Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-02-09 · 6 (9.2.1912) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021981-3021988--20893-3045957
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 6 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 87 sons Bestreben war, die Regeneration des Judentums, die Belebung des religiösen Geistes, die Stärkung des Glaubens, vor allem die Befestigung und Verbreitung der Grundideen des Judentums, seiner einzigartigen Gottesidee, seiner ethisch-sozialen Gesetzgebung, und vor allem seines Messiasglaubens, der die Menschen verbrüdert, die Völker verbindet, den ewigen Frieden herbeiführt. Diese Gedanken wurde Philippson nicht müde, in seiner Zeitschrift und in besonderen Werken hervorzuheben: er hat dadurch nicht nur die Glaubenstreue der Juden gestärkt, sondern auch weiten christlichen Kreisen die Erhabenheit der jüdischen Religion nahe gebracht. Dadurch hat sich Ludwig Philippson auch um die religiöse Entwicklung des Judentums unsterbliche Verdienste und den Anspruch auf den Dank aller Zeiten erworben. In dem dem Vortrage vorangehenden geschäftlichen TM der Sitzung wurde nach Erstattung des Iahresberichtes der bisherige Ausschutz und Vorstand wiedergewählt. Der Jahresbericht ist, wie früher, kostenlos vom Büro der Gesellschaft, Berlin R. 24, Grotze Hamburgerstratze 29, zu beziehen. Eine neue Wendung in der Affäre des Kiewer Knabenimsordes. Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält folgende Telegramme: Kiew, 1. Februar 1912. Seit Jahresfrist wird die Oeffentlichkeit in Rutzland durch einen Ritualmordprozetz in Kiew in Erregung erhalten. Ein gewisser Justschinsky wurde in Kiew ermordet aufgefunden. Da man den Mörder nicht ausfindig machen konnte, so wurde von den reaktionären Gesellschaften in Kiew daran gearbeitet, den Mord als einen Ritualmord hinzustellen und gegen die Juden auszubeuten. Es wurde ein Jude in Haft genommen, dem in dieser Woche der Prozetz gemacht werden soll. Nunmehr hat ein bekannter Journalist, Stephan Bruschkowski in Kiew, sensationelle Enthüllungen gemacht, zu denen er auf Grund eines umfangreichen gesammelten Materials gekommen ist. Hiernach ist der Mord das Werk einer berüchtigten Verbrecherbande, die unter Leitung des in Kiew ansätzigen französischen Staatsangehörigen Mifle und der Verwandten des ermordeten Justschinskys steht.'Für Mifle und Konsorten war die Beseitigung Justschinskys notwendig, weil dieser Kenntnis von ihrem verbrecherischen Treiben hatte und sie Verrat von seiner Seite fürchten mutzten. Zwei Zeugen, die mit der Verbrecherbande in Beziehung standen, die ehemalige Geliebte Mifles, Tfchebyrjakowa, und der Tischler Petrow, haben autzerordentlich schwerwiegende Tatsachen bekundet, die zur Feststellung der wirklichen Mörder führen müssen. Gestern hat nun Brasil Bruschkowski der Kiewer Staatsanwaltschaft sein Material übermittelt und die beiden genannten Zeugen der Staatsanwaltschaft vorgeführt. Die anwesenden Staatsanwaltsgehilfen weigerten sich aber, die Bekundungen der Zeugen, die die Situation völlig ändern und Licht in das Dunkel bringen, entgegenzunehmen, und begründeten ihre gesetzwidrige Weigerung damit, datz der Hauptstaatsanwalt in Angelegenheit Justschinsky nach Petersburg abgereist sei. Die Weigerung, solch' wichtige Zeugen zu vernehmen, ist umso unerhörter, well der Prozetz wegen des Mordes Justschinskys schon in dieser Woche beginnt, und weil sich gerade jetzt der Ministerrat. der auch höheren Ortes zu berichten beauftragt ist, mit der Angelegenheit befatzt. In der Kiewer Bevölkerung, auch in der nichtjüdischen, herrscht über diese Vorkommnisse eine autzerordentliche Aufregung, da man mehr und mehr zu der Ueberzeugung gelangt, datz 'man die Wahrheit in der Angelegenheit Justschinsky unterdrücken und die Juden als Schuldige hinstellen will, um einen Vorwand zu haben, gegen die Juden zu hetzen und Unruhen und Pogrome hervorzurufen. Kiew, 2. Februar 1912. Die rätselhafte Mordaffäre Justschinsky in Kiew, die ganz Rutzland seit einem Jahre in Aufregung hält, die manchen Ministerrat und selbst die Duma beschäftigt hat, ist jetzt ihrer Aufklärung nahe. Die gestern gemeldeten Enthüllungen des Journalisten Brasul Bruschkowski füllen ganze Spalten der Kiewer und sonstigen russischen Zeitungen. Unter dem Drucke der öffentlichen Meinung hat auch die Kiewer Staatsanwaltschaft ihre anfängliche gesetzwidrige Haltung aufgeben müssen. Noch spät am Mittwoch Abend wurde dem Verlangen Brasuls nachgegeben und er und seine Zeugen einem fünfstündigen Verhör unterworfen. Die von Brasul angegebenen Zeugen machten für Mifle und seine Bande sehr gravierende Aussagen. Der Tischler Petrow hat kurz vor der Ermordung Justschinskys gesehen, wie Mifle eine Schusterahle präparierte. Nach der Ermordung Justschinskys fanden zwei Knaben, der Knabe Tschebyrjakow, der später merkwürdigerweise ebenfalls einen rätselhaften Tod fand, und der Knabe Sarutsky, diese Ahle. Sie war voll Blut. Neben der Ahle fanden sie an der Mordstelle auch eine eigentümliche Feile. Als Mifle Kenntnis von diesem Fund erhielt, wurde er sehr erregt und befahl, diese Gegenstände in eine Klosettgrube zu werfen. Die Mutter des getöteten Knaben Tschebyrjakow und der Knabe Sarutsky machten nach dieser Richtung die bestimmtesten Aussagen. Zugleich erzählte die Mutter, eine ehemalige Geliebte Mifles, von geheimnisvollen Zusammenkünften Mifles und seiner Genossen Neschinski, Prichodko. Nasarenko und anderen vor und nach der Ermordung Justschinskys. Sie schwuren sich gegenseitig, das Geheimnis ihrer Verschwörung zu wahren und bekräftigten ihren Schwur mit ihrem Blut, indem sie sich Einschnitte in die Hand machten. Mifle äutzerte mehrmals vor Petrow, datz seine ehemalige Geliebte ihn zugrunde richten würde, und er stellte daher ihrem Leben nach. Durch Verbreitung des Märchens von einem Ritualmorde, versuchte die Verbrecherbande, den Verdacht von sich abzulenken. Zur Chief-Rabbi-Frage in England. Aus London wird geschrieben: In der Frage der Neubesetzung des englischen Oberrabbiner-Postens ist ein ernster Konflikt zwischen den von Lord Rothschild geleiteten United Synagogues und der unter Führung Lord Swaythlings stehenden Federation of Synagogues ausgebrochen. Die Folge dieses Konfliktes ist, datz die Federation es endgültig ablehnt, an der Wahl des Chief-Rabbi teilzunehmen. Zwischen den beiden Synagogenverbänden hat nämlich ein längerer Briefwechsel bezüglich des Modus der Chief-Rabbi-Wahl stattgefun-- den. ohne datz eine Einigung in dieser Frage erzielt werden konnte. Während die United Synagogues den Standpunkt einnehmen, datz die einzelnen Synagogen und Synagogenverbände nach der Höhe ihres Beitrags zum Gehalt des Chief-Rabbi (dem .sog. Chief-Rabbi's- Fund) in der Wahlversammlung vertreten sein müssen, stellt die Federation of Synagogues die Forderung auf. datz die Mitgliederzahl allein matzgebend sei für die den einzelnen Körperschaften einzuräumenden Wahlstimmen. Da die Federation den ..Vereinigten Synagogen" numerisch überlegen ist - sie umfatzt 51 Synagogen mit insgesamt 6500 Mitgliedern - erklärt sie, sich mit den ihr angebotenen 20 Wahlstimmtzn. gegenüber den 340, die die United Synagogues für sich in Anspruch nehmen, nicht begnügen zu können. Die Federation hält es überhaupt für ungerecht und undemokratisch, datz bei der Wahl des religiösen Ober-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.