Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 9 (1.3.1912)
- Date
- 1912-03-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Blochs Wochenschrift Sette 135 Nr. 9 die uns anmuten, wie Zwischenrufe in dem Landtag des bekanntlich bestverwälteten Landes der Welt, ja Sombart spricht von einem Sündenregister der Juden, wirft ihnen eingewurzelte Neigung zu kleinen Betrügereien, AufdringlichteT Würdelosigkeit, Taktlosigkeit usw. vor, er zitiert.den Talmud, den er 2 Jahre — sage: 2 Jahre - lang studiert zu haben gesteht, er konstruiert aus. ihm ein Fabelwesen von Judentum, wie wenn man den Volkscharakter'der Deutschen darstellen würde nach dem deutschen Strafgesetzbuch!, —- alles alte Bekannte, die den Tiraden antisemitischer Wirtshausredner ähnlich sehen, wie ein Ei dem anderen. Und in seinem Vortrage erklärte Sombart, er liebe die Juden nicht, sowie er bekennt, die jüdische Kultur sei ihm nicht übermäßig sympathisch^ er sagt uns ins Gesicht, daß das Judentum nur in bestimmtem Prozentsatz zulässig, in größerer Dösis gefährlich sei, genau die russische Theorie und Praris, Er wünscht allerdings die Erhaltung der jüdischen Eigenart. Doch wie denkt er sich diese Ärterhaltung in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren? Und auf die. beschränkt sich seine Prophezeiung über die Zukunft der Juden! Wie denkt er sie sich, ohne daß die Juden sich vermehren sollen? Wünscht er etwa eine Auferstehung des ältösterreichischen Familiantengesetzes mit dem Numerus clausus, einer Höchstziffer für die Anzahl der jüdischen Familien und deren Mitglieder? Sombart wünscht die Erhaltung der jüdischen Eigenart, sowie die irgend einer Insektenart aus rein naturwissenschaftlichem, biologischen Interesse und darum, weil er in der Natur wie in dem Kulturbild der Menschheit das bunte Farbenspiel, sozusagen Faschingsstrmmung in der Weltgeschichte, liebt.. Wie wenn nun ein anderer Professor aufträte, der dem Grau des Aschermittwochs, dem farblosen Amerikanismus huldigte! Dem zu Liebe hätten die Juden sich dann wieder „umzuarten"? Gewiß, Sombart hat das Recht seiner Meinung. Niemand wird sie ihm bestreiten. Aber diesen herausfordernden Hohn einem jüdischen Publikum ins Gesicht zu schleudern, bei dem man zu Gaste ist, uns fehlt, dafür das Verständnis. Doch Sombart, der den Juden „Aufdringlichkeit, Würdelosigkeit und Taktlosigkeit" vorwirft, er wird am ehesten berufen sein, aus dem reichen Setzkasten seiner Interjektionen auch für sein Verhalten die treffende Signatur zu wählen. Trotz alledem erklärt aber Sombart, sein Buch sei streng wissenschaftlich und er selbst nicht Antisemit, wenigstens nicht ohne Einschränkung, ja er habe sich erst prüfen müssen, ob er Antisemit sei. Mit dem Antisemitismus geht es also offenbar manchem wie mit änderen Eigenschaften, die man noch immer nicht selbst an sich wahrnimmt, wenn, andere längst mit Fingern darauf zeigen.. Wenn man hier nicht von Antisemitismus reden soll, so kann es nur darum sein, weil das Wort zu schwach ist. Denn Sombart bietet uns mehr als Haß und Feindschaft. Die können wir ertragen von aller Welt,, Jahrtausende sind unsere Zeugen.. Aber eines lassen wir uns nicht bieten, das ist Spott und Hohn. Wir wollen ernst genommen werden sein wie Sombart selbst. Sombart selbst schätzt ja, wie er erklärt, den aufrechten Juden. Wir erwidern dieses Gefühl, damit, daß. wir Aufrichtigkeit nicht nur . auch am Nichtjuden schätzen,. sondern sie.von ihm erwarten. Md darum ersuchte ich ihn . vor acht Tagen bei seinem Vortrage um eine aufrichtige Antwort auf. die folgende Frage. . Sombart hql, wie erwähnt, seinen Vortrag als Broschüre veröWnüicht, bevor er ihn hier gehalten hat. In dieser, Broschüre stellt er als Quintessenz der ganzen Erörterung üb^ kdie Gleichberechtigung der Juden das folgende, . Programm auf: „Die Staaten geben ihren jüdischen Mitbürgern die volle Gleichberechtigung und die Juden werden die Klugheit und den Takt besitzen, diese Gleichberechtigung nicht überall und nicht in vollem Umfange auszunützen." Diese wichtige Pointe vermißte man in seinem Wiener Vortrag. Vielleicht war die Spanne eines Abends zu knapp, um auch auf diesen Punkt näher einzugehen. Uns erscheint er aber so wichtig, daß wir ihn erörtern müssen. Sombart spricht natürlich von den Westjuden. Er weiß, daß diese in ihren Heimatländern längst die Gleichberechtigung haben. Nicht gegeben hat man sie ihnen, nicht als ein Geschenk, eine Gnade bewilligt, sondern in harten Kämpfen mußte diese Gleichberechtigung erstritten werden. Auch die Gleichberechtigung setzt Sombart gern in Gänsefüßchen. Er weiß warum. Er kennt die Mächte, die hinter den Kulissen der öffentlichen Staatsbühne die von den Staaten den Juden bewilligte Gleichberechtigung in Wirklichkeit illusorisch machen. Und was -empfiehlt nun Sombart den Juden, die somit schnöde um ihr gutes Recht betrogen werden? Er empfiehlt ihnen, tapfer zurückzuweichen, taktvoll von der Gleichberechtigung keinen Gebrauch zu machen. Aber ein solches Aufgeben seines Rechtes wäre kein Zeichen des Taktes, sondern der Beweis elender Feigheit und Kneiferei. Man kann so stolz sein, sich eines Rechtes zu begeben, über das man jederzeit zu verfügen in der Lage ist. Aber auf ein Recht verzichten, das einem zukommt und doch gegen Gerechtigkeit und Billigkeit mit Gewalt und Hohn vorenthalten wird, das erinnert an den Fuchs, dem die Trauben zu sauer sind. Doch Sombart tröstet uns. Lr sagt: Ist es denn wirklich die Rede wert, das bißchen Offizier- oder ach Reserveoffizierwerden! Nun so einfach liegt gerade dieser Fall nicht. Der Jude drängt sich nicht zu der Laufbahn, die normalen Weges zum Reserveoffizier führt. Sondern er muß, ob er will oder nicht, sein Jahr abdienen. Er muß dann weiter, ohne daß er befragt wird, die Waffenübungen mitmachen. Nun kommt es. es fehlt nicht an Belegen dafür, selbst in Preußen tatsächlich vor, daß ein solcher Jude von seinem Hauptmann ermuntert wird, sich zum Offizierseramen zu melden. Warum auch nicht? Weshalb sich selbst zu einem Bürger und Soldaten zweiter Klasse herabwürdigen? Nun besteht er das Eramen, seine Führungsliste weist glänzende Noten auf, aber — das Offizierskorps lehnt ihn ab. Weshalb? Ein Blatt, das ernst genommen sein möchte, behauptete, weil der Jude vor der Front keine imponierende Figur abgebe. Aber wie merkwürdig! Wenn dieser Jude sstch heute Lausen läßt, ist er unter Umständen morgen schon die Musterausgabe eines Frontoffiziers! Doch gleichviel, ob er sich zum Eramen meldet oder ob er in Voraussicht der größeren Kränkung die kleinere vorzieht, von dem Experiment von vornherein abzustehen. — er erscheint vor seinen Kameraden, vor seinen Untergebenen, vor aller Welt als Mensch degradiert. Ein solches Spiel mit der Ehre eines Menschen ist eine Frivolität ohne gleichen. Doch Sombart sieht darin eine Wohltat, die man den Juden erweist. Daß man sie einst in das Ghetto gepfercht hat, geschah, so behauptet er. nicht gegen ihren Willen, es war im Gegenteil nur ein Entgegenkommen der Behörden. Und, da die völlige Durchführung der Gleichberechtigung nur den Antisemitismus steigern würde, so kann den Juden nichts Heilsameres widerfahren, als die Ausschließung von städtischen und staatlichen Aemtern. Ja, Sombart begreift gar niAt, wie er sagt, die Jagd nach dem Staatsamt. Noch mehr, daß es dem Juden versagt wird, darin sieht Sombart durchaus nicht eine Verletzung des Grundrechts. Die Verfassung besagt nur, so meint er, daß man die Juden mit öffentlichen Aemtern bekleiden kann.