerlichen Rechte Anspruch habe. Nach der bisherigen Rechtspraris des Senats dürfte seine Entscheidung gegen die buddhistischen Marannen ausfallen. Die jüdische Auswanderung im Jahre 1911. Im Jahre 1911 sind im ganzen 78.636 Juden in Amerika gelandet. Davon waren 39.513 . Männer, 35.840 Frauen und 3283 Kinder. Im Newyorker Hafen landeten hievon 631.500, via Galveston 1414. Von den Eingewanderten kamen aus Rußland 58.065, Oesterreich- Ungarn 10.969, aus Rumänien 1683, und der Rest aus den übrigen Ländern. Die Landung verweigert wurde im verflossenen Jahre 889 Juden. Auszeichnungen in Italien. Der König von Italien hat über Vorschlag des Ministers für Landwirtschaft, Industrie und Handel dem Dr. Cesare Pegna das Kavalierskreuz des italienischen Kronenordens verliehen. Cesare Pegna erfreut sich in der Jndustriewelt Italiens eines großen Ansehens und hat sich besonders um die Einführung der Fabrikation chemischer Produkte in Italien große Verdienste erworben. Althebraifche Lieder im Phonographifchen Archiv der Wiener Akademie. Die Wiener Akademie der Wissenschaften besitzt bekanntlich ein reichhaltiges phonographisches Archiv, in welchem die ältesten und schon im Aussterben begriffenen Dialekte und Gesänge festgehalten sind. Unter anderem gelang es der Akademie, in den Besitz phonographischer Aufnahmen alter, semitischer Dialekte und althebräischer Gesänge zu gelangen, welche, wie versichert wird, aus der Zeit des jüdischen Königreiches stammen, und von äußeren Einflüssen unberührt bis auf uns gekommen sind. Sie tragen einen echt orientalischen Charakter und sollen, vom musikalischen Gesichtspunkte beurteilt, auf keiner besonders hohen Stufe stehen. Die portugiesische Presse über das Projekt einer jüdischen Kolonie in Portugal. Wie bereits berichtet, liegt dem Parlament von Portugal ein Gesetzentwurf vor, wonach der obere Teil der portugiesisch-westafrikanischen Kolonie Angola russischen Juden als jüdisches Siedlungsgebiet überlassen werde. Im Gegensätze zu anderen Einwanderungsländern soll in dieser neuen Judsenkolonie laut dem Gesetzentwurf jeder Jude, der von einer angesehenen jüdischen Kolonisation oder Wohltätigkeitsgesellschaft empfohlen oder geschickt wird, zur Siedlung zugelassen werden. Die Kommission für Naturalisationsangelegenheiten im portugiesischen Parlamente ist dem Projekte sehr günstig gestimmt. Auch, die portugiesische Presse widmet der Angelegenheit sympathische Artikel. Bezeichnend hiefür ist ein Leitartikel des verbreitetsten Journals in .Portugal „O Seculo". Das Blatt, welches der portugiesischen Regierung sehr nahe steht, schreibt unter anderem: „Die erste europäische Kolonie in St. Thome wurde von Juden gegründet, welche aus Portugal ver-< trieben wurden. Bald daraus wurde die Insel ein wahres Paradies. Heute zweifelt niemand mehr daran, daß die wirtschaftliche und kulturelle Dekadenz Por-- tugals mit dem Jahre beginnt, in welchem die Juden von dort vertrieben wurden. Holland ist durch die Einwanderung von aus Portugal vertriebenen Juden reich geworden und rühmt sich heute mit Stolz, daß es