Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 86 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 6 tigen Gegenstand enthalten so viel interessantes und wichtiges Material, datz wir auf dieselben in unserer nächsten Nummer in einer besonderen Besprechung zurückkommen werden. Hier sei bloß erwähnt, daß der vorgeschlagene Reformlehrplan, der vorläufig versuchsweise bloß in drei Mittelschulen in Anwendung gebracht werden soll, nach längerer Debatte angenommen wurde. Wien. Die „Lhewra Kadischa" für den 16. und 17. Bezirk hiÄt am 21. Jänner 1912 ihre 7. ordentliche Generalversammlung ab, welche unter zahlreicher Teilnahme der Mitgliedschaft und in Anwesenheit des Obmannes der Bezirkskommission, Herrn Dr. Jakob Deutsch, als Delegierter des Kultusvorstandes, sowie vieler Vertreter der Vereine des Bezirkes einen würdigen Verlauf nahm. Der Vorsitzende Obmann Siegmund Weiler konnte in seinem beifälligst aufgenommenen Jahresberichte auf den Aufschwung dieses humanitären und frommen Vereines und die Tatsache Hinweisen, datz die „Chewra Kadischa" an die Hinterbliebenen seiner Mitglieder temporäre Unterstützungen, an ihre Bräute Ausstattungsbeiträge zur Auszahlung brachte und Medikamente an ihre Ortsarmen unentgeltlich verabfolgen lietz. Insbesondere entfaltete der Vorstand unter Mitwirkung ihres Sekretärs eine nachahmungswürdige Tätigkeit bei Delogierungen armer Glaubensgenossen In der konstituierenden Sitzung des Vorstandes wurden die Herren Siegmund Weiler zum Obmann, Eduard Politzer zum Obmannstellvertreter, Moritz Pick zum Kassier abermals, Herr Ottomar Katz zum Kontrollor neu gewählt. Zu Vorstandsmitgliedern sind gewählt die Herren: Moritz Auspitz, Philipp Blau, Dr. Jakob Deutsch, Samuel Fischer, Heinrich Kornmehl, Eduard Leipen, Wilhelm Mandl, Sigmund Schickler, Samson Schreiber, Artur Unterberg und Salomon Weitzmann. Als Revisoren erscheinen die Herren Alexander Goldblatt und Dr. Adolf Wölfler gewählt. Der Fürstprmws wwt Ungarn über Leichenverbrennung bei Christen und Inden. Da sich die hauptstädtische Finanzkommission für die fakultative Leichenverbrennung entschieden hat, richtete die Lokalkorrespondenz „Magyar Kurir" an den Kardinal Fürstprimas Klaudius Vasfary die Anfrage, welche Stellung die katholische Kirche in dieser Frage einnehme. Er antwortete: „Die Leichenverbrennung widerspricht der christlichen Auffassung. Die christliche Tradition versenkt die menschliche Leiche ehrfurchtsvoll in das Erdreich, damit sie durch die Erde zu Staub werde und nicht durch das Feuer, das die irdischen Ueberreste des Menschen gewaltsam und in einer der natürlichen Verwesung widersprechenden Weise vernichtet. Die Leichenverbrennung, deren kirchliches Verbot ein Ausflutz der pietätvollen Gefühle der Gläubigen ist, wurde niemals ausgeübt, und die religiöse Ueberzeugung ist davor ebenso^ bei Christen wie bei Juden und Heiden zurückgeschreckt. Die Leichenverbrennung werde bei den Juden als eine Schande und Entehrung betrachtet. Ein schlagender Beweis für die religionsfeindliche Tendenz der Leichenverbrennung ist die Tatsache, datz diese Idee zum erstenmal von der französischen Revolution aufgeworfen wurde, und die Franzosen auch damit gegen die Kirche demonstrieren wollten. Die Leichenverbrennung greift auch in die Gefühle Einzelner und ganzer Familien tief ein, und auch der patriotische Gesichtspunkt darf nicht auher acht gelassen werden, denn die Scholle, in der unsere Teuren ruhen, bindet uns mit zwingender Macht an das Land. Ich und das Episkopat wären genötigt, im Falle der Errichtung von Krematorien, die Gläubigen zu verwarnen, und wir werden den zu verbrennenden Leichen die kirchliche Bestattung verweigern. Wir werden unserer Pflicht bewutzt handeln." Der deutsche Handelsminrster über die Patzfrage. Zu der Frage der Behandlung ausländischer Handlungsreisender jüdischen Glaubens in Rutzland hat der deutsche Handelsminister den Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin eine weitere Mitteilung zugehen lassen. Nach ihr ist die vor einiger Zeit veröffentlichte Verfügung des Polizeimeisters von Kiew, laut der die Beschränkung des Wohnrechtes ausländischer Juden innerhalb der Stadt Kiew aufgehoben wurde, zu Unrecht erfolgt. Es behält vielmehr auch in Zukunft bei den bisherigen Patzvorslchriften sein Bewenden, wonach auch nur vorübergehend nach Kiew kommende fremde Staatsangehörige mosaischer Konfession ihren Aufenthalt ebenso wie die russischen Reisenden dieser Konfession lediglich in den Stadtteilen Lybed und Plotzki nehmen dürfen, falls ihnen nicht von seiten des zuständigen Ministeriums die Erlaubnis zum Wohnen auch in den übrigen Stadtvierteln erteilt worden ist. Die Aeltesten bedauern diese Haltung der russischen Behörden auf das lebhafteste und werden abermals ein gemeinsames Vorgehen der Regierungen Deutschlands, Frankreichs, Englands und der Vereinigten Staaten bei Rutzland in dieser Frage anregen. Wenn auch der russischen Regierung keine Vorschriften über die Stellung zu ihren eigenen Staatsbürgern gemacht werden können, und die ungleiche staatsrechtliche Behandlung der christlichen und der jüdischen Russen aus allgemein kulturellen Gründen auf das tiefste zu beklagen ist, so müssen doch die ausländischen Staaten von Rutzland verlangen, daß es ihre Staatsangehörigen, wie diese Staaten es selbst tun, gleichmätzig behandelt. VeMii. In der Generalversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, welche hier am 3. Jänner stattfand, sprach Herr Dozent Dr. I. Elbogen-Besrlin über Ludwig Philippson. Der Redner ging vom Charakter Ludwig Philippsons aus, seiner unerschütterlichen Festigkeit und seiner Unendlichen Menschenliebe, die ihn Zu 'einer unvergleichlich ausgedehnten und nachhaltigen Wirksamkeit befähigten. Unter seinen Werken stellt er die Begründung der Allgemeinen Zeitung des Judentums in den Vordergrund, die, an sich von epochemachender Bedeutung, wie ihr Jost schon 1847 bezeugte, das Mittel zur Beeinflussung der weitesten Kreise wurde und Philippsohns bewunderungswerten, organisatorischen Ideen Verbreitung und Erfolg sicherte. Unter diesen werden besonders die Bibelgesellschaft und das Institut zur Förderung der jüdischen Literatur hervorgehoben. Vor allem aber fatzte Philippson es als eine Mission auf, an der äutzeren und inneren Befreiung der Juden zu arbeiten, zur äutzeren trug er ganz besonders in Preutzen bei, wo er wiederholt die Gemeinden vereinte, für die Gleichberechtigung zu kämpfen, gegen reaktionäre Absichten der Regierung oder der Parteien Sturm zu laufen. Aber auch autzerhalb Deutschlands hielt er sein Augenmerk stets auf die politischen Verhältnisse gerichtet, um dadurch die Gleichberechtigung der Juden zu fördern. Die innere Befreiung erstrebte er durch Verbesserung des religiösen Unterrichts, für den er bahnbrechend wirkte, durch Veredlung des Gottesdienstes vermöge der Einführung der regelmätzigen deutschen Predigt, die das iGemüt erregen, den Glauben stärken sollte. Er war kein Reformer im Sinne der Bestrebungen seiner Zeit, er nahm in den Parteistreitigkeilen eine vermittelnde Stellung ein, begründete den Standpunkt des historischen Judentums, der, bei aller fortschrittlichen Gesinnung, an den ewigen und unvergänglichen Grundlagen des Judentums festhielt, vor allem an den Lehren und Vorschriften der mosaischen Ueberlieferung. Ludwig Philipp-