Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Dr. Blochs WochMschrift Seite 89 Einladung zu dem zu Ehren der englischen Parlamentarier vom englischen Botschafter veranstalteten Bankett abgelehnt hat, sowohl aus Seiten der Engländer als auch in den Kreisen der russischen Politiker besonderen Eindruck gemacht. In einer Unterredung, die ein englischer Journalist mit Nisselowitsch hatte, begründete dieser sein Fernbleiben damit, daß er angesichts der deprimierenden Situation, in welcher sich die Juden Rußlands gegenwärtig befinden, nicht in der Stimmung fein könne, an freudenrauschenden Festlichkeiten teilzunehmen. Obgleich er persönlich die Freundschaft Rußlands mit dem freien England, in welchem es keinen Unterschied zwischen Iuden und Christen gibt, aufrichtig begrüße, konnte er es doch nicht übers Herz bringen, den Vertretern des englischen Volkes zu begegnen. Er hätte, wollte er die Festtesstimmung nicht stören, geradezu eine Maske anlegen müssen, wenn in seinen Gesprächen Mit den Engländern die unendlich traurige Lage der Juden in Rußland berührt worden wäre. Ich habe deshalb der großen Ehre entsagt, welche der Vertreter des großen englischen Reiches mir, dem Vertreter der geknechteten Iuden in der russischen Reichsduma, zugedacht hat. Ich will nur gerne hoffen, so schloß Nisselowitsch seine Ausführungen, daß unfeüe Freundschaft mit England den Zeitpunkt näher bringen werde, da auch in Rußland den Iuden dir Gleichberechtigung gewährt werden wird. Eme Organisation der spaniolischen Iuden in Amerika. Das seit einiger Zeit erscheinende spaniolisch-jüdische Organ „La America" in Newyork hat bereits einen interessanten Erfolg aufzuweisen. Es ist die Ralliirung der aus dem Orient nach Amerika ausgew änderten spanwlischen Iuden und die Schaffung einer Gesamtorganisation derselben, deren Zweck hauptsächlich philanthropischer Natur ist. Das Blatt konstatiert, daß die Auswanderung der spaniolischen Iuden nach Amerika immer größere Dimensionen annehme und daß auch die spaniolichen Iuden sich hauptsächlich in deu größeren Städten ansiedeln, wo sie bereits eigene Klubs bilden. Eme Reise des türkischen Grotzrabbiners nach Europa. Der Eroßrabbiner der Türkei, Rabbi Chaim Nahum, wird in kurzer Zeit eine Reise nach Europa antreten, um mit den Führern der großen jüdischen Organisationen ein Uebereinkommen wegen der Regelung der Chalukkafrage in Palästina zu treffen. Wie Rabbi Nahum einem Vertreter der „Aurore" erklärte, sei diese Idee von dem Londoner jüdischen Philanthropen Franklin ausgegangen, der dem Großrabbiner gegenüber die Meinung äußerte, daß die Chalukka auf eine ganz neue Grundlage gestellt werden müsse, was jedoch nur im Einvernehmen und nach einer gründlichen Rücksprache mit den in Betracht kommenden Faktoren in Europa durchgeführt werden könne. Der Eroßrabbiner beabsichtigt, diese Reise, wie er erklärte, im Monat April zu unternehmen, und hat zu diesem Zwecke bereits um einen einmonatigen Urlaub angesucht. Rabbi Nahum hat in seinem Gespräche mit dem genannten Journalisten auch die Behauptung des Jerusalemer hebräischen Blattes „Haor" dementiert, wonach der Großrabbiner die Absicht habe, seine Reise bis nach Amerika auszudehnen, um dort einen Fond von zwei Millionen Franken behufs Reorganisierung und Reformierung der türkischen Iudenschaft aufzubringen. Von dieser Behauptung sei, wie Rabbi Nahum versichert, nur das Eine wahr,. daß der gewesene amerikanische Botschafter in der Türkei, Oskar Strauß, dem Gryßrabbiner tatsächlich den Vorschlag machte, zu . einer Konferenz nach Amerika zu kommen, wo es ihm sicher gelingen würde, eine Million Franken für den genannten Zweck zu beschaffen. Rabbi Nahum habe aber diesem Vorschläge entgegengestellt, daß die Reformaktionen, das heißt die Errichtung von Schulen und anderen kulturellen Institutionen zumindest einen Fonds von zwei Millionen Franken erheischen. Die Ursache des Niederganges der Iuden im Orient liege seiner Meinung nach darin, daß die einzelnen Iudengemeinden ohne jede MUtel sind und daher sich nicht in der Lage befinden, alle jene Institutionen zu schaffen, welche zur Hebung des Selbstbewußtsems der Iuden im Orient unerläßlich find. Eine Reise nach Amerika liege nicht in den Plänen des Großrabbiners. Antisemitismus in Paris. In Paris macht sich, wie von dort berichtet wird, eine heftige Agitation gegen die überhandnehmende Einwanderung russischer, rumänischer und galizischer Iuden fühlbar. Die nationalistischen Blätter bringen täglich Ausweise darüber, wie die Zahl der eingewanderten Iuden immer zunimmt und die Lebensbedingungen in Paris angeblich erschwert. Nach einer Statistik soll die Zahl der Iuden in Paris sich in den letzten zehn Iahren verdoppelt haben. Es werden die bekannten Anschuldigungen vorgebracht, welche die Anhänger der Fremdengesetzgebung in England seinerzeit gegen die eingewanderten jüdischen Arbeiter mit Erfolg ins Treffen geführt haben. Diese antisemitische Propaganda hat sich den Boykott der jüdischen Arbeiter und Geschäftsleute zum vorläufigen Ziele gesetzt, da ihr weiteres Ziel, die Erschwerung der Einwanderung, vorläufig nicht in Erfüllung gehen kann. Einen für die Iuden recht unangenehmen Erfolg hat diese antisemitische Agitation bereits aufzuweisen. Die Hausbesitzer des Bastille-Viertels haben bereits beschlossen, Iuden keine Wohnung zu vermieten, und tatsächlich mußten sehr viele jüdische Wohnparteien diese Gegend verlassen und weit draußen Wohnung suchen. Trotzdem die eingewanderten Iuden die französische Sprache viel rascher und leichter erlernen, als dir jüdischen Einwanderer in England und Amerika die englische Sprache, und obgleich es in Paris eine große Zahl unentgeltlicher Kurse zur Erlernung der französischen Sprache für jüdische Arbeiter gibt, wird diesen der ungerechte Vorwurf gemacht, daß sie die Landessprache nicht erlernen wollen und an dem Iargon festhalten. Aus diesem Grunde ist es den jüdischen Arbeitern schwer, in den Fabriken und Werkstätten Arbeit zu bekommen. Der Direktor der russischen Reichsbank für die jüdischen Kaufleute. In Kiew fand dieser Tage unter Vorsitz des Direktors der russischen Reichsbank. Athanasieff, eine Beratung der Kiewer Bankdirektoren über die gegenwärtige Lage des Handels in Rußland statt. Nahezu sämtliche Anwesende gaben der Anschauung Ausdruck, daß die Tatsache, daß einer bedeutenden Gruppe jüdischer Kaufleute das Handelsrecht entzogen wurde, große Fallissements zur Folge haben werde, wodurch der gesamte Handel und die Industrie nicht nur in Kiew allein, sondern auch in den übrigen Handelszentren Rußlands arg geschädigt werden wird. Die Konferenz beauftragte den Direktor der Reichsbank, sich mit dem Ansuchen an die Regierung zu wenden, den betreffenden Iuden das ihnen entzogene Handelsrecht sofort wieder einzuräumen. Direktor Athanasieff, der der Resolution gleichfalls zugestimmt hatte, hat sich des ihm gewordenen Auftrages unverzüglich entledigt. Die Aktion der Bankdirektoren wird übrigens durch eine separate Aktion des Kiewer Börfenrates unterstützt.