Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr' 8 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 125 Für den verewigten Oberrabbiner Dr. Nathan Ehrenfebs, s. A. findet Sonntag am 25. d. M. um 4 Uhr nachmittag im Tempel (Eeistgasse) ein Trauergottesdienst statt. Abermals eine Zwangslaufe m Galizien. Wieder ist ein Fall von der Entführung eines jüdischen Mädchens behufs Taufe in Galizien zu berichten. Diesmal ereignete sich der Fall in Gliniani, wo das dreizehnjährige Mädchen des Isaak Säkler durch den Gemeindeschreiber des Ortes entführt und bis nach Kozlow zum Geistlichen gebracht wurde, wo es für die Taufe vorbereitet worden war. Diesmal gelang es, das Kind noch rechtzeitig aus den Klauen des Seelenfängers zu befreien. Aber wie viele jüdische Mädchen verschwinden <H Galizien spurlos aus dem. Elternhause, um in einem der Klöster getauft zu werden. Der Advokat Dr. Matthias Weinreb, welcher sich in diesem Falle der Familie Säkler annahm und das Kind beim Pfarrer aufstöberte, hat gegen den Entführer den Prozeß angestrengt. , Das neue jüdische Mitglied des bosnischen Landtages. Aus Sarajewo wird uns berichtet: Bei der jüngst stattgehabten Konstituierung der Advokatenkammer wurde, wie schon oft, auch diesmal ein Jude zum Präsidenten der Kammer gewählt. Diesmal ist es der Präsident der Aschkenasischen Kultusgemeinde in Sarajewo Dr. Moritz Rothkopf. Im Sinne der Landesverfassung besitzt der jeweilige Tendent der Advokatenkammer eine Virilstimme im Landtage für Bosnien und Herzegowina. Auf diese Weise wird nun der bosnische Landtag zwei jüdische Mitglieder aufweisen, und zwar den sephardischen Alkalay und Dr. Rothkopf. Der Letztgenannte genießt nicht nur als Advokat einen sehr guten Ruf im Lande, sondern auch als Jude, der alles aufbietet, um eine Einigung zwischen den Askenasim und Sephardim herbeizuführen und den Frieden unter ihnen dauernd zu erhalten. Diesem Bestreben gab Dr. Rothkopf schon zur Zeit der Annexion wiederholt Ausdruck. Eine politische Broschüre vom Dumadeputierten Nisselowitsch. Di<er Tage ist in Petersburg eine vom Dumadeputierten Nisselowitsch verfaßte Broschüre in russischer Sprache erschienen, welche den Titel „Wie lange noch?" führt und sich mit der russischen Politik im allgemeinen und mit der Judenfrage im besonderen befaßt. Zum Motto für diese Broschüre wählte Nisselowitsch den Psalmvers: „Erhöre die Stimme meiner Klage mein König und Gott, denn zu dir bete ich!" Nisselowitsch wird diese Broschüre sämtlichen Mitgliedern der Duma, sowie des Senates zusenden, und auch sonst unter der russischen und jüdischen Bevölkerung verbreiten lassen. Er hofft, durch diese Broschüre gerade jetzt bei den bevorstehenden Wahlen in die vierte Duma eine günstige Wirkung zu erzielen. Die Broschüre wird wahrscheinlich auch in den wichtigeren Sprachen des russischen Reiches übersetzt werden. ' . : t Eine jüdische Emigrationskonferenz in Berlin. Wie dem Warschauer „Haint" aus sicherer Berliner Quelle berichtet wird, hat der Hilfsverein der Deutschen Juden beschlossen, in den nächsten Wochen eine jüdische Emigrationskonferenz nach Berlin einzuberufen. Nach dieser Meldung soll das Präsidium des Hilfsvereins die gegenwärtige Lage der jüdischen Emigration sehr kritisch finden und es für notwendig hallen. Ordnung in diese Frage zu bringen. Zu der Konferenz, für welche die Einladungen bereits ausgesandt worden seien, werden sämtliche jüdische Organisationen, welche sich mit Emigrationsfragen beschäftigen, Delegierte entsenden. An dieser Berliner Beratung werden auch die Vertreter der Ica und der Alliance Israelite Universelle teilnehmen. Die Tagesordnung der Konferenz soll schon in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Eine merkwürdige Folge der Affäre Dreyfus. Dieser Tage wurde, wie aus Paris gemeldet wurde, Maurice Croisel, der Bruder des Dekan der philosophischen Fakultät Alfred Croisel zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Aus diesem Anlasse erinnert „Petit Journal" daran, daß diese beiden Brüder, beide hervorragende Hellenisten, bis zur Affäre Dreyfus ihre Werke gemeinsam verfaßten und Herausgaben. Sie batten mehrere Bände einer in Gelehrtenkreisen anerkannten Geschichte der griechischen Literatur gemeinsam herausgegeben, als die Affäre Dreyfus hereinbrach. Der eine der beiden Brüder war von der Unschuld Dreyfus überzeugt, der andere vom Gegenteil. Und die Affäre hatte diese beiden Brüder so sehr entzweit, daß sie viele Jahre hindurch miteinander nicht verkehrten und sogar die gemeinsame wissenschaftliche Arbeit unterbrachen. Erst als die große Affäre endgültig beigelegt war und das Dreyfus-Fieber nachgelassen hatte, versöhnten sich die beiden Brüder wieder, und so ist es möglich geworden, daß der letzte Band des monumentalen Literaturwerkes, auf welchen die Fachgelehrten schon mit Sehnsucht warteten, vor kurzem beendet und der Öffentlichkeit übergeben werden konnte. Die jüdische und hebräische Sprache in der Schule verboten. Ans Petersburg wird berichtet: Die Dumakommission für nichtrussische Schulangelegenheiten hat in ihrer letzten Sitzung beschlossen, der Duma zu beantragen, daß in den ersten zwei Klassen der nichtrussischen Volksschulen der Unterricht in der Muttersprache der betreffenden Nationalitäten gestattet werde. Bloß in den jüdischen Schulen müsse der Unterricht, in russischer Sprache erfolgen. da die hebräische Sprache keine lebendige Sprache sei und die jüdische Sprache keine Grammatik und auch keine Literatur habe. Dieselbe Kommission hat auch beschlossen, zu beantragen, daß Juden in die Volksschulen in unbegrenzter Zahl ausgenommen werden können, während für die Mittelschulen nach wie vor die Prozentnorm zu bestehen habe. 2m übrigen gibt die Kommission der Meinung Ausdruck, daß es für alle Teile zweckdienlicher wäre, wenn die Juden eigene Gymnasien errichten würden. Zur Iudenfrage in Finnland. Die aus Anlaß der Beratung der Finnlandvorlage in der Duma angeschnittene Iudenfrage, soweit sie auf Finnland sich bezieht, hat in einem Teil der rechten Presse hämische Bemerkungen und Auslassungen darüber erzeugt, daß die Finnländer trotz ihres zur Schau getragenen Liberalismus das Los der Juden in Finnland nicht erleichtern wollen und sich sogar von Rußland ausgehenden liberalen Maßnahmen wrderfetzen. Ohne auf die Lage der Juden in Finnland, deren es dort nach den letzten Angaben etwa 500 Familien auf ca. 3 Millionen Finnländer gibt, näher einzugehen, sei hier, der „Pet. Ztg." folgend, nach finnländischen Quellen der Sachverhalt, durch dokumentarische Belege bekräftigt, dargelegt. Art. 1 der Negierungsform Finnlands von 1772 lautete anfänglich dahin, daß zu den Bürgern Finnlands