Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 94 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 6 Wer ist da berufen, voranzugehen,, und wenn sich Einer zum Vorschveiten bereit fände, wo ist die Masse, die ihm nachfolgte? Die Erörterung dieser oft erörterten Frage ist unfruchtbar. Gehen wir über sie hinweg und fragen wir uns, ob wir wenigstens dort, wo wir praktische Erfolge erzielen könnten, unsere Kraft mit voller Energie einsetzen. Ich meine das Gebiet der staatlichen Fürsorge für unsere Religion. Der Staat verlangt eine sittlichreligiöse Erziehung unserer Jugend, aber verweigert unseren Rabbinern und Religionslehrern auch nur die geringste materielle Beihilfe. Gerade in diesem Jahre sind sämÜiche Remunerationen für die Erhörten gestrichen worden, und vielen meiner allerärmsten Berufsgenossen wird die gesetzliche Wegentschädigung für die Erteilung des Religionsunterrichtes außerhalb des Weichbildes der Gemeinde vorenthalten. Vom Gottvertrauen allein können diese braven Männer nicht leben. Da mutz ja jede Berufsfreude untergehen." „Sie meinen also?" „Ich meine, datz wichtiger als eine Reform der religiösen Satzungen eine gewisse Tat- und Kampffreudigkeit der bürgerlichen Führer unserer Judenschaft wäre, datz das jüdische Laienelement nachdrücklicher und entschiedener als bisher seinen gesetzlichen Anspruch auf gleichartige Behandlung mit den anderen Religionsgenossen dem Staate gegenüber geltend machen mühte. Das würde viele mit einem neuen, jetzt fast erloschenen Gefühle der Kraft und des Stolzes auf den alten Glauben erfüllen. Glauben Sie mir, das Unheil droht uns nicht aus der geistlichen Sphäre! Wir armen Rabbiner sind immer nur die Exponenten der Kraft oder Ohnmacht, die in den Kultusratsstuben herrschen." Der alte Herr hatte sich warm geredet. Er reichte mir die Hand hin und drückte die meine bewegt. „Ich weih," sagte er herzlich, „Sie denken und fühlen wie ich. Sich wehren, bringt Ehren — dieses alte Wahrwort hat gerade unter den Juden nur wenige Bekenner. Wir sind so furchtbar diplomatisch geworden, und je geringer wir unsere eigenen Autoritäten achten, umso tiefer sinken wir vor der Autorität eines goldenen Amtskragens in den Staub. Jetzt wissen Sie, warum ich heute weniger fröhlich bin, als vor fünf oder sechs Jahren." S-g. Literatur. vL8 Lebet im Islam. Von Prof. Dr. M. G r ü n e r t, Prag. Eiue interessante Arbeit übergab mir soeben die Post: „Das Gebet im Islam“ von Prof. Dr. M. G r ü n e r t, Ich empfing die Schrift, schon weil sie vom von allen seinen Schülern geehrten und geliebten Autor selbst geschickt war, mit einem Gefühl des Dankes. Die Schrift enthält die Installationsrede, welche Rektor Grünert am 27. Oktober 1910 in der Anla der k. k. deutschen Karl Ferdinands- Universität zu Prag hielt, und behandelt, nach einer kurzen Einleitung über Wesen und Aufgabe des akademischen Lebens, die Dogmen des Islams. Als erstes Dogma erscheint der Gedanke der Gotteinheit, welcher im ersten Teile des mohammedanischen Glaubensbekenntnisses : „la ilaha illa-l-llähn“ zum Ausdruck kommt und den christlichen Trinitätsbegriff verneint. Da Mohammed die Gotteinheit schon in Mekka, also lange vor der Flucht, auf Grund verschiedener, ihm gewordener jüdischer und christlicher Mitteilungen erkannt hatte, die er natürlich nicht hinlänglich zu verstehen vermochte, so spricht er häufig im Koran von einem Gott der Rache, obwohl Altes Testament und rahbinisches Schrifttum, wie zahlreiche Stellen besagen, nur einen Gott der Gnade und der Gerechtigkeit kennen. Es sei mir auch gestattet, zu bemerken, dass das Gebot: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst,“ sich nicht auf Glaubensgenossen, sondern auf alle Menschen bezieht, da die Bibel einen Glaubensgenossen gewöhnlich mit dem Worte „Och“ — nK und Mitmenschen — mit „Rea“ jn, wie hier bezeichnet. Interessant ist, dass selbst die im Talmud (Sabbat 31) erwähnte Erklärung Hillel’s zu diesem Gebote „Tue nicht Deinem Nächsten, was Da for Dich nicht wünschest,“ die auch das Grundprinzip der christlichen Ethik geworden ist, manchem Koranexegeten bekannt war. Nach Al-Kisäi lautet das fünfte Gebot der Thora: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst und tue ihm nichts, was Dir nicht erwünscht ist.“ (Vgl. meine Schrift: „Hiob und Moses iu der arabischen Legende, 1910.“) — Das zweite Dogma der prophetischen Mission Mohammeds bringt die zweite Hälfte des obzitierten Glaubensbekenntnisses „Wa-Mubammadu rasulu-llähi“ zum Ausdruck, die zweifellos in Medina hinzukam, da er in Mekka, am Beginn seiner Laufbahn, unmöglich seine Person derart in den Vordergrund geschoben hätte. — Das dritte Dogma betrifft die Auferstehung. — Einer der fünf Hauptpfeiler der Religion ist das Gebet, das hier eine ausführlichere Erörterung erfährt. Das Hauptmerkmal des Gebetes ist, dass Frauen am selben nicht teilnehmen dürfen. „Denn der Islam,“ bemerkt der Verfasser richtig, „ist eine Religion der Männer.“ Dass der Prophet dennoch in der Moschee neben seiner Gattin „Aischa“ sass und während des Gebetes mit ihren schwarzen Haarlocken spielte, erklärt die Tradition dahin, dass Gott seinem Gesandten manche Konzession gewährt habe, die aber jedem Sterblichen versagt bleibt. — Wir ersehen aus dieser Arbeit, dass der geschätzte Autor selbst so schwierige Themen populär darzustelleu und höchst anziehend zu schildern versteht. Dobrisch. Dr. Eisenberg. Mitteilungen zur Jüdischen Volkskunde. Herausgegeben von Dr. M. Grunwald, Rabbiner der isr. Kultusgemeinde in Wien. 15. Jahrgang, 1. Heft. (Der ganzen Reihe 41. Heft.) Inhalt: M. G r u n w a 1 d, Altjüdisches Gemeindeleben. Josef Eibenschütz — 8. Bachrach. Hebräisches Rätsel. M. Grunwald, Hebräisches Lied. 8. Weissenberg, Das Sukkothfest in Südrussland. Adolf L ö w i n g e r, Die Himmel in nachbiblischer Auffassung. Bücherschau. Alle Sendungen werden erbeten an die Adresse des Herausgebers: Wien, XV., Mariahilferstrasse 167. „Das Geheimnis der Königin.“ Ein Purimspiel in 2 Akten von R.n. Verlag der Buchhandlung J. M. Bel f, I., Rabensteig 3, Wien. Preis gegen Voreinsendung des Betrages franko 50 Heller. Wer sich gut amüsieren will, wird in diesem recht volkstümlich und gut geschriebenen „Purimstück“, in welchem auch den „Meschumodim“ heimgegeigt wird, auf seine Rechnung kommen. Lesen wir das Ganze, dann tut es uns leid, daß unsere alten guten Purimstücke zumeist verloren gegangen sind, das obengenannte reiht sich ihnen bestens an und ruft nach einer Fortsetzung. Echte Purimlust tut uns heute doppelt not. A. Der ewige Jude. Schauspiel iu drei Aufzügen und einem Vorspiel. Frei bearbeitet nach Eugen Sue von Robert v. Ren garten. (Verlag, des Bureau Karl Fischer, Friedenau, Sponholzstrasse 10. — Brosch. Mk. 2.—. Iu seinem Dreiakter hat der Verfasser aus dem gleichnamigen Romane Eugen Sues das eigentliche Thema der Handlung, die Erbschleicherei an zwei lieblichen, schutzlosen Waisen, herausgegriffen. Die Tendenz des Stückes richtet sich speziell gegen den Jesuitenorden — auch mehr oder weniger gegen alle jesuitisch denkenden und handelnden Naturen im gewöhnlichen Leben. Dieses Schauspiel, das mit den mahnenden Worten: „Liebet Euch wahr und rein untereinander“, ausklingt, enthält den tiefempfundenen Jugendtraum eines für alle Erniedrigten und Gequälten warmschlagenden Herzens. Briefkasten. Forscher. Nach einer gründlichen Arbeit von Pierre Gros im „Bulletin de 1’Union Scolaire“ über die jüdische Presse Frankreichs war das älteste Blatt „Israelite Frangais“ (1817—18), dann folgten 1823 „Les Anuales israelites“, 1840 „les Archives israelites“, 1844 „l’Univers israelite“, 1846 „la Pure Verite“, 1846 erschien „La Paris“ von Ben Baruch Crehange als ein unabhängiges O:gan, das von dem Zentralkonsistorium verklagt und 1847 durch die von dem „Demokratischen Klub der Gläubigen" gegründete „Union isr." ersetzt wurde. Naw 1848 vermehren sich die Organe der Juden Frankreichs. Von allen diesen Blättern existieren nur noch „les Archives“ und „l’Univers“, beide in Berlin erscheinend. Erwähnenswert sind noch drei Blätter, die nicht mehr erscheinen, „La Revue israelite“ (1870—73), herausgegeben von dem gelehrten Rabbiner Maurice Liberi, „Tribüne philosophique“ — gegründet 1883 von Gaston Roselli —, die von Nichtjuden redigiert wurde und hauptsächlich gegen den Antisemitismus agitierte, und „Vraie parole“, die sich gegen die antisemitische „Libre Parole“ wandte und zu ihren Mitarbeitern u. a. Manuel Leven, Samuel Reinach, Bernard Lazare und die Nichtjuden Hyppolyte Carnot, Hyacinthe Loyson, Lerroy-Beaulieu, Severne und Zola zählte. Auch einige zionistische. Blätter existierten in Frankreich, 1898 während sieben Monaten die studentische „Cadimah“ 1899 „le Flainbean“, eine sozialistische und zionistische Revue, deren Chefredakteur Jacques Bahar war, und 1899 bis 1905 „Echo sioniste“. Seit dem 1. Jänner d. I. erscheint „Echo sioniste“ wieder. Einlage in Prag. Wenden Sie sich an einen Advokaten.