Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 130 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 8 und Elague tadellos, frisch vom Schneider und Hutmacher, nach der neuesten Mode. Auf den Spitzen der Lackschuhe vereinigen sich die Sonnenstrahlen wie in einem Brennspiegel. Die Herren nehmen in einer Ecke Platz und halten im Flüsterton noch rasch eine Beratung ab. Dann kommt ein dicker Geometer aus der Provinz mit keuchendem Atem, denn die große Freitreppe ist ihm sauer geworden. Trotz seinem Embonpoint hat er den Frack — über der mächtigen Rundung des Bauches zugeknöpft. Schweißtropfen perlen ihm von der geröteten Stirne. Mit knarrenden Schritten bewegt er sich auf und ab und bewegt dabei unaufhörlich die Lippen. Er wiederholt offenbar immer wieder die sorgfältig memorierte Ansprache, die er an den Minister halten will. Unter Vorantritt des äußeren Türstehers, der sich in Höflichkeit erschöpft, betritt eine hohe, schlanke Gestalt in einfachem Promenadeanzug das Gemach. Auf den ersten Blick erkennt man an der Ungezwungenheit der Haltung und des Tones, an dem vornehmen zurückhaltenden Wesen und an der herablassend stolzen Liebenswürdigkeit den Aristokraten. Er lehnt sich salopp an eines der Bogenfenster und mustert mit ruhigem Blicke die Gesellschaft. Ihm folgt eine junge Dame in hochgeschlossenem schwarzen Seidenkleide. Lautlos sinkt sie auf einen Fauteuil und senkt den Blick zu Boden. Das anmutige Antlitz deckt tiefe Blässe und ab und zu führt sie ein feines Battisttaschentuch an die geröteten Augenlider. Manchmal geht ein nervöses Zucken durch die zarten Glieder. Wer mag sie sein? Die Witwe oder Waise eines Beamten, die von der kargen Pension nicht leben und nicht sterben kann? Die Gattin, Schwester oder Tochter eines Unglücklichen, den das Schwert des Gesetzes getroffen und für den sie um Gnade bitten will? Der nächste Ankömmling ist ein bekannter jüdischer Advokat. Salopp hängt ihm der Frack um die Schultern, die Kravatte sitzt schief, die zerknüllten Handschuhe hält er in der bloßen Hand. Auf Aeußerlichkeiten hält der Mann nicht viel, aber aus seinem durchgeistigten Antlitz leuchten zwei Augen voll Güte und Milde. Nervös schreitet er auf und ab, setzt sich eine kurze Weile, um dann aufzuspringen und die Wanderung von neuem zu beginnen. Mitten im Saale streckt sich ihm ein Arm mit goldglänzender Egalisierung entgegen. Er gehört fernem frischgebackenen Hofrat, der an nagelneuer Uniform, den Degen an der Seite, den Zweispitz unterm Arm, seine Dankvisite abstattet. Er schüttelt dem Advokaten herzlich die Hand, sie tauschen einige Artigkeiten aus, dann nimmt der Advokat seine Promenade wieder auf. Plötzlich haftet sein Blick an dem alten galizischen Juden, der noch immer mit leisem Lächeln vor sich hinsinnt, ohne sich um die bunte Gesellschaft zu kümmern. Er bleibt stehen und betrachtet chn voll lebhaften Interesses. Dann schreitet er auf ihn zu und redet ihn an: „Sie kommen wohl von weither?" Der alte Jude blickt erstaunt auf. Er erkennt den Glaubensgenossen und erkennt unzweifelhaft auch auf den ersten Blick den guten Menschen. „Ja, von weither, gnädiger Herr," antwortet er, „ich bin an der russischen Grenze daheim." „Es muß wohl eine wichtige Angelegenheit sein, die Sie hierherführt?" „Wichtige Geschäfte, lieber Herr, wichtige Geschäfte," erwidert der Alte mit einem Anflug von Mißtrauen. „Bei uns geht nicht alles, wie es gehen soll, da muß man eben in Wien ein bißchen Nachdrücken." „Waren Sie schon einmal früher in Wien?" „Nein, es ist das erstemal, daß ich die weite Reise mache." „Wohl auch das erstemal, daß Sie mit einem so hohen Herrn reden sollen?" Der Alte nickt. „Ja, ja," sagt er, „mit einem so hohen Herrn." „Haben Sie Angst?" „Angst?" Der alte Mann erhob sich und sah dem andern tief ins Auge. Dann schaute er. nach oben und seine Züge nahmen einen fast feierlichen Ausdruck an. „Vor was soll ich Angst haben? Ich bin hier, um mein gutes Recht zu verlangen. Ich kann's erreichen — ich kann's nicht erreichen. Das steht in Gottes Hand. Aber der Minister ist doch nur ein Mensch wie ich. Ich lebe in der Furcht Gottes, vor Menschen aber fürchte ich mich nicht." Der Advokat ergriff die Hand des Kaftanjuden und drückte sie kräftig. „Ich will Mich nicht in Ihre Angelegenheiten drängen," sprach er warmen Tones, „aber Sie scheinen ein braver und kluger Mann zu sein. Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem Vorhaben." „Gott segne auch Sie und gebe Ihnen Gutes," entgegn eie der Alte. Der Empfang hatte begonnen. Lange, lange mußte der alte Jude warten. Endlich rief der Türsteher seinen Namen. Ruhig trat er über die Schwelle, die zum Minister führte. Die Audienz dauerte eine Viertelstunde. Als der alte Mann das Kabinett des Ministers verließ, trat der Advokat wieder an ihn heran. „Nun, steht Ihre Sache günstig?" fragte er. Der alte Jude wiegte das graue Haupt hin und her. „Weiß ich?" sagte er dann, „sehr schön gesprochen hat er, der Minister." Und wieder trat ein leises, skeptisches Lächeln auf die Lippen des Vielerfahrenen. _ Peter. Weratur. Dr. Max Besser, Die- Juden in der modernen Rassentlieorie. Jüdischer Verlag, Köln und Leipzig 1911, 29 8. 8°. Preis 40 Pf. Die Bassentheorie ist der Tummelplatz vieler Dilettanten geworden, die weit und breit ihre Phantastereien verkünden und die Juden zu fast ausschließlichem Objekt ihrer „wissenschaftlichen“ Untersuchungen sich erkoren haben. Nun ist dem tonangebenden Chamberlainschen Buche in dem von Zollschan ein an Gründlichkeit bedeutend überlegener Rivale entstanden. Es ist aber nicht jedem gegeben, sich in diesen Büchern zurechtzufinden, und für solche ist das Bessersche Büchlein bestimmt. Es bringt in gedrängter Form alles Wissenswerte auf dem berührten Gebiet und widerlegt ohne Ueberhebung, aber in Achtung einflößendem Selbstbewußtsein die maßlosen Ausfälle der Rassentheoretiker gegen das Judentum. Der sehr billige Preis und das schöne Aehßere werden wohl dem Büchlein verhelfen, in die weitesten Kreise einzudringen . 8. W. Heinrich Loewe, Die Sprachen der Juden. Jüdischer Verlag, Köln, 1911. 160 8. gr. 8°. Preis M. 2.—. Es fehlte bisher an einer monographischen Behandlung des vom kulturgeschichtlichen Standpunkte aus sehr wichtigen Themas über die Sprachen der Juden. Seit Jahrtausenden. unter verschiedene Völker zerstreut, nahmen die Juden manche Wirtsprache' an, ohne jedoch die eigene, das Hebräische, gänzlich aufzugeben (mit Ausnahme der Falaschas). Diese seltsame Erscheinung führte zu dem in der Geschichte einzig dastehenden Phänomen eines zweisprachigen Volkes, indefm das Hebräische heiligen, die verschiedenen Judensprachen profanen Zwecken dienten. Das Hebräische ist aber nicht wie das Lateinische zur bloßen Kirchen- oder Gelehrtensprache geworden, sondern immer Volkssprache gewesen und hat somit zur Erhaltung des jüdischen Stammes bedeutend beigetragen. Andererseits hat aber auch das nationale Selbstgefühl stets darauf Wert gelegt, das Hebräische nicht nur als Kult-, sondern auch als Kultursprache zu pflegen. Alle diese Fragen sind in diesem Buche nicht nur ausführlich, sondern auch anziehend behandelt. Leider begnügt sich der Verfasser hauptsächlich mit der Feststellung der Erhaltung des Hebräischen, ohne auf deren Ursachen einzugehen. Unter letzteren scheint