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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-02-23 · 8 (23.2.1912) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
8 (23.2.1912)
Date
1912-02-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr, 8 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 131 tisch so recht lebendig zur Geltung gelangt. Unabhängig von unseren modernen Vorschriften über feine Manier gelangten sie gleichwohl, geleitet von einem natürlichen, religiösen Empfinden, zu den gleichen Grundsätzen über den Umgang mit Menschen. * * * Während guter Ton und Manier etwas Aeußerliches, Angelerntes sind, bildet der Takt etwas dem Menschen Angeborenes. Er ist gleichsam ein Wiegengeschenk der Natur. Guter Ton und Manier wissen, was zu tun ist; der Takt weih, wie es zu tun ist: jene sind Vermögen, dieser bare Münze. Jene setzen als ihr Objekt die Gesellschaft voraus, ohne welche sie nicht zu denken sind: der Takt aber ist etwas Absolutes, mit dem Individuum Gegebenes. Es kann einer die Schablone des guten Tones und der Manier in der Oeffentlichkeit tadellos beherrschen, braucht aber noch lange nicht taktvoll zu sein, weil zu diesem nicht gerade die Oeffentlichkeit, sondern das eigene kritische Urteil des gebildeten Menschen erforderlich ist: das Urteil, welches dem bekannten Dichterworte zur Voraussetzung dient: „Das Würdige beschreibt sich selbst": das heißt, ist sein eigener Lehrmeister, oder was unsere Weisen mit anderen Worten, aber in gleichem Sinne aussprechen: „Alles, was unsere Lehrer verboten haben, ist selbst im Innersten der Gemächer verboten". Vom guten Ton und von der Manier gilt dasselbe, wie von der Mode: sie herrschen, wie diese, mitunter als ein Tyrann, dessen Szepter nicht immer gerade der gute Geschmack ist, der nicht dadurch besser wird, daß er aus Paris stammt. Der Takt aber ist ein milder Souverän. Sein Reich ist das Gemüt, dessen Grenzen von Herz zu Herzen reichen: denn nur was aus dem Herzen kommt, das dringt auch ins Herz. Wie schon sein Name besagt, erweckt er durch seine sanften Schwingungen allen Zauber in den Gemütern. Gerade gegenwärtig ist ja so oft auch an einer anderen Bildungsstätte des Volkes vom Takte die Rede: Arthur Schnitzler22) ist es, der in seinem neuesten Drama: „Das weite Land" die Frage aufwirft: „Was ist Takt? Eine Tugend dritten Ranges. Das Wort sogar ist ziemlich neu, findet sich weder bei Römern noch bei Griechen, noch — höchst charakteristisch — in Sanskrit." . . . Nun, wo es sich dem Sinne nach vorfindet, das könnten wir ihm sagen: Im Hebräischen: da heißt es in Oesterreich Taam, in Deutschland aber Chen. Und so wie es drüben von einem ungeschickten Menschen heißt: „Der Chen ist über ihn geloffen und hat ihn nicht getroffen", so sagt man hierzulande von einem solchen: Er ist ein Umtaam. Takt ist also dem Wesen nach Taam, also nicht eine Tugend untergeordneten Ranges. Sprachlich läßt er sich, freilich nicht erklären, nur sachlich kennzeichnen. Wer ihn besitzt, der braucht seine Erklärung nicht, der lehrt ihn, indem er ihn übt. Wer ihn nicht besitzt, dem nützt auch seine Erklärung nicht. Was aber zunächst als taktgemäß bezeichnet werden kann, das ist: Rechnung tragen der herrschenden Stimmung, sich anpassen den gesellschaftlichen Anforderungen. Und da lehren unsere Weisen bezeichnend: „Es lache nicht der Mensch unter Weinenden und weine nicht unter Lachenden, er wache nicht unter Schlafenden und schlafe nicht unter Wachenden: er stehe nicht unter Sitzenden und sitze nicht unter Stehenden: mit einem Worte, es weiche nicht der Mensch ab von der Gepflogenheit seiner Freunde und seiner Mitmenschen."24 „Bewahre dir Selbstbeherrschung, Rücksicht nicht nur auf dich, sondern auch auf andere. Halte deinen Unwillen in Das weite Land, S. 103. 21) D. e. r.^und D. e. s. Y. deinen vier Wänden, trage deinen Zorn nicht in die Oeffentlichkeit."^) Und dies meinen nun unsere Weisen mit den Worten, daß man den Charakter eines Menschen auch erkennen kann: b'kasso, in seinem Zorne. Der Ausdruck des milden und des zornerfüllten Gesichtes spielt wohl im öffentlichen Verkehr eine wesentliche Rolle: eine noch bedeutendere aber jenes weitere Mittel des Umganges mit Menschen: das gesprochene Wort. Und nach dieser Richtung hin lehren unsere Weisen: „Die Worte der klugen werden leise verlautbart";26) willst du weise sprechen, so mußt du leise sprechen: woraus aber natürlich nicht etwa folgen muß, daß alle, die leise sprechen, auch weise sprechen müssen. — Als taktlos betrachtet man allgemein, dem Sprechenden ins Wort zu fallen. Und bezeichnend ist das, was unsere Weisen über diesen Gegenstand lehren: „An 7 Eigenschaften erkennt man den Toren und an 7 den Weifen: Der Weise spricht nicht vor einem, der ihm an Weisheit und Jahren überlegen ist, er fällt nicht dem Nächsten ins Wort, er ist nicht übereilt im Antworten, er fragt sachgemäß und antwortet wahrheitsgetreu, er erwidert auf das Erste zuerst und auf das Spätere später, und von dem, was er nicht gehört, sagt er, ich habe es nicht gehört, er gesteht die Wahrheit: und das Gegenteil von diesem trifft beim Toren zu."2') Ebenso gilt es als taktlos, einen Menschen in der Oeffentlichkeit lächerlich zu machen. Und die Ansicht unserer Weisen hierüber kennzeichnet ihr Ausspruch, daß „der Mensch sich lieber einem Glutofen ausliefern solle, bevor pr -einen Anderen der öffentlichen Lächerlichmachung preisgibt."2^) Nebst der Gesichtsmiene und dem gesprochenen Wort übt aber auch drittens das geschriebene Wort im öffentlichen Verkehr großen Einfluß aus. Und so bildet denn auch der Brief im Umgang mit Menschen einen bedeutsamen Faktor. Und als allgemein bekannt darf die segensreiche Einführung des Briefgeheimnisses durch eine der hellsten Leuchten unserer Weisen, durch Rabbönu Ger schon aus Mainz, vorausgesetzt werden. Der Bann, den dieser Gelehrte auf die Verletzung der Privatkorrespondenz im Jahre cca. 1000 gesetzt hat,2" erwuchs ebenfalls aus dem wohlerwogenen Interesse für den friedlichen Umgang mit Menschen. — Vieles wäre noch darüber zu sagen, wie unsere Weisen über den Umgang mit dem Großen der Erde dachten, „daß man die'en immer zur Rechten haben".20 daß man stets an dessen Türe anklopfen solle?') bevor man bei ihm eintritt, daß der Große also dem Geringeren nur eines übrig lasse, worauf dieser pochen dürfe, nämlich die Türe, aber auch da nur leise und taktvoll: «Vieles noch darüber, wie sie über den Umgang mit dem Fremden dachten und, was noch mehr Kunst ist: mit den Hausleuten, den Freunden, den Verwandten: aber bezeichnender erscheint mir in gegenwärtigem Zusammenhänge, wie sie über den Umgang mit den Geringen, den Dürftigen der Erde dachten: Niemanden und nichts unterschätzen, lautet eine bekannte moderne Anstandsregel: und sie lehren: „Mißachte kein Ding und unterschätze keinen Menschen, denn es gibt keinen Gegenstand, der nicht seine Stätte, keinen Menschen, der nicht seine Stunde hätte."22) Mehr aber als alle graue Theorie vermag auch 25) Sch. A. Hilch. midos schejargil hoodom. 26) Midrasch Koheleth, editio Wilna, 50b. 27) D. e. s. VII. 28) I. B. M. 38. 25 vgl. Raschi das. vgl. Gräetz; Geschichte der Juden Bd. 5, 365. 30) D. e. s. IY 31) Das. V; vgl. auch Nidah 16 b. 32) AbothJIV, 3.

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