Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 144 nicht nur eine sehr schöne Stimme, sondern auch ein vortreffliches musikalisches Gehör besah. Als der Kantor dies erfuhr, beeilte er sich, den Jungen als „Singer!" für seinen Synagogenchor zu gewinnen und ihn musikalisch weiter zu bilden. Nach Vollendung der Bürgerschule kam Verl als Lehrling in ein Geschäft. In den freien Stunden las er viel und lernte heimlich französisch. Woher er die Bücher nahm, weih der liebe Himmel, denn jeden Heller von seinem schmalen Verdienste lieferte er den Eltern ab. An jedem Freitag Abend und Sabbath erfreute er die Gemeinde mit seiner herrlichen Stimme, die sich nach der Mutationsperiode zu einem weichen, aber kraftvollen Tenor entwickelte. Wenn Fremde den Gottesdienst besuchten, machte man sie vorher auf das „Singerl" aufmerksam. Längst hatte der alte Kantor den jungen Sänger nichts mehr zu lehren. Aber es war wunderbar, wie Berl Goldlust aus sich heraus den alten, ehrwürdigen Melodien neuen Glanz und tiefe Beseelung zu geben wuhte. Eines Tages verkündeten große bunte Plakate, daß die berühmte jüdische Opern- und Operettengesellschaft des Abraham Gimpel nach T. komme und eine Reihe von Vorstellungen geben wolle. Als Berl diese Ankündigung las, leuchtete es in seinen blauen Augen auf und eine nervöse Unruhe bemächtigte sich seiner. Er hatte noch nie ein Theater gesehen, aber seit Jahren stand ihm das Herz darnach^ Und nun. sollte er gar ein Theater sehen, auf welchem nicht bloß gesprochen, sondern gesungen wurde! Die Truppe des Abraham Gimpel war eine der besten unter den vielen im Lande herumziehenden jüdischen Theatergesellschaften, sie führte ihr eigenes Orchester und ihre eigenen Dekorationen mit sich und verfügte über gute Sänger und Sängerinnen. Ihr dürft Euch freilich nicht vorstellen, daß solche eine Truppe den Vergleich mit westlichen Bühnendarstellungen aufnehmen kann. Im jüdischen Osten spielt das Jargon-Theater eine große Rolle^ In Lemberg gab es in der Sirtusgasse ein festes jüdisches Theater mit einem umfangreichen Repertoire, dessen vornehmster Beherrscher der fruchtbare Goldfaden ist. Dann zählt man zahlreiche wandernde Truppen, die in jeder größeren Stadt für einige Wochen ihre Musentempel aufschlagen. Auch jüdische Volkssänger bieten den unteren Volksschichten viel Kurzweil. Aber alll das ist eine junge, vielfach noch naive Kunst. Jede dieser Gesellschaften verfügt vor allem über einen guten Lustigmacher, auf den sich das Interesse des dankbaren Publikums konzentriert, während die anderen Darsteller meist hölzern und steifbeinig ihren Part hersagen oder hersingen, just so, wie vor der modernen Entwicklung des deutschen Theaters Kasperl, Hanswurst und Pierrot die Hauptfiguren waren. Die Gesellschaft des Abraham Gimpel stand, wie schon erwähnt, auf einer etwas höheren Stufe. Sie eröffnete ihre Vorstellungen mit einer großen historischen Oper „Napoleon", in welcher der gewaltige Weltbegründer mit öIF fernen Marschallen und seinem übrigen glanzenden Hofstaate auftrat. Berl Goldlust war an diesem Tage im Geschäft sichtlich zerstreut. Fiebernd sah er der Eröffnung des Theaters entgegen, das in. einem langgestreckten, mit Petroleumlampen schlecht erleuchteten Saale untergebracht war. Er hatte einen billigen Stehplatz erworben und war der Erste zur Stelle. Voll tiefer Erregung verfolgte er die Vorgänge auf der Bühne. Der Komponist hatte dem von ihm sekbstverfatzten Terte altjüdische Weisen unterlegt. Wenn ein Zuhörer aus dem Westen anwesend war, möchte er darob lächeln, wie Napoleon mit seinen Pallad inen, mff Ney, Marmont, Murat, Bandamme und Eugen Beauharnaus, in „Jiddisch" Kriegsrat pflog, seine Schlachlen schlug und seine Liebesabenteuer erledigte. Für Berl Nr. 9 Goldlust und das ganze gläubige Publikum war die Vorstellung eine Offenbarung und als der junge Mann das Theater verließ, tobte ein Sturm in seiner Seele. Am folgenden Tage sollte zur Feier des Purimfestes die Oper „Esther" zur Aufführung gelangen. Unglücklicherweise hatte sich jedoch der Darsteller des Eugen Veauharnais, der den Part des Königs Achafchweroth singen sollte, im Kampfgetümmel unter den Augen Napoleons den Fuß verstaucht und konnte nicht auftreten. Der Direktor war in Verzweiflung. Noch in der Nacht traf er im Kaffeehause den alten Kantor und jammerte, daß er morgen die zur Purimfeier vorbereitete Vorstellung der „Esther" absagen müsse und daß sein Theater hierdurch nicht nur einen großen Materiellen Schaden, sondern auch eine schwere Moralische Einbusfe erleide. Der Kantor hörte ihn bedauernd an. Plötzlich sprang er erregt auf und legte dem Direktor die Hand auf' den Arm. „Was zahlt Ihr mir, wenn ich Euch einen Achaschweroth stelle?" fragte er mit zitternder Stimme. Der Direktor sah ihn verblüfft an. „Ihr seid wohl nicht recht gescheit! Wo wollt Ihr in der Eile einen Achafchweroth hernehmen?" „Was zahlt Ihr mir?" drängte der Kantor. Als Abraham Gimpel sah, daß der Andere es ernst meine, bemächtigte sich auch seiner große Aufregung. „Wenn Ihr das machen könnt, soll der vierte Teil der Einnahme Euch gehören." „Gemacht!", sagte tief aufatmend der Kantor und verließ ellig das Lokal. Um 8 Uhr früh des anderen Tages stand Berl Goldlust bebend vor Abraham Gimpel. „Kannst Du vom,Blatt singen?" fragte der Direktor. „Ich will's versuchen", entgegnete Verl. „So komm in einer Stunde zur Probe. Du wirst am Abend mit der Rolle in der Hand singen." Bei der Probe machte Abraham Gimpel große Augen. Einen solchen Sänger hatte er noch nie gehört, geschweige denn in seiner Truppe gehabt. Freilich gings nicht anders, als daß Berl festgewurzelt an einer Stelle der Bühne stand und Mit Verzicht auf jede schaupielerische Leistung, seinen Part vom Notenblatte absang. Aber immerhin — die Vorstellung war gerettet. Sie begann spät, weil die Leute erst der Vorlesung der Megilla beiwohnten. Aber als der Vorhang in die Höhe ging, ereignete sich etwas Wunderbares. Verl Goldlust hatte den Nachmittag über seinen ganzen Part auswendig gelernt und sang ihn nicht nur tadellos, sondern spielte auch mächtig ergriffen seine Rolle, freilich noch unbeholfen, aber immerhin doch ausdrucksvoll, in voller Beherrschung des Tertes und ohne des nach? helfenden Notenblattes zu bedürfen. Beifallsstürme durchtobten das Haus. Berl Goldlust müßte imMer und immer wieder vor die Rampen. Seine Äugen glänzten, seine Wangen glühten. Auf offener Szene küßten ihn Esther und die Königin Waschti ab. Nun glühten seine Wangen noch mehr. Der Direktor war im siebenten Himhiel. In überschwänglichen Worten dankte er dem jungen Sänger und dann führte er in der Freude seines Herzens seine ganze Truppe in vollem Kostüm hinaus auf die Straße, wo sich mittlerweile ein buntes Maskentreiben entwickelt hatte. Scharen von jungen Leuten hatten sich zu Gruppen geschart und zogen mit Sang und Saitenspiel herum, die Gesichter hinter billigen Larven versteckt, die Häupter mit phantastischen Kopfputz aus Goldschlagpapier bedeckt, als Kaiser und Könige, als vornehme Frauen und Bauernmädchen, als Löwen und Panther kostümiert. Insbesondere waren alle Gestalten der biblischen Ge-