Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Vlochs Wochenschrfft Seite 139 dies nicht allein durch den Wortschatz zu erzielen ist, daß man auch nicht durch die Grammatik imstande ist, die Lernenden mit einem sprach- und zielbewußten Hebraismus vertäut zu machen, daß man erst mit Hilfe der Syntax zu dieser Vollkommenheit gelangen kann, so kommt man zur Ueberzeugung, daß hier Schönes geleistet wird. Die Erklärungen und Erläuterungen des Vortragenden haben mein Interesse für die Sache gesteigert. Hier hat man Gelegenheit, mit eigenen Augen zu sehen, wie die vermeintlich tote und schwere Sprache ihrer Wiederbelebung entgegengeht. Der Leitung des Vereines Toynbee sei an dieser Stelle für die Einführung der Kurse ein kräftiges Jejascherkanach gesagt. Dem hervorragenden Pädagogen Herrn Rabinowiez. der durch seine epochale Lehrmethode für den israelitischen Religionsunterricht: „Hamadrich“ bereits bekannt ist, sei an dieser Stelle die vollste Anerkennung ausgedrückt. Mit dem Ausdrucke der vorzüglichsten Hochachtung Dr. K. Klattan. Alljährlich pflege ich in der „Oesterreichischen Woche - schrift" in kurzen Zügen ein Bild über das Wirken und Schaffen unserer Kultusgemeinde zu entwerfen. Dieser mir selbst auferlegten Verpflichtung will ich auch heuer Nachkommen. Wohl hat die Gemeinde ihre zweiklassige, mit dem Okffentlichkeitsrechte versehene deutsche P ivatvolksschule, den Zeitverhältmssen sowie der politischen Situation Rechnung tragend, aufgelöst; aber sie sorgt dafür, daß den israel. Kindern ein befriedigender Privatunterricht in der deutschen Sprache erteilt werde. — In unserem Gotteshause fanden Heuer zwei auf dem Lande seltene Festlichkeiten statt. Der Einjährig-Freiwillige des Drag.-Reg. Kaiser Franz I., Herr Ingenieur Oswald Fuchs, ein Sohn des kaiserl. Rates und Fabrikanten Robert Fuchs in Prag, leistete daselbst den Fahneneid. Ferner fand in demselben Tempel die diamantene Hochzeit des Herrn Samuel Tauzer und seiner Gattin statt. In beiden Fällen war das Gotteshaus gefüllt und Herr Rabbiner Dr. Siegfried Bret zeichnete sich durch treffliche Ansprachen aus. Dem Letztgenannten wurde über wohlmotiviertes Ansuchen der Kultusgemeinde vom Landesschulrate die Remuneration per 4(0 Kronen für die Erteilung des Religionsunterrichtes am hiesigen k. k. Realoberpymnasium pro 1911/13 bewilligt, obwohl gegenwärtig nur 18 israel. Schüler diese Anstalt besuchen. — In die Einkommensteuer-Kommission für die Stadt Klattau wurden aus der Reihe unserer Glaubensgenossen im I. Wahlkörper gewählt: als ordentliches Mitglied Herr Franz Lauuer, Stadtverordneter und Brauhausbesitzer, als Stellvertreter Herr Max Singer, Lederfabrikant, im HI. Wahlkörper als ordentliches Mitglied Herr Rudolf Fleischer, Getreidehändler.^ — Die hiesige Chewra-Kadischa hielt unlängst unter dem Vorsitze ihres Obmannes des Herrn Simon Hahn ihre Generalversammlung ab. Es wurde das Prosperieren dieses Vereines, der im nächsten Jahre sein 60-jähriges Jubiläum feiern wird, konstatiert. Auf dem Friedhofe werden gegenwärtig einige Adoptierungsarbeiten vorgenomm u. — Der jüdische Chor- und Geselligkeitsverein hielt am 14. d. M. feine 31. ordentliche Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Herr Rudolf Fleischer gab ein übersichtliches Resümee über die Tätigkeit des Vereines, dkssen Bibliothek neu geordnet und bedeutend vergrößert wurde. Ja den Ausschuß wurden A. Baum, L. Bruml, R Fleischer, F. Laschansky, Dr. N. Reiser, A. Schutz und L. Schleißner gewählt. Der Verein veranstaltet anläßlich des Purimfestes am 3. März im Hotel „Zur Rose" einen Maskenball unter der Devise „Lustige Kinder". B. Freiwaldau (Oesterr.-Schlesien). Bei der am 31. v. M. vorgenommenen Konstituieruug des ncugewählten Kultusausschusses wurde Herr Sigmund Braun, welcher die Ltelle eines Kultusvorstehers bereits setz 13 Jahren bekleidete, zum fünften Male auf diesen Ehrenposten berufen; als Vorsteher-Stellvertreter wurde Herr Georg Brada und zum Beirat Herr Dr. Max Waffervogel gewählt. Herr Kultusvorsteher S. Braun wurde auch zur Wahiung der religiösen Interessen als Mitglied in den Oltsschulrat der Stadtgcmeinde Freiwaldau gewählt. Am 8. d. M. feierte der Senior unserer Kultusgemeinde und langjährige Tempelvorsteher Herr Julius Lichtwitz, Dampfbrauereibesitzer, in vollster körperlicher und geistiger Frische im Kreise seiner Familie und Anwesenheit seines Bruders des Herrn kais. Rates Jak. Lrchtwitz aus Troppau sein 80jähriges Wiegenfest. Herrn Julius Lichtwitz, der sich einer besonderen Beliebtheit erfleut, wurden aus allen Schichten der Bevölkerung herzliche Ovationen zuteil; a> ch der Herr k. k. Bezirkshauptmann Freiherr Weichs von der Weune gratulierte schriftlich. Der gesamte Kultusausschuß unter Führu g des Kultusvorstehers Herrn S. Brau» begab sich am Vorabend des Festes in die Wohnung des Jubilars, wo Herr Knltusvorsteher in einer Ansprache die Verdienste des Jubilars feierte und die Glückwünsche der Kultus, gemeinde zum Ausdrucke brachte. Großwardein. (Todesfall.) Am 12. d. M. ist hier Herr Dr. Heinrich Kripke» Präsident des Waisenamtes der Stadt Großwardein, im Alter von 49 Jahren p ötzlich aus dem Leben geschieden und am 13. d. M. zur ewigen Ruhe bestattet worden. Das Leichenbegängnis fand unter überaus großer Beteiligung in Anwesenheit aller Honoratioren der Stadt, des Obergespans Hlatki, Bürgermeisters Karl Rimler, zahlreicher Offiziere und hoher Verwaltuugsbeamten, des Vorstandes der Advokatenkammer statt. Oberrabbiner Dr. Keeskemeti hielt eine ergreifende Trauerrede. Oberkantor Jeuö Weisz trug mit seiner klangvollen Stimme das lausedsw bskßsasr mit einem Männerchor vor und am Grabe das Bl mol6 rachamin. Altona a. E. (Bar-Mizw ah -Feier.) Am 2. März l. I. feiern Klaus-Rabbiner Dr. S p i e g e l und dessen Gattin Ernestine, geb. K o h n, die Bar-Mizwah ihres Sohnes Theodor Tobias in der Großen Synagoge zu Altona. jfeuiUeton. Krim Minister. Es ist offizieller Audienztag. Die Türsteher find auf ihren Posten, die rotgepolsterten Stühle im Vorsaale, über dessen spiegelblankes Parkett einzelne Strahlen der Morgensonne zittern, stehen in schnurgerader Reihe wie zur Parade. An der Stirnwand des Saales leuchtet das lebensgroße Bildnis des Monarchen im Krönungsornate mit seinen ernsten und doch so grundgütigen Zügen. Der reichornamentierte Goldrahmen hebt sich harmonisch von der rotseidenen Wandtapete ab. Die antike Standuhr auf dem marmornen Kaminsims zeigt eine halbe Stunde nach zehn. Um 11 Uhr soll der Empfang beginnen. Als erster Audienzwerber schiebt sich unter fortwährenden Bücklingen ein alter galizischer Jude durch die. hohe Flügeltüre. Vorsichtig, fast tastend, setzt er den Fuß mit dem dicksohligen Stiesel auf das glatte Parkett. Es ist eine breitschultrige, von der Last der Jahre und der Sorgen gebeugte Gestalt. Ein breiter Patriarchenbart wallt ihm zur Brust hernieder, lange Locken ringeln sich an den Schläfen herab, den Scheitel bedeckt ein kleines Samtkäppchen und ein schwarzseidener Kaftan deckt die Glieder bis unter die Kniee. Aus dem gefurchten Antlitz blitzen kluge Augen, die jetzt ein wenig befremdet und ängstlich die ungewohnte Szenerie umfassen. Langsam schlürft der Alte zu einem der hochgepolsterten Sessel, fährt erst wie prüfend mit der Hand über den seidenen Sitz und läßt sich dann tief aufatmend auf denselben fallen. Eine Minute oder zwei wandern die unermüdlichen, neugierigen Augen durch das weite Gemach, auf das prächtige Kaiserbild, auf die hohen Bogenfenster mit den schweren Brokatgardinen, aus den weichen Stuk der Decken, auf den glitzernden Kronleuchter mit seinen Hunderten geschliffenen Prismen, auf den glanzenden Boden. Dann, nachdem er alle Pracht in sich ausgenommen, umspielt die Lippen des alten Juden ein leises, ganz leises Lächeln. Was mochte wohl dem Alten durch den Kopf gehen? Das Lächeln blieb auf seinen Lippen haften, auch dann noch, als er mit dem Kopfe nickend still vor sich hin zu „Klären" begann und tiefversonnen endlich ganz zu vergessen schien, wo er sich befand und was er hier wollte. Nach kurzer Zeit betritt ein zweiter Audienzwerber den Saal. Er wagt kaum aufzutreten. Ein fadenscheiniger Salonrock verhüllt seine magere Gestalt, die Schuhe sind abgetreten, der Zylinder borstig und unmodern. Er ist augenscheinlich ein subalterner Beamter, der sich entweder für seine Beförderung bedanken oder diese Beförderung erst erbitten will. Er stellt sich unmittelbar gegenüber der Türe auf, die in das Arbeitskabinett des Ministers führt und starrt unverwandt wie hypnotisiert auf diese Türe, hinter welcher für ihn das Schicksal waltet. Er wird einer der Letzten sein, die empfangen werden, denn der Portritt ist nach Rang und Stand genau geregelt und die Etikette wird selten durchbrochen. Aber dieser arme Bureaukuli mit dem Ausdruck grenzenloser Hilflosigkeit im Antlitz wird eine, zwei Stunden lang nicht müde werden, die Pforten zum Allerheiligsten anzustarren. Langsam füllt sich der Raum. Eine Deputation von Industriellen erscheint — ä quatre epiiigl^s. Frack und