Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 6 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 93 Szabadka. (Ungarn.) Am 28. Jänner wurde mit großer Teilnahme der II. Kantor Herr. Bernhard Klein s. A. zur ewigen Ruhe bestattet. Der Verblichene stand im 42. L-.bensjahre und wird von seiner Witwe und 7 unmündigen Waiien betrauert. Die Grabrede hielt Herr Oberrabbiner Dr. Bernhard Singer, der die Verdienste des Verewigten als gewissenhaften und pflichteifrigen Gemeindebeamtcn hervorhob und die traurige Lage der Hinterbliebenen der ohnehin weitbekannten mnnifi',enttn und vnmauen Knltusgemeinde ans Heiz legte. Den gesanglichen Teil der T^au rzercmonie hat Herr Oberkantor Julius AbramoviL unter MNwirkiwci der Herren: Odeikantor-Stellvertreter A. Stift,?cs Kantors M Weiß, des Cbordiriaenten L. Berger und des Lehrers S. 9tosenstein in vortieifl chster Weife versehen. Besonders ergreifend war das von Sr. Ehrwüiden, dem greisen Obeirabbiner Herrn M. L. Knttna vorgetragcne i cbiä }d;c Trauergebet. Seitens des Kaltu^vorstardiü waren unter Führung des Gemeind-p'äses Herrn Dr. Adolf Klein die Vorsteher Ludwig Pollak. Em. ««gär. Ad. Buchwald, F. Hubert und Gemeinde- Sekretär Jul. Singer erschienen. Auszeichnung für Georg Brandes. Aus Kopenhagen wird berichtet: König Friedrich hat dem Literarhistoriker Georg Brandes aus Anlaß seines 70. Geburtstages die goldene Verdienstmedaille mit der Krone verliehen. In der hiesigen königlichen Bibliothek wurde ein Georg Brandes-Archiv eingeweiht. Zer Ualrbmer. Seil zwanzig Jahren verwaltete Dr. Moritz Glaser das Amt des Rabbiners in einer größeren böhmischen Gemeinde. Er war von hoher, leuchtender Gestalt und sein langwallender, nun schon fast weißer Bart verlieh ihm ein patriarchalisches Ansehen. Ich kannte ihn seit vielen Jahren, und was mich an ihn stets besonders gefesselt hatte, war sein unendlich gütiges Auge, aus dem eine Welt voll Milde und Erbarmen sprach. Dr. Glaser erfreute sich in seiner Gemeinde der größten Sympathien und der höchsten Wertschätzung. Er hatte sich nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiete hervorgetan, sondern war auch ein überaus wirksamer Kanzelredner, der die Herzen seiner Hörer vor allem durch die Natürlichkeit und innere Wärme seines Vortrages, dem jedes erkünstelte Pathos fernlag, ergriff. Er war aber auch ein selten mildtätiger Mann, der einen großen Teil seines Einkommens den Armen und Bedürftigen zufließen läßt, und man rühmte an ihm, daß nicht so sehr die Gabe selbst als vielmehr die menschenfreundliche Art, wie sie gereicht wurde, auf das edle Gemüt des Gebers schließen lasse. Vor kurzem sah ich ihn wieder, und es fiel mir auf, daß in das sonst so heitere und immer gleichmäßig freundliche Antlitz sich eine Sorgenfalte gegraben hatte. Nach gegenseitiger herzlicher Begrüßung lud er mich zu einem Plauderstündchen ein. Wir sprachen von Vergangenem und Gegenwärtigem, von den ewig unveränderlichen Säulen des Judentums und von mannigfachen aktuellen Fragen, die nicht nur Bewegung, sondern auch Verwirrung verursachten. Dabei verhehlte ich ihm nicht, daß ich ihn verändert fände und den Eindruck hätte, als ob die Heiterkeit seiner Seele seit unserem letzten Beisammensein eine Trübung erfahren hätte. „Ich kann es nicht leugnen," sagte Dr. Glaser mit nachdenklichem Kopfnicken, „daß ich von mancher schweren Sorge gequält werde. Nicht um mich — dazu kennen Sie mich zu gut —, sondern um unser geliebtes Judentum. Wie lange ist es wohl her, seit Sie mich das letztemal besuchten?" „Fünf oder sechs Jahre." „So lange schon? Je älter man wird, desto rascher fliegt die Zeit. Nun denn, in diesen wenigen Jahren ist unsere Gemeinde erheblich kleiner geworden. Eine beträchtliche Anzahl wohlhabender Familien ist fortgezogen, und dieser Ausfall macht sich in einer allgemeinen und oft empfindlichen Erhöhung der Kultussteuer fühlbar." „Davon wird doch aber nicht das Wesen des Judentums berührt," warf ich halb fragend ein. „Glauben Sie? Wie hier in unserer noch immer ehrenfesten Gemeinde geht es auch anderwärts, und manche vor Jahren noch blühende „Kille" ist arg zufammengefchmo-lzen. Für die Zurückbleibenden heißt es nun, das Doppelte und Dreifache zahlen. Erachten Sie es als einen Gewinn für das Judentum, wenn das Bekenntnis zu demselben zu einer lästigen Rechensache wird und wenn die Leute jammern, daß sie die Kosten ihrer religiösen Verpflichtungen nicht mehr zu erschwingen vermögen?" „Das ist gewiß ein Uebel." entgegnete ich, „aber die Gemeinden müssen sich in solchem Falle nach der Decke strecken und ihr Budget einschränken." „Einfchränken!" lachte der Rabbiner bitter auf, „o ja, das geschieht, geschieht nur allzusehr. Sie wissen, daß ich nicht pro domo spreche, denn hier gibt es viele reiche Stiftungen, welche das Einkommen der Funktionäre sicherstellen. Aber in vielen Gemeinden hat man schon die Funktionen eines Rabbiners, Vorbeters, Religionslehrers und selbst noch untergeordnete Verrichtungen in einer Person vereinigen müssen. Und da man nun keinen Rabbiner findet, der auch die Dienste eines Schames verrichtet, nimmt man einen Schames, der sich anmaßt, auch rabbinische Funktionen zu versehen. Unter solchen Umständen muß natürlich das Ansehen des Rabbinerstandes stetig sinken und die Autorität der geistlichen Führer sich von Tag zu Tag vermindern. Und da haben Sie die beiden Ertreme: auf der einen Seite wird die Zugehörigkeit zum Judentum zu einer Geldfrage, auf der anderen Seite schwindet mehr und mehr das Prestige jener Männer. welche berufen sind, den Indifferentismus zu bekämpfen, weil ihre Eristenz, ihr bloßes Dasein, mit jener Geldfrage im Zusammenhang gebracht wird." „Aber der Indifserentismus, dessen Verbreitung ich zugebe, ist doch nicht auf solche äußerliche Ursachen zurückzuführen?" „Auf äußere und innere, und ich weiß nicht, welche die entscheidenderen sind. Gewiß ist, daß die alten, gläubigen Balbatim allmählich absterben und daß die Jungen, soweit sie nicht die Heimat verlassen, den altehrwürdigen Glauben ihrer Väter - - sagen wir: in sehr, aber schon sehr rationalistischer Weise auslegen." „Verzeihen Sie, wenn ich mir eine vielleicht sehr laienhafte, oder um Ihr eigenes Wort zu gebrauchen: rationalistische Einwendung erlaube. Es ist eine alte Erfahrung, daß jedes Gesetz, das der fortschreitenden kulturellen Entwicklung sich nicht anzupassen vermag, vom Strome des tatsächlichen Bedürfnisses allmählich überflutet und endlich hinweggeschwemmt wird. Verharren wir nicht doch allzu starr in alten Formen? Es haben schon gelehrtere und frömmere Männer wie ich aus ehrlicher Sorge um das Judentum die Notwendigkeit einer Revision unseres Ritualgesetzes erwogen." Dr. Glaser lächelte. „Sie wissen," sagte er dann mild und weich, „ich bin kein Eiferer, kein Fanatiker, und der Bannstrahl liegt auch bei uns wie bei den Christen in der Rumpelkammer. Aber Sie können das Judentum nur einheitlich oder gar nicht erhalten. Das ist ja jene Quadratur des Zirkels, jener Stein der Weisen, den wir mit heißem Bemühen unausgesetzt und stets vergeblich suchen. Wir haben keinen Papst und kein Kardinalskollegium mit der Macht, Dogmen zu schaffen.