Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 Dt. Blochs Wochenschrift Seite 1Ö1 Erwerb, betrifft, so bildet er den Angelpunkt aller Menschenkenntnis. In ihm tritt entweder der Engel oder die Bestie im Menschen zum Vorschein. Denn „am Golde hängt, zum Golde drängt .doch alles". Darum läßt sich zur Ehrse des Kaufmannsstandes sagen, daß er den richtigen Wertmesser wahrer Moralität abgibt. Kein Stand hat von jeher so unmittelbar tätigen, wichtigen Einfluß auf Kultur und Moralität ausgeübt wie dieser. Und daß auch unsere Weisen den Kaufmannsstand als Gradmesser eines moralischen Umganges mit Menschen betrachteten, erhellt aus ihrer interessanten Deutung jenes Bibelverses, der eigentlich Anfang und Ende aller kaufmännischen Ehrenhaftigkeit genannt werden kann: „Du sollst nicht in deinem Besitze haben doppeltes Gewicht und doppelte Wage,- gerechtes Efah und gerechtes Lot sollst du besitzen." -.Du sollst nicht in deinem Besitze, in deinem Vermögen haben, deuten nun unsere Weisen, wenn du doppeltes Gewicht hast. Hach du aber gerechtes Lot, dann sollst du zu Besitz gelangen."^ Bezeichnenderweise haben sie schon damals dasjenige, was gerade heute im sozialen Leben so verpönt ist: „den Getreijdewucher, das Ansammeln dev Früchte, das Empo r treib en der Preise, das Verringern des Matzes auch ihrerseits mit scharfen Worten verurteilt/^) Einen Kernpunkt des Umganges mit Menschen bildet der bekannte Grunds atz: „clara pacta, bona fides“; das heißt, vorsichtige, vertragsmäßige Vereinbarung bietet sichere Gewähr des friedlichen Verkehrs. Dasselbe lehren nun unsere Weisen in dem Traktat Derech erez, den ich überhaupt meinen vorliegenden Betrachtungen zugrunde legte: „Willst du stets die Gunst deines Freundes dir sichern, so wahre immer nicht nur dein eigenes, sondern auch sein Interesse; willst du jedem Zwist mit ihm Vorbeugen, so gehe hin und berechne gleich im Vorhinein das Endresultat deiner geschäftlichen Beziehungen zu ihm."^) Dem Kauf und Verkauf am nächsten steht: Borgen und Leihen. Kauf und Verkauf beruhen auf Kredit, und nur in einem Gemeinwesen, wo Umsatz und Absatz solide gehandhabt werden, blühen auch Daplehens- und Geldinstitute. Soll darum der Gedanke: Borgen macht Sorgen, den Kaufmann wie auch die Banken nicht drücken, dann mutz die Basis des Geschäftsbetriebes eine kulante sein. Sonst nehmen Prozeß und Klagen überhand, wie dies auch unsere Weisen welt- und geschäftsklug lehren: „Der Anfang von Eid und! Schwur ist Anfang von Torheit, wenn du Bürge geleistet, so bürgtest ,du, um zu zahlen, borgtest du, so borgtest du, um zu fordern, liehest du, so liehest du, um zu begleichen".9) Das ist gleichsam der geschäftliche Wahlspruch, das kaufmännische ABC unserer Weisen. Wie sie aber andererseits den Umgang mit Menschen auch dem Schuldner, ja sogar dem notorischen Dieb gegenüber praktizierten, das beweisen sie in folgender Deutung: „Vierfacher Ersatz für das gestohlene Lamm, lautet ein biblisches Gebot, fünffacher für ein gestohlenes Rind." „Weil der Dieb eines Lammes, sagen sie, dasselbe tragen müsse, deshalb mit Rücksicht auf seine Plage nur das Vierfache. Der Dieb eines Rindes aber könne dieses mühelos vor sich einchsrtreiben, darum das Fünffache." 10j Das scheint nur auf den ersten Blick übertrieben und närrisch: in Wahrheit verbirgt sich darunter ein modernes Rechtsprinzip, daß die Strafe bessern, aber nicht Rache üben, daß sie die Gerichtsbarkeit gleichsam o) Leb. A. Hilchot Massa u’ Mattan. 7) Derech erez rabba II. 8) Derech erez suta Kap. 2. 9) D. e. 8. Kap. III. 10) II. B. M. Kap. 21, 37. Raschi das, überflüssig machen sollet') Jedenfalls tritt uns da eine einzig dastehende Galanterie selbst dem Diebe gegenüber entgegen, den doch nur bittere Rot zum Verbrecher am fremden Eigentum gemacht haben konnte: wenigstens vor dich: Gewohnheit, die ja allerdings Diebe macht. Um dieser aber vovzubeugen, lehren sie: „So du siehst das Antlitz deines Nächsten verkümmern, seine Hand ermatten, dann weise ihn nicht von dir. So du dich vor ihm erniedrigst, erhebt dich der Allvater, erhebst du dich aber über ihn, dann erniedrigt dich sein Gott."'2) Denn das Spiel des Schicksals, es waltet unaufhörlich an der Stufenleiter gesellschaftlicher Ordnung, den einen erhebend, den andern erniedrigend, vereinend Hoch und Niedrig, Fürst wie Bettler, und überbrückend jede Kluft zwischen ihnen. Die letzte Stufe auf dem Gebiete des Umganges mit Menschen nimmt Geben und Nehmen ein. Wie tief mutz schon der Mensch gestürzt sein, welchen Zwang mögen die Verhältnisse auf ihn ausgeübt haben, wenn er schon zum Handaufhalten Zuflucht nehmen mutz! Darum gebietet die Menschlichkeit, die bittere Pille des Almosens dem Empfänger durch eine sanfte Miene zu versüßen. Das, was der Dichter nach dieser Richtung in den Worten fordert: „Leget Anmut in das Geben", das findet in unseren Weisen getreue Interpreten. Klingt doch wie eine wortgetreue Uebersetzung dessen ihr Wort: „Es sei dein Haus schrankenlos jedermann geöffnet, damit dem Armen die Sättigung nicht mangele. Hüte dich, die Türen deines Hauses geschlossen zu halten in der Stunde, da du dich zum Speisen niedersetzest — — und freue dich der Almosen, die aus deinem Hause gegeben werden und die den Todesengel von dir abwenden, denn geheime Wohltaten halten den Todesengel ab."^) Alle diese humanitären Grundsätze enthalten somit den idealen Einschlag in das Gewebe praktischer Lebensarbeit unserer Weisen. Man sieht, Männer solcher Lehren, sie müssen auch im Geschäftsverkehr reell gewesen sein, solide und honett: sie zeigen uns, daß deren Vertreter im Drama und auf den Brettern, die die Welt bedeuten, etwa ein Nathan der Weise, auf realer Grundlage beruhen: daß, wenn auch nicht jeder Anständige ein Jude, aber jeder Jude anständig sein müsse. Damit sollen aber Ausnahmen bei uns, die ja die Regel bestätigen, nicht bestritten werden. Warum sollen nur andere allein ein Privilegium auf alle unreelle Auswüchse haben und nicht auch bei uns einmal ein solches Eremplar zu finden sein, um es den Unsrigen als Abscheu zu zeigen?! Warum nur hier allein lauter Engel, wo doch alles geschah, um nur Teufel zu schaffen?! Allein, die Lehre unserer Weisen über den Umgang mit Menschen als solche, sie bleibt die Quelle lauterer Ehrenhaftigkeit. Und wer aus dieser schöpft, der wird finden, daß Gestalten, wie zum Beispiel ein Shylock, ein Veite! Itzig, Gebilde der Phantasie darstellen, die entweder auf der Zeiten Not oder auf einseitiger Anschauung beruhen, die in die Lehre unserer Weisen über den Umgang mit Menschen nicht tief genug eingedrungen ist. 4- * 4- Den ersten Gesichtspunkt über Erwerb kann man füglich den guten Ton nennen, dessen hohe Schule gleichsam das Bureau des Kaufmanns bildet. Wir wenden uns nun zu der Manier. Diese kommt zunächst b k o s s o, ") Die sogenannte „Besserungtztheor'e". die in Franz v. Liszt ihren Vertreter findet. Vergl. dessen „Lehrbuch des deutschen Strafrechtes". 1898. 1J) D. e. s. Kap. IX. ") D. e. s, Kap. IX; vergl. das deutsche Dichterwort: „Wohltaten, st ll und rein gegeben, Sind Tote, die im Grabe leben,"