Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 120 De. Blocks Wochenschrift Nr. 8 lieber Freund, an einer verborgenen Stelle, wo niemand mich vermutet und mich niemand suchen kann. Ich würde mich freuen, wenn Du mich wirklich besuchen wolltest, ich fürchte jedoch, daß ich Dir für die ausgestandenen Mühen und Gefahren der Reise keine entsprechende Entschädigung bieten könnte. Denn damit darfst du gar nicht rechnen, daß ich mit Dir nur ein einziges vertrauliches Wort wechseln könnte. Ich könnte Dich höchstens begrüßen und umarmen, und wir müßten schon voneinander scheiden. Ich habe keine freie Minute. Der Sultan wohnt zwei Stunden weit weg von hier, in Kairo. Früh morgens mache ich mich auf den Weg, um ihn zu besuchen. Und ist er oder eines seiner Kinder oder ein Mitglied seines Harems krank, muß ich den ganzen Tag über im Palast bleiben. Dasselbe ist der Fall, wenn Offiziere erkranken. Aber wenn alles gut geht, kann ich auch erst nachmittag tothungrig wieder in Fostat zurück sein. Da finde ich schon mein Arbeitszimmer voll Menschen: Zwei, drei Dutzend Juden, Araber, Vornehme und Sklaven, Mchter und Gefangene, Freunde und Feinde, alle warten dort auf mich, und drängen vorwärts. Ich muß doch rasch etwas zu mir nehmen und mich vom Staube reinigen. Dann beginnt der Empfang. Die Patienten kommen und gehen ununterbrochen, bis Mitternacht, oft zwei bis drei Stunden nach Mitternacht. Unter den Patienten sind viele Fremde und vom Heiligen Lande. Ich arbeite immer und immer fort, verschreibe Heilmittel, während ich vor Müdigkeit fast Zusammenstürze. Erst gegen morgens kann ich ins Bett sinken. Und so kommt es nun, daß die Juden mit mir nur am Sabbath verkehren können. Nach dem Morgengottesdienst kommen sie dann alle zu mir, und ich prüfe sie, ob sie in unserer heiligen Lehre Fortschritte gemacht haben. Bis Mittag disputiere ich mit ihnen, Nachmittag kommen dann wieder andere Juden, und wir lernen und disputieren wieder bis in die Abendstunden." Das Stolypm-Archw. Wie uns aus Petersburg geschrieben wird, ist die Ordnung der Hinterlassenschaft des ermordeten russischen Ministerpräsidenten Stolypin dieser Tage zu Ende geführt worden. Ein Teil der hinterlassenen Dokumente wurde dem gegenwärtigen Ministerpräsidenten ausgefolgt, der Rest dem Staatsarchiv einverleibt, woselbst diese Dokumente als ein gesondertes Stolypin - Archiv aufbewahrt bleiben. Unter diesen Zurückgelassenen Dokumenten befindet sich auch ein sehr umfangreiches und wichtiges Aktenmaterial über die Iudenfrage, sowie eine von Stolypin selbst auf Grund dieses Materials im Jahre 1907 verfaßte Arbeit über die Iudenfrage. Nach Petersburger Mitteilungen soll diese kulturhistorisch wichtige Arbeit Stellen enthalten, welche dem tatsächlichen Verhalten Stolypins in der Iudenfrage direkt widersprechen. Es ist kaum anzunehmen, daß dieses Werk Stolypin in absehbarer Zeit veröffentlicht oder allgemein zugänglich gemacht werden wird. Bilder aus dem jüdischen Leben und dem Ghetto Die hochgeschätzte poesievolle Künstlerin M a r i s k a Baronin Augustin, das einzige weibliche Mitglied der Pester Vereinigung Graphischer Künstler, ist in der Pester Ausstellun g durch eine Reihe von Kunstwerken aus ihrer Vaterstadt Eis enstadt vertreten, welche als Festgeschenke und Wandschmuck für jüdische Familien hochwillkommene Gaben bieten werden, namentlich bei den vielen Glaubensgenossen, welche ihre Abstammung aus der berühmten Eisenstädter „Gasse" ableiten. Wir neunen nur Großvater und Enkel in der Synagoge (genaue Nachbildung der Eisenstädter), Betender alter Jude (mit gleichem Hintergrund), Juden am langen Tag im Tempel, ferner 4 verschiedene Ansichten der Judenstadt, darunter eine mit den herabgelassenen Ketten am Freitag abends, einer noch heute in Eisenstadt bestehenden Sitte, und viele andere jüdische Sujets. Das kleine Format (12 : 18, 18 : 24) wird sicher zur weiten Verbreitung dieser liebevoll und künstlerisch ausgeführten Stiche, die bei Aitaria und bei der Künstlerin selbst (III. Ungargasse 12) erhältlich find, wesentlich beitragen. Unsere Weise« «der de« Umgang mit Mensche«. Eine vergleichende Studie von Rabbiner Dr. Simon Mandl (Neutitschein). (Schluß.) Zu der Frage, wie man essen soll, gehört wohl die Untersuchung, ob man während des Mahles sprechen soll? Und man muß staunen, wie unsere Weisen aus ihrer stillen Klause heraus den Zusammenhang mit der Außenwelt aufrechterhielten. Da sympathisieren sie nämlich mit keinem Geringeren, als mit dem nüchternen, praktischen Engländer. Während bei uns lebhafte Unterhaltungen bei der Mahlzeit' beliebt sind, kennt man solche in England nicht. Dem Engländer ist das Speisen eine ernste Beschäftigung. Für ihn ist Zeit Geld-, und darum ist die Zeit des Essens ergiebig auszunützen. Fast gleichlautend heißt es nun bei unseren Weisen: „Man spreche nicht während der Mahlzeit, nicht einmal die Worte: man spreche nicht während der Mahlzeit. Es könnte sonst anstatt der Speiseröhre die Luftröhre in Wirksamkeit treten und Gefahr herbeiführen";1S oder wie auch der Böhme sagt: Beim Mahle wenig grüßen, mehr genießen. Hat man nun was und weiß man, wie zu essen, dann fragt es sich: wo soU man essen? Bekanntlich gilt es als unfein, auf der Straße zu essen. Und auch nach dem Urteile unserer Weisen ist einer, der dies tut, dem Hunde zu vergleichen.")Wo man aber nicht essen soll, das ist nach der einstimmigen Ansicht unserer Weisen im Hause eines Mannes, der einen einlädt ohne ernste Absicht, der Gastfreundschaft vorheuchelt, wo er bestimmt anzunehmen glaubt, daß man derselben nicht Folge leisten werde. In diesem Zusammenhänge darf auch auf etwas hingewiesen werden, was heute ebenfalls allgemein als unmanierlich gilt: nämlich als Gast dem Kinde des Hauses ohne Erlaubnis seiner Angehörigen etwas von dem zum Genüsse Angebotenen darzureichen. Auch unsere Weisen begründen an der Hand einer erschütternden Begebenheit das Unzulässige dieses Vorgehens. Diese Unmanierlichkeit forderte nämlich einst, wie sie erzählen, „drei unschuldige Menschenleben als Opfer".'")Auch dies sind gewissermaßen jüdische Speisegesetze, über die man sich aber nicht spöttelnd hinwegsetzen kann, denn sie wurzeln, wie man sieht, mitten im modernen Umgang mit Menschen. Bloß in einem Punkte herrscht ein Unterschied zwischen unseren Weisen und der modernen Gepflogenheit. Während diese es als unmanierlich hält, einen Ueberrest auf dem Teller liegen zu lassen, gilt es nach unseren Weisen im Gegenteil als höchst manierlich, einen Rest der Speise, einen De rech erez, wie er im Volksmunde heißt, übrig zu lassen, damit die Tafel nicht den Anschein der Entbehrung und Dürftigkeit erwecke. Aus all dem ersieht man, daß unsere Weisen die rechte Manier wohl beherrschten, die gerade am Speise- **) Sch. A. Hilcholh sudah, vsi. auch Ta’nith 5 b. 19) D. e. r. X; vgl. auch Kiduschin 40 b. Das, VIII; vgl. 8pr. 8ai. 23, 6. J1) D. e. r. IX und D. e. s. VIII. 2a) vgl. Svnheurin 92. a.