Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-02-16 · 7 (16.2.1912) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
7 (16.2.1912)
Date
1912-02-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3021989--20906-3045971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 99 Nr. 7 Dr. Brochs Um im Wege solcher Aussprache das Verständnis und die Kenntnisse der Schüler zu vertiefen, sollen dieselben eingeladen werden, sich in den Wintermonaten fakultativ— nicht obligatorisch — ein- bis zweimal wöchentlich des Abends zwischen 6 und 8 Uhr in einem geeigneten Lokale zu versammeln und ein von den Lehrern im Voraus bestimmtes Thema zu erörtern. Zu diesem Behufe soll ein sich hierzu freiwillig erbietender Schüler ein Referat erstatten, dessen schriftliche Skizze jedoch vor der Versammlung den Lehrern zu unterbreiten ist. Daran hätte sich dann eine wechselseitige Aussprache der Schüler zu knöpfen. Der Lehrer hat sowohl in der Schule, als auch in den fakultativen Stunden dafür zu sorgen, daß das Wechselgespräch innerhalb der dem Thema entsprechenden Grenzen bleibt. Es sei den Lehrern zu empfehlen, bei der Wahl der Themata alle spekulative Dialektik zu vermeiden und meist kulturhistorische und sozialpolitische Fragen, die das Judentum betreffen, zur Erörterung vorzuschlagen. Zur Vorbereitung für diese fakultativen Abendstunden und zur Selbstbildung im jüdischen Interesse, ist den Schülern Privatlektüre aus Büchern und jüdischen Zeitschriften, die Besichtigung von Abbildungen und Landkarten anzuraten. Um die Benützung solcher Hilfsmittel zu erleichtern, ist in der Nähe der obgedachten drei Schulen ein wohlausgestattetes Lesezimmer zu eröffnen, welches an voraus zu bestimmenden Abenden zugleich der allwöchentlichen Versammlung Raum gewähren soll. Die Obsorge für das auf Gemeindekosten zu errichtende Lesezimmer, sowie die Gestion betreffs die Versammlungen ist' unter der Oberaufsicht der Lehrer einem Schülerausschuß zu übertragen. In diesen Ausschuß delegiert jede Klasse ein Mitglied. Die sechs Mitglieder wählen einen Obmann und einen Schriftführer. Der Obmann führt den Vorsitz in den Versammlungen, der Schriftführer führt das Protokoll. Das Protokoll ist in Abschrift den Lehrern zu übergeben. Der Ausschuß hätte die Anmeldungen jener Schüler entgegenzunehmen, welche den fakultativen Versammlungen beiwohnen wollen. Insoweit der Raum hinreicht, kann auch den Schülern der letzten zwei Klassen anderer Mittelschulen der Zutritt gestattet werden. Die Auswahl der genannten Anstalten für den Reformversuch ist aus dem Grunde erfolgt, weil diese Schulen in den Oberklassen eine größere Zahl jüdischer Schüler ausweisen, die beabsichtigte fakultative Einrichtung des Lesezimmers nach den lokalen Verhältnissen für alle drei Schulen ohne Schwierigkeiten getroffen werden kann " und die dortselbst wirkenden Religionslehrer durch ihre Qualifikationen für den Versuch sehr geeignet erschienen. Die Zustimmung zu diesen Maßnahmen konkretisiert sich in folgenden Beschlüssen: 1. Daß an die Stelle der bisherigen Form des Examinierens eine sämtliche Schüler umfassende Aussprache zu treten hat, wobei der Lehrer dafür sorgen muß, daß das Wechselgespräch sowohl in der Schule als in den fakultativen Stunden innerhalb der dem Thema entsprechenden Grenzen bleibt. 2. Daß fakultative Abendstunden zu weiteren Aussprachen über Themata, die von den Lehrern im Vorhinein auszu-vählen find, eingerichtet werden, in welchen auf Grund eines Schülerreferates, dessen Skizze vorher dem Lehrer zu unterbreiten ist, eine Aussprache erfolgt. 3. Daß für den sub 2 bezeichnten Zweck ein Lesezimmer eingerichtet werde. 4. Daß die Gestion dieser fakultativen Einrichtung unter Aufsicht der Lehrer durch einen Schüler-Ausschuß erfolge. Nunmehr wird heute als Abschluß der eben vorgebrachten, bereits vom Plenum des Kultusvorstandes behandelten Vorlage, der Detaillehrplan für die zwei obersten Klassen der Mittelschulen von der Unterrichtskommission beziehungsweise dem Vertreterkollegium mit dem Antrag auf Annahme und versuchsweise Wochenschrift Einführung an den früher genannten Anstalten in Vorlage gebracht, wozu folgendes zu bemerken ist: Ueber Wunsch des Antragstellers Herrn Dr. Maximilian Steiner wurde dessen Broschüre: „Vorschläge betreffend eine Reform des jüdischen Religionsunterrichtes an den obersten Klaffen der Mittelschulen" an eine Reihe von angesehenen Persönlichkeiten des In- und Auslandes, die auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes sich hervorragend betätigen, mit dem Ersuchen um Acußerung versendet. Es sei zur Vermeidung von Mißverständnissen bemerkt, daß der Inhalt dieser Broschüre den Ausgangspunkt für die Beratungen der versuchsweise einzuführenden Reformen gebildet hat, daß er also nicht vollständig identisch ist mit den konkreten Anträgen, die als Ergebnisse eineinhalbjähriger eingehender Beratungen dem Kultus- Vorstände zur Beschlußfassung vorliegen. Von einer Reihe dieser Persönlichkeiten werden die Reformbestrebungen freudigst begrüßt, während von anderen verschiedene Einwände und Bedenken vorgebracht wurden. Aus den übereinstimmenden Gutachten der durchwegs während der Verhandlungen über die heute dem Plenum vorliegenden Anträge im Subkomitee oder in der Unterrichtskommiffion, in den schriftlichen Aeußerungen oder in der Konferenz der Mittr lschullehrer besprochen und entsprechend berücksichtigt worden waren. Auch jenen Ausführungen wurde Aufmerksamkeit zugewendet, die in der Presse bezüglich der Reformvorschläge publiziert erschienen. Das Vertreter-Kollegium beantragt demnach, den Plenarbeschluß vom 5. November 1911 auf Grund des folgenden, heute zu genehmigenden Lehrplanes, zu welchen die Instruktionen sich in Ausarbeitung befinden, in Vollzug zu setzen: Lehrplan fürdiezweioberstenKlassenderMiitelschule. Vorletzte Klasse — I. Semester. 1. Geschichte der Juden vom Ende des Gaonates bis zur Vertreibung der Juden aus Spanien in großen Geschichtsbildern, mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Juden in Oesterreich. 2. Die heiligen Schriften, deren Einteilung und Inhalt sowie die wichtigsten Übersetzungen. 3. a) die Grundlehren der Thora, Lesen der betreffenden Stellen in der Ursprache mit Uebersetzung. b) das religiöse Leben der Juden im Hause und in der Synagoge; Ritualien, Liturgie, Terminologie. 4. Ausgewählte Stücke aus der Thora und den Propheten in deutscher Uebersetzung. II. Semester 1. Geschichtsbilder aus dem 15.—18. Jahrhundert, mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Juden in Oesterreich. 2. das talmudifch-rabbinische Judentum und dessen Weltanschauung. 3. die Festvorschriften der Thora; deren spätere Gestaltung, die wichtigsten Gebete in der Ursprache mit Uebersetzung. -!. Ausgrwählte Stücke aus den Propheten, Hiob sowie mittelalterlicher Dichtungen in deutscher Uebersetzung. Letzte Klasse — I. Semester. 1. Geschichtsbilder aus der neuen Zeit, mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Juden in Oesterreich. 2. Ausgewählte Stücke aus den Sprüchen und Psalmen in der Ursprache mit Uebersetzung. 3. Ausgewählte Stücke aus den religionsphilosophischen Schriften des Mittelalters in deutscher Uebersetzung. II. Semester. 1. Geschichtsbilder aus der neuesten Zeit, mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Juden in Oesterreich. 2. Wohltätigkeitspflege und Solidarität in geschichtlicher Entwicklung. 3. Absallbewegung und Auswanderung. 4. Wiederholung der zehn Gebote und des Abschnittes Kedauschim in der Ursprache mit Uebersetzung. 5. Die Lebenskraft des Judentums.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.