Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 6 (9.2.1912)
- Date
- 1912-02-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 82 Dr. Blochs WochMschrift Nr. 6 reichen, das sie sich bei ihrer Taufe gesteckt haben. Aber ihren Ehrgeiz auch noch aus Kosten der jüdischen Interessen zu befriedigen, von denen sie nichts wissen wollen, wäre -wahrhaftig mehr als. Dummheit. Man kann doch kein -Vertrauen zu einem Menschen haben, -der seine natürliche und erste lleberzeugung und Gesinnung so ohne weiteres von sich geworfen hat. Man kann ihm wohl auch keine Geschenke machen von Seiten derer, denen er verächtlich den Rücken drehte. Wenn die Getauften durchaus am politischen Leben teilnehmen wollen, so mögen sie stch an jene Bezirke wenden, in welchen durchaus ihre neuen Glaubensgenossen wohnen. Die alten -haben mit ihnen solche Erfahrungen gemacht, datz sie weitaus lieber einen Christen wählen, als einen getauften Juden. Das möge das freisinnige Wahlkomitee bedenken und nicht neue Kämpfe und Zwistigkeiten heraufbeschwören, indem es die Täuflinge in den Vordergrund treten läßt. Die Juden wollen nur von Juden vertreten fein. Von genügend charakterfesten, aber auch genügend vielen. Auch diesen letzteren Punkt soll das freisinnige Komitee bedenken. Wir haben genug aus der Vergangenheit gelernt, um unseren nationalen Besitzstand nicht .mehr preiszugeben und unsere Interessen nicht mehr dem Zufall anzuvertrauen. Jüdische Vertreter in die jüdischen Bezirke. Wenn die Oeffentlichkeit beherzte jüdische Männer hören wird, so ist das für den freisinnigen Gedanken nur vom Vorteil. Wir wollen nicht arische Anwälte im Parlament, die für uns wie Verteidiger für Angeklagte sprechen, sondern wir wollen jüdische Vertreter ihres eigenen und unseres Rechtes. Gm Knnd der Frauen. Das imposante Eintreten der Frauen anderer Konfessionen für religiöse Interessen, das sich nur zu oft bis zum Fanatismus steigert und von unschätzbarer Bedeutung für das siegreiche Vordringen ihres Glaubens ist, muh naturgemäh die Frage in uns aufkommen lassen, welch' unbegreiflichen Ursachen es wohl zuzuschreiben sei, dah ein Teil unserer heutigen jüdischen Frauen nicht allein dem absoluten Glaubensindifferentismus huldigt, sondern nur allzuoft direkte Feindseligkeit gegen eine Religion an den Tag legt, die allein der Welt den Glauben an den einzigen Gott gegeben und durch ihre Satzungen die Frau zur Göttin in der Familie dekretierte. Ganz und gar im Gegensätze zu jenen jüdischen Frauen alter Zeiten, die für ihre Religion alles zu erdulden bereit waren, müssen wir heute die traurige Tatsache konstatieren, dah unsere Frauen sich den jüdischen Interessen gegenüber höchst ablehnend verhalten. Und doch wäre gerade die Jüdin dazu prädestiniert durch die Versalität ihres Geistes, durch die Sympatien, die sie einflöht, durch ihr Beispiel, das die Tugenden fördert, durch ihren Mut, der Hoffnung einflöht, — zu einem bedeutenden Faktor der Propaganda für unseren Glauben zu werden. Wenn es diesem alten, unausrottbaren Stamme, der seit Jahrtausenden allen Stürmen der Zeit, allen Axthieben seiner zahlreichen Feinde zu trotzen vermocht, dem auch nicht allzusehr zu schaden vermag, wenn ihm hie und da ein morscher Zweig aöfällt, da soviel des gesunden Saftes und der sich immer verjüngenden Treibkraft in seinen Wurzeln vorhanden ist, dah er sich zu stets neuer Blüte entfaltet, so erleiden dafür durch ihren Unglauben den gröberen Schaden diejenigen, denen — wie ganz besonders den Frauen — jener gewisse Grad von Religiosität vonnöten ist, der sie selbst veredelt und auf die Erziehung ihrer Kinder wohltätig einwirkt. Es ist evident, dah bei einem grohen Teile der Frauen ihr religiöses Empfinden auch für ihre. Handlungsweise eine moralische Garantie bietet, dah ihr Pflichtgefühl sehr oft mit ihrer Religiosität gleichen Schritt hält, darum erscheint es umso wünschenswerter im Interesse ihrer ethischen Entwicklung, diesen Schutz, diese Krücke für sie herbeizuwünschen, zu ihrem Nutz und Frommen sowohl, wie dem der durch sie zu erziehenden Kinder. Es wäre vergebliche Mühe, in der Reform des Religionsunterrichtes allein jenes Allheilmittel zu erblicken, das imstande wäre, das religiöse Empfinden unserer Jugend zu vertiefen. Jnsolange nicht auch das häusliche Milieu von religiösem Gefühle durchtränkt erscheint, insolange nicht auch im Hause ein gläubiger Geist waltet und Man bestrebt ist, den Kindern die lleberzeugung von der Vorlrefflichkeit und dem sittlichen Werte unserer Religion dadurch beizubringen, dah man sie selbst hochhält — solange ist an eine Besserung der geradezu erschreckenden Jrreligiositätsverhältnisse bei den Heranwachsenden Geschlechtern nicht zu denken. Die Liebe zur Religion kann in der Schule nicht, wie die Religion selbst, erlernt werden, sondern muh den Kindern hauptsächlich von Muttern kommen. Was kein Gottesdienst, kein Unterricht, keine Form und kein Dogma zuwege bringen, das vermag allein der Mutter eignes, gläubiges Empfinden bei ihren Kindern durchzusetzen. Da aber der Frauen gläubiges Empfinden nicht allein für das Gedeihen der Familie von Höchster Wichtigkeit ist, sondern auch sonst als die Pflanzstätte aller edlen, altruistischen Gefühle erscheint, die wieder dem Gemeinwohle zugute kommen, so erweist sich die Frau, die Religion hat, auch als der siegreiche Apostel zur Propagierung allerlei philanthropischer Ideen und sozialer Reformen. Von diesem Standpunkte scheinen diejenigen ausgegangen zu sein, die bestrebt waren, die allzu locker gewordenen Bande, die die Judenschaft, und ganz besonders die jüdischen Frauen, heute mit dem Judentume verbinden, durch einen Bund der Frauen wieder zu festigen, der den Zweck hat, ihre Religiosität, jenen ewig sprudelnden Quell all ihrer Tugenden,. zu fördern, damit durch ihre Glaubenstreue die mächtige, der ganzen Welt imponierende jüdische Solidarität in der Familie und Gesellschaft wieder zu Ehren komme! Aber auch jene innere Entfremdung, die zwischen den einzelnen Gruppen und Schichten unserer Konfession allerorten besteht, sie fordert geradezu gebieterisch eine Vereinigung der kulturell auf gleicher Stufe stehenden Elemente, um diese durch Hervorhebung all dessen, das sie zu einigen vermag, nur halbwegs näher zu bringen, damit sie sich auf den verschiedensten, das Judentum betreffenden Gebieten zu gemeinsamer Beratung und Arbeit zusammenfinden. Der Bund soll daher die jüdischen Frauen, die bisher in so vielfache Kategorien zerfielen — zu einem Ganzen einigen, damit sie, höheren Idealen nachstrebend, nicht allein das allgemeine Wohl des Judentums kraftvoll und machtvoll fördern, sondern auch für jede andere fortschrittliche Bewegung auf sozialem und humanitärem Gebiete zu Pionieren werden. Wie solch ein Frauenbund sich seiner hehren Aufgaben entledigt, sehen wir in England und Amerika, wo solche jüdische Frauenvereinigungen längst bestehen, die nächst der Pflege religiöser Interessen ihre Hauptaufgabe darin erblicken, ein gutes Stück sozialer Arbeit zu vollbringen. Durch seine Beeinflussung wird vor allem die Kenntnis von all denbisher der Mehrheit unserer