Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3021989--20909-3045974- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 102 Dr. Vlochs WochMchrffl Nr. 7 beim Trinken und Essen, also im häuslichen Kreise zur Geltung. Denn nicht nur, was der Mensch ißt, das ist er, sondern auch wie er itzt; das heißt, wie er sich an der Tafel benimmt, ob sie reich oder nicht reich besetzt. ist. Da aber die Manier mit Rücksicht auf das Speisen erkannt wird, so muß ich jetzt, selbst auf die Gefahr hin, unmanierlich zu erscheinen, ausschließlich vom Speisen sprechen. Und da sollten wir zunächst betrachten: Was soll man essen? Doch darüber haben sich unsere Weifen nicht geäußert, sondern sich einfach auf den guten Geschmack unserer Hausfrauen verlassen, denen man sich nach dieser Richtung hin auch ruhig anvertrauen darf. Haben sie doch ein Kunststück vollbracht, das bisher niemandem gelungen: die Versöhnung mit den Herren Antisemiten, die, frei nach Goethe sagen: Ein echter deutscher Mann kann keine Juden leiden, doch den Braten ihrer Frauen ißt er gern. Also über das, was man essen soll, dürfen wir beruhigt sein. Denn dort, wo unsere Weisen es doch in den Bereich ihrer Betrachtung aufnehmen, zeigen sie sich, das muß man sagen, als wahre Lebenskünstler. Was ästhetisch ist, das ist gesund: sowie umgekehrt alles Unästhetische der Gesundheit unzuträglich ist: das ist gleichsam das lukullische Glaubensbekenntnis unserer Weisen, woran ja jenes bekannte Sprichwort des Ghetto anklingt: „Wo unsauber ist, dort ist t'röfah: „Das Herz des Rindes als Organ des Blutkreislaufes ist zum Genüsse unerlaubt, weil es dem Gedächtnis schadet", soll aber tatsächlich heißen, weil es unästhetisch ist. „Speisereste soll man nicht genießen, weil böse Geister daran haften",u) eine Umschreibung für die durch Erfahrung erprobte Tatsache, daß Speiseüberreste den Lagerplatz von Bazillen und Mikroben bilden. „Die Hände soll man sich vor und nach der Mahlzeit waschen, weil angeblich sodomitsches Salz an die Tafel kommt","') soll tatsächlich heißen, weil schmutz- und fettbehaftete Hände unästhetisch sind.^°) Man sieht also, für das, was man essen soll und was nicht, ist hier Vorsorge getroffen. Wir wenden uns nun zu der Frage: W i e soll man essen? Und da mag festgestellt werden, daß unsere Weisen die Art eines manierlichen Speisens gleichsam als eine religiöse Kunst betrachtet haben. Soll doch die Würze des Mahles die Lehre, das Wort Gottes sein. Also nicht etwa das allein, wie man Messer und Gabel bei Fleisch-und Fischgenuß hallen soll: das haben unsere Weisen, wenngleich auch wichtig für den Umgang mit Menschen, der Bonne und dem Hofmeister überlassen. Nicht nur, was außerhalb des Tellers geschieht, sondern zunächst wieviel im Teller drin enthalten, war ihre erste Sorge: ob nicht vor lauter Sorgfalt auf die Art des Essens, dieses selbst vernachlässigt wird, damit man nicht das Tischgebet verrichte bei klapperndem Magen: was, wie sie sagen, einer Gotteslästerung gleichkäme. Dies für diejenigen, welche unsere Weisen als unpraktische Menschen verschreien. Aber andererseits richteten sie ihr Augenmerk darauf, daß der Mensch nicht durch Unersättlichkeit seine gute Manier einbüße: „Wer ins Haus tritt, sage nicht, gebet her zu essen, bis man ihm das Mahl vorletzt. Auch soll man sich keinen Brocken über den Teller legen, mit dem Brote den Teller nicht auswischen, nicht Brotkrumen vom Tische sammeln, um sie zu essen, nicht abbeißen vom Brote und es am Teller liegen lassen, nicht vom Glase trinken und es dem Tischgenossen reichen, weil dies mitunter lebensgefährlich werden kann."17 ") Sch. A. Hiicholh sch’miralh haguf. 15) Das. ie) Sch. A. Hilch. u. tilath jadanin. 17) Vergl. Die Abhandlung über diesen Gegenstand don Dozeil Dr. Grünfeld, „Oesterreichische Wochenschrift". (Schluß folgt.) Vom Znbrmarkt des Lebens. Das Denkmal für Berek Josselowitsch. Das Grab des heldenmütigen Kämpfers für polnische Freiheit, Berek Josselowitsch, befindet sich bekanntlich unweit der Stadt Kozk im Lubliner Gouvernement an der Stelle, woer, von Feindeskugel getroffen, im Jahre 1809 den Heldentod fand. Anläßlich des hundertsten Todestages im Jahre 1909 widmete, wie erinnerlich, der Gutsbesitzer von Kozk, Graf Zissumlofsky, eine Geldsumme, um dem jüdischen Helden ein Grabdenkmal zu stellen. Zwei Jahre lang zogen sich die Unterhandlungen hin, um für die Aufstellung des Grabmales und die Inschrift für dieselbe die behördliche Bewilligung zu erlangen. Vorigen Freitag endlich konnte das Denkmal auf dem Grabe errichtet werden. Es ist ein prachtvoller Granitslein und trägt die polnische Inschrift: Berek Josselowitsch, geboren im Jahre 1760, gestorben im Jahre 1809, liegt hier begraben. Mehr auf dem Grabstein zu gravieren, hat die russische Regierung nicht gestattet. Baron Edmond Rothschild in Oberegypten. Wie aus Paris geschrieben wird, hat sich Baron Edmond de Rothschild an jene Stelle nach Oberegypten begeben, wo bekanntlich auf Kosten des Barons Ausgrabungen für wissenschaftliche Zwecke vorgenommen werden. Baron Rothschild will die archäologischen Forschungen persönlich überwachen. Der neue Hafen von Tripolis. Wie aus Rom berichtet wird, hat die italienische Regierung den Bau des neuen Hafens in Tripolis der berühmten technischen Firma Almagia in Rom vertragsmäßig übertragen. Die Chefs der Firma sind spaniolische Juden, die sich besonders durch Hafen- und Dockarbeiten einen großen Namen und großes Vermögen erworben haben. Die größten Hafenbauten in Italien, Spanien und Egypten wurden von der Firma Almagia ausgeführt. Eine besonders glänzende Leistung war der Hafen in Alerandrien, und auch gegenwärtig ist die Firma mit ähnlichen Bauten in Port Said beschäftigt. Das Haupt der Firma, Signor Eduard Almagia, ein hervorragender Techniker, nimmt auch an dem jüdischen Gemeindeleben in Rom lebhaften Anteil. Tschirikoffs „Juden" in Odessa verboten. Der Polizeipräsident von Odessa hat, wie von dort berichtet wird, die Aufführung von Tschirikoffs bekanntem Stück „Die Juden" verboten. Bezeichnend für die russischen Verhältnisse ist die famose Begründung des Verbotes damit, daß im russischen Theater von Odessa in letzterer Zeit schon zuviel Judenstücke aufgeführt worden seien. Der PolizeiPräsident hofft durch diesen Wink mit dem Zaunpfahl, die Direktoren der Odessaer Theater von ihrer Liebhaberei für Stücke jüdischen Inhaltes abzuwenden. Jüdisches Heldentum. Ueber einen interessanten Fall wird aus Newyork berichtet: Mit vielen anderen Emigranten kam dieser Tage im Landungshafen von Newyork ein armer Kinderlehrer aus Rußland an. Da er kein Bargeld vorzeigen konnte und auch sonst keinen Ausweis über seine Eristenzbedingungen in der neuen Welt erbringen konnte, wurde er als mittelloser Einwanderer zur Rückschicküng verurteilt. Der Mann war ganz unglücklich über dieses traurige Verhängnis; er hatte seinen Beruf in der alten Heimat aufgegeben und nun sollte er ziel- und