Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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•äsüäriS&asä Seite 100 Dk. Vlschs In der hierauf eröffneten Debatte spricht sich Kultusvorsteher kaiserl. Rat K a u d e r s gegen die Einführung des Lehrplanes aus, weil manche gewichtige Stimmen von Seiten der Fachmänner gegen die Reformvorschläge Dr. Maximilian S t e i n e rs laut geworden seien. KultuSvorsteherDr. Schreiber bemängelt es zunächst,daß die außerhalb der Schulkommiffion stehenden Mitglieder des Vorstandes viel zu wenig informiert wurden, sowohl über das Wesen der Reformvorschläge, wie auch über die eingeholten Gutachten, so daß z. B. er selbst auch zu wenig vorbereitet sei, um ein Votum über den neuen Lehrplan und die neue Methode abgeben zu können. Es sei auch die Frage, ob das geeignete Lehrermaterial für die Einführung dieser Reform vorhanden sei. Kaiserl. Rat Jonas Weil ist der Meinung, daß, wenn man auch nicht allem, was in den Reformvorschlägen enthalten ist, zustimmen wolle, sei doch die Tendenz zu begrüßen, welche dem ganzen Elaborat zugrunde liegt, -weil er die Ueberzeugung habe, daß unsere jüdische Jugend sich durchaus dafür eigne, all das, was der Reformplan von ihr verlangt, in sich aufzunehmen und es der Familie, dem jüdischen Hause zu vermitteln. Während man früher der Anschauung war, daß die Familie und das Haus die Traditionen des jüdischen Volkes durch die Heranwachsende Jugend weiter verpflanze, können wir heute die Erfahrung machen, daß manche jüdische Familie in welcher die größte Indolenz gegen das Judentum geherrscht hat, durch die Jugend dem Judentume gerettet wurde. Das Wichtigste sei allerdings, die geeigneten Lehrer für die Durchführung der Reformpläne zu besitzen. KultuSvorsteher Dr. Jakob Engel und Dr. S a m u e l y sprechen sich gleichfalls für die Annahme des Reformplanes aus. der nach keiner Richtung hin anstößt. weil er allen Richtungen Rechnung trägt. KultuSvorsteher Dr. Markus Spitzer wendet sich zunächst gegen die Anschauung, daß der Religionsunterricht überhaupt reformiert werden könnte. Der jüdische Religionsunterricht habe eine so erhabene Tradition, daß er eigentlich vor jeder Reform geschützt werden müßte. Wenn einer der sogenannten Sachverständigen, dessen Gutachten gleichfalls eingeholt wurde, sich gegen die Vorschläge des Kollegen Doktor Steiner ausspricht, weil deren Durchführung — horribile dictu — aus der Religionsstunde eine Jeschibah oder einen Eheder machen würde, so müsse er sich gegen eine solche billige Verhöhnung der Jeschibah mit aller Energie wenden. Man könne ruhig behaupten, daß die meisten großen Geister des jüdischen Volkes aus der Jeschibah hervorgegangen sind, und man werde sich glücklich schätzen können, wenn die Reformvorschläge, die übrigens nur ein Versuch sein sollen, auf die jüdische Jugend dieselbe Wirkung ausüben werden, wie die Jeschibah in der guten alten Zeit. Vizepräsident Dr. Gustav K o h n nimmt zunächst die Religionklehrer an unseren Mittelschulen in Schutz. Es müsse von allen anerkannt werden, daß wir mit sehr geringen Ausnahmen über ein wertvolles Religionslehrermaterial verfügen. Der vorgeschlagene Rtformlehrplan sei ein seiner Ansicht nach sehr guter Versuch zur Neubelebung des jüdischen Geistes in unserer Jugend. Sowohl der Lehrplan als auch die vorgeschlagene Methode haben das eine Ziel vor Augen, aus den Schülern gute Juden zu machen. Aber gerade das Neuartige, von der bisherigen Schablone Abweichende in diesen Vorschlägen mußte andererseits zur Vorsicht mahnen und davon abhalten, sie mit einem Schlage in sämtlichen Schulen einzuführen. Das ist der Grund, weshalb für die versuchsweise Einführung die erwähnten drei Schulen, die nicht nur die besten Lehrer, sondern auch das geeignetste Schülermaterial hiezu haben, ausgewählt wurden. Wild der Versuch erfolgreich sein, so brauchen wir wegen der geeigneten Lehrer nicht besorgt zu sein. Und wird andererseits der Versuch eventuell mißlingen, so wird wohl der Autor der Vorschläge selbst nichts dagegen einzuwendeu haben, wenn der Versuch eingestellt wird. Dann wird es sich aber eben nicht um sämtliche Mittelschulen, sondern wieder bloß um die genannten drei Schulen handeln. Kultnsvorsteher Dr. Maximilian Steiner beschäftigt sich kurz mit den eingeholten Gutachten und macht dann darauf aufmerksam, daß es selbstredend sei, daß zu diesem Lehrplan auch die entsprechenden Instruktionen an die in Betracht kommenden Lehrer herausgegeben werden müsien. Dies könne jedoch erst dann geschehen, wenn die versuchsweise Einführung des Lehrplanes vom Vorstande beschlossen sei. Er konstatiert mit Vergnügen, daß von den Rednern gegen das Wesen deS Lehrplanes keine prinzipiellen Einwände erhoben wurden. Die hierauf erfolgte Abstimmung ergab die Annahme der im Sinne des Referates gemachten Vorschläge der Schulkommission. Unsere Meise« «der de« Umgang mit Mensche«. Eine vergleichende Studie, von Rabbiner Dr. Simon Mandl (Neutitfchein). Der Gegenstand, den ich zu untersuchen habe, hängt mit einer modernen Frage, dem rastlosen Verkehr der Gegenwart, zusammen. Immer weitere, immer größere Gebiete der Erde erobert er. Andere Wrenschen, Wochenschrift Nr. 7 andere Sitten. Aber alle überragt die Kultur, die immer neue Regeln für den Umgang mit Menschen vorschreibt. Auch hier gilt das Wort: „Durch Schaden' wird man klug." Denn alle Grundsätze des gesellschaftlichen Verkehrs sind nur als Niederschlag der nützlichen oder schädlichen Erfahrungen zu betrachten, die im öffentlichen Leben gemacht wurden und die heute allenthalben über guten Ton, Manier und Takt im Umlaufe sind. Nach Ansicht unserer Weisen über den Umgang mit Menschen kommt aber noch ein Punkt hinzu. Hier ist er nicht nur das Ergebnis der Welterfahrungen, sondern auch der Gemütserfahrung. Nicht durch Schaden allein wird man klug, sondern auch durch Gottesfurcht, die ja „aller Weisheit Anfang ist". Alles Edle und Gute lernst du von der Gottheit. „Wie diese gnädig und barmherzig, so sei es auch du."*) Und bezeichnend hiefür ist gleich der erste Satz in jenem Handbuch um serer Weisen über den Umgang mit Menschen: in dem Tana d'bä Elija hu: Gott legte, sagt die heilige Schrift, das flammende Doppelschwert an den Eingang des Paradieses, um zu bewachen den Weg des Lebens. Den Weg', deuten nun unsere Weisen, das ist Derech erez, der Umgang nüt den Menschen; des Lebens, das ist die Lehre, die ja ein Baum des Lebens heißt.* 2) Freilich sind hier die Formen der sogenannten Etikette verhältnismäßig nicht in allzuvielen Paragraphen herausgebildet. Es gibt eben hier weniger gesprochene, dafür mehr geübte Lebensmanier, und es mag einer den guten Ton noch so gut einstudiert haben, zueigen wird er ihm erst durch die Betätigung. Das zur Tat gewordene Wort aber heißt: Religion, und das ist das Bezeichnende kn der Lehre unserer Weisen über den Umgang mit den Menschen, daß dieser ein Ausdruck der Religion, der Frömmigkeit, der Göttlichkeit ist und darum der Lebensweisheit. Ihnen bedeutet der Umgang mit Menschen: die Erkenntnis des eigenen Selbsts. „Zuerst läutere dich, dann andere." „Nimm erst den Balken aus deinen Augen und sodann den Splitter aus den anderen." Sie tadeln die Schwäche der Menschen, immer „nur die Fehler anderer, niemals die eigenen schaueni zu wollen". „Erkenne deine Mängel, dann übst du Nachsicht mit den Schwächen anderer", dann lernst du die Menschen ertragen. „Bleibe im steten Zusammenhang mit den Gottesgeschöpfen",3) lerne sie verstehen, ihre Fehles, aber auch ihre Vorzüge, dann hast du einen Maßstab für den Umgang mit Menschen. Aber dieser unterliegt gewissen untrüglichen Kennzeichen, an deren Hand sich genau feststellen läßt, ohk er nur von der Kultur beleckt oder wahrer Gesinnungsadel ist. „In den Augenblicken", sagt einer der feinsinnigsten Seelenkenner, „wo der Mensch der stärkeren Natur sich ohne Abzug hingeben muß, erkennt man am sicher? sten seine wahre Aüt. Was von Tierheit im Menschen unter der hergebrachten Schminke sogenannter Bildung oder vorsätzlicher Verstellung verborgen lag, tritt dann unverhohlen hervor in den Bewegungen des Körpers und in dem Tone der Stimlne".*) Und genau in demselben Sinne prägten nun auch unsere Weisen über den Umgang mit Menschen den Grundsatz, der ja vielfach bekannt sein dürfte: „Bei drei Dingen läßt sich erkennen, weß' Geisteskind und Charakters ein Mensch ist: b'kisso, b'kosso, b'kasso, das heißt: beim geschäftlichen Erwerb, beim Trinken und Essen und beim Zorne."^) Was nun den ersten Gesichtspunkt: b'kisso, den 1) Sabbatb, 133. 2) Tana d’bg Elijahu K> p. I. 3) Derech erez rabba, VI; vergl. auch Kethuboth Ha. *) Otto Ludwigs Werke: Bong n. Eo. U. 139. 8) Derech erez suta, V; vergl. auch Eruhin be b.