Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 122 Dr. MMs WvchMHrfft Nr. 8 da eine Erzählung unserer Weisen, gegriffen aus dem praktischen Alltagsleben, diesen Gegenstand zu beleuchten. In ihr tritt uns einer der vornehmsten Talmud gelehrten entgegen. Er trifft ernst auf seinem Wege einen armen Wanderer von ausnehmender Häßlichkeit. Der Gelehrte gibt in fühlloser Weise seiner Ueberraschung über dieselbe Ausdruck. Durch dieses Vorgehen zieht er sich eine förmliche Abbitte Zu, die er dem gekränkten Armen im Angesichte der versammelten Schüler leisten muß, die ihn (den Gelehrten) im Triumph zu begrüßen erschienen^waren.^)] So weit die Proben unserer Weisen über den Umgang mit Menschen, die ihnen die Religion vordiktierte und die lange nicht erschöpft sind; dem Menschen als Bruder, ob arm, ob reich. Ein moderner Gedanke, dem die Bildung des Gemütes ebensoviel gilt, als Bildung des Geistes, dem der wahre Herzensgebildete darum der wahre Taktvolle ist. q- * * Wenn es wahr ist, daß die Lehre unserer Weisen, wie man sich auszudrücken beliebt, als eine chinesische Mauer inmitten der westlichen Kultur dastehl, dann können wir ruhig sein, dann hat sie uns wie eine Mauer nicht nur abgeschlossen, sondern wohl auch behütet vor mancher Zweifelhaften Blüte sogenannter westlicher Kultur. Denn sie ist tatsächlich „ein Baum des Lebens", diese Lehre, nicht bloß in jenem vielerwähnten Sinne, daß die Stürme ihn schütteln, sondern daß auch seine Blätter die Blüten schützen mußten. Und daß die Lehre unserer Weisen über den Umgang mit Menschen nicht eine der schlechtesten dieser Blüten ist, haben wir gesehen. Und wieder der Abfall mancher wurmstichigen Blüte, die nicht der StamM, sondern sich selbst loslöst, er kann doch, bei allem Bedauern, dessen Wachstum nur förderlich sein. Fordert dieses doch echte Charaktere voll Ueberzeugungstreue, voll Lebensanstand. Die Menschen lassen sich eben einteilen in solche, die anständig sind, gleichsam nur in Glacehandschuhen, und in solche, die es sind auch ohne diese. Nicht jeder, der den Umgang mit lMenschen gelesen hat, versteht auch tatsächlich umzugehen mit ihnen. Es ist ja wahr, jenes bekannte Buch mit dem Titel: „Ueber den Umgang mit Menschen" von dem alten Freiherrn von Knigge, es mag ja manches enthalten, was unsere Weisen nicht erwähnen; manches aber auch nicht, was sie ja Vorbringen. Vieles ist eben anderswo vorgeschrieben, um es nicht auszufllhren; vieles aber hier nicht, was doch geübt wird. Auch müßte jenes Buch des Herrn von Knigge bei einer etwaigen Neuauflage vielfach berichtigt werden; weil unsere Zeit manches dort Gesagte einfach unmöglich macht. So zum Beispiel müßte das dort über den Geschäftsverkehr Erwähnte unseren unheimlichen Lebensmittelpreisen vorerst angepaßt werden; ferner bei dem über Damenverkehr dort Vorgebrachten müßte erst festgestellt werden, ob heute der Herr rechts von der Dame und sich von ihr das linke Auge herausstechen lassen, oder links von ihr und sich das rechte Auge herausstechen lassen soll? Ja, die Zeiten ändern sich, und wir mit ihnen. Andere Menschen, andere Sitten. Während, das, was unsere Weisen über den Umgang mit Menschen lehrten, vielleicht weniger, aber immerhin wichtiger ist. Auf jeden Fall aber bleibt es von dauerndem, praktischen Wert für alle Zeitlagen und auch seinerseits geeignet, das Wort des ftanzösischen Dramatiken) zu bestätigen: 3S) D. e. r. IV. 84) Armande in Moliers: Femmes savantes, I, 1. „Das heißt gewiß sein Vorbild nicht erreichen, Im Räuspern nur und Spucken ihm zu gleichen; Wer sich nach Anderen bilden will und achten, Hat ihren guten Sitten nachzutrachten." Ikorrespondenzen. Drei Millionen für ein Kinderspital. Eine Spende des Großindustriellen David Ritter v. Gutmann Wie wir erfahren, hat der Großindustrielle David Ritter v. G u t m a n n den Betrag von drei Millionen Kronen zur Errichtung eines israelitischen Kinderspitals, in dem auch christliche Kinder Aufnahme finden sollen, gewidmet. Angesichts der herrschenden Spitalsnot wird die große Spende des bekannten Philanthropen allseits mit lebhafter Sympathie begrüßt werden. Die näheren Modalitäten bezüglich der Errichtung des neuen Spitals sind noch nicht fertiggestellt. Aus dem Nachlasse des jüngst verstorbenen Industriellen Pollack von Parnau dürfte für den gleichen Zweck ein Betrag von über 300.000 Kronen zur Verfügung stehen. Es war ursprünglich geplant, dem Rothschildspitale eine Abteilung für kranke Kinder anzugliedern. Im Hinblick auf die nunmehr erfolgte große Widmung wird an die Errichtung eines selbst änd i g e n Spitals geschritten werden. * * *- Wir erhielten in dieser Angelegenheit nachstehende Zuschrift: Hochgeehrter Herr Redakteur! Durch eine Zuwendung an die israel. Kultusgemeinde Wien — deren Betrag in der Geschichte des Wohltätigkeitswesens in Oesterreich v'elleicht unerreicht dasteht — hat Herr David Ritter von Gutmann es ermöglicht, dem lang und schmerzlich gefühlten Bedürfnisse nach einem jüdischen Kinderspitale Rechnung zu tragen. Bei diesem Anlasse möchte ich mir gestatten, einige kleine Anregungen zu geben. Nach den Zeitungsnotizen ist beabsichtigt, dieses Kinderspital im II. oder XX. Bezirke zu errichten, was scheinbar aus dem Grunde richtig wäre, weil dort die Hauptmaste der armen jüdischen Bevölkerung lebt; doch ist dies eben nur scheinbar richtig, denn bei den heute vorhaudenen Verkehrsmitteln spielt die Entfernung nur eine nebensächliche Rolle. Gegen die Errichtung in den genannten Bezirken spricht vor Allem der Umstand, daß es sich hiebei um dichtverbaute Stadtteile handelt, was sowohl in hygienischer Beziehung Einwände Hervorrufen kann, als auch die Erwerbung eines entsprechend großen Grundkomplcxcs verteuert und erschwert. Jener Teil der Brigittenau, welcher bisher aber noch nicht in geschlossener Verbauung steht, eignet sich für unseren Zweck aus dem Grunde nicht, weil er das Industrie- und Fabriksviertel darstellt. Es verbleibt nach dem Gesagten also nur die Projektierung dieser Institution in den äußeren, durch ihre klimatische und landschaftliche Lage hiezu geeigneten Bezirken nahe der Peripherie der Stadt — wie dies ja auch bei fast allen neuerrichteten oder in neue Gebäude verlegten ähnlichen Anstalten geschehen ist und geschieht. Und darauf nun bezieht sich der eigentliche Anlaß meines gegenwärtigen Schreibens. Bekanntlich mangelt sowohl unserem Spitale als auch unserer Versorgungsanstalt infolge der Raumverhältnisse auf ihren derzeitigen Grundkomplexen jede Entwicklungsfähigkeit, andererseits aber steigen die Lasten, welche die Erhaltung dieser Institutionen der Kultusgemeinde auferlegt, von Jahr zu Jahr in einer Weise, daß sie auf die Dauer für das Gleichgewicht des Gemeindehaushaltes gefährdend erscheinen. Dem ließe sich nun dadurch abhelfen, daß man alle diese Institutionen auf einem entsprechend großen Areale vereinigt. Hiebei würde sich nicht nur die Regie für jede einzelne derselben bedeutend vermindern — die Richtigkeit dieser Behauptung braucht nicht erst durch Anführung von Details erhärtet zu werden, da sie jedem mit der Sachlage Vertrauten geläufig ist — sondern es wäre auch die Möglichkeit geboten, durch die Erbauung von Zinshäusern auf den gegenwärtigen, für ihre heutige Verwendung viel zu teuren Grundstücken/ neue Einnahmsqnellen für die in Rede stehenden Institutionen zu schaffen und deren Bestand dauernd ohne Belastuug des Budgets zu sichern. Vielleicht wäre es dann sogar auch möglich im Rahmen dieser Aktion auch für die Errichtung eines jüdischen Wöchnerinnenheimes — und wer die Verhältniffe kennt, wird die Notwendigkeit eines solchen nicht bezweifeln — Sorge zu tragen.