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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-02-09 · 6 (9.2.1912) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
6 (9.2.1912)
Date
1912-02-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 6 Jahrgang ttit Dr. Bloch’s Zefttralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. =Oo r Ä. ft. Poflsparksffrnsrnt Q (Neartng-Verkebr «r. 610.976. Redattion und Administration. Wtxn u/i, Hahugasie Nr. 15. l) Telefon Nr. 14.847. nP - -- -On ——-ar: □- Wien, 9. Februar 1912 Br scheint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, ix/i, Hahngaffe 15 Telegramm-Adrefle: Gioch^S Wocdenschrift. Wien. O CF.- ■=Ö o p B*jU00t>rrfa für Vrktrrreilst: Q Halbjährig 8 Kronen: Sinzelexemviare 50 Heller. Für'» Nualand: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2nalgespal» 3 lene Pertrzeile -i« Heller. C, O O -Qo Inhalt: Leitartikel: Täuflinge und Juden. — Ein Bund der Frauen. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Gleichstellung Jerusalems mit Mekka. Hohe Auszeichnung. Ein Exemplar des altpalästiner fischen Hohlmaßes Efah. Ein Jude Professor an einer katholischen Universität. Von der deutschen Orientgesellschaft. Der Tod eines jüdischen Troppislen. Eine englisch-jüdische landwirtschaftliche Schule. Ein jüdisches Tagblatt in rumänischer Sprache. — Korrespondenzen: Ans der öffeutlichen Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde vom 6. Februar 1912. Wien. Der Fürstprimas von Ungarn über Leichenverbrennung bei Christen und Juden. Der deutsche Handelsminister über die Paßfrage. Berlin. Eine neue Wendung in der Affäre des Kiewer Knabenmordes. Zur Chief-Rabbi-Frage in England. Das einzige Land, in welchem der Antisemitismus unbekannt ist. Die Emigrationsberatung in Petersburg. Eine wichtige Rede des Präsidenten Taft. Der englische Besuch in Rußland und der Dumadeputierte Nisselowitsch. Eine Organisation der spaniolischen Juden in Amerika. Eine Reise des lürklschen Großrabbiners nach Europa. Antisemitismus in Paris. Der Direktor der russischen Reichsbank für die jüdischen Kaufleu/e. Der neue Oberrabbiner der Federation. Der Nestor der deutschen Journalisten. — Vermischtes. — Feuilleton: Der Rabbiner. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Tiinstinge und Juden. Eine Kandidatenfrage der Gemeindewahlen. Die nächsten Wahlen kn den Wiener Gemeinderat werden ohne jeden Zweifel eine vernichtende Niederlage für die Christlichsozialen bringen. Sie selbst haben sich gestürzt. Bei dem Kampfe an der Krippe haben sie sich gegenseitig mit allen Mitteln zu verdrängen gesucht, darunter auch mit der Wahrheit. Das war allerdings das wirksamste. Was immer von den antisemitischen Matadoren behauptet wurde, haben sie nun selbst bewiesen, und in allen Sitzungen des Landtages und Gemeinderates, in ihren eigenen Versammlungen und Blättern der Wählerschaft offenbart. Nach so krassen und massenhaften Fällen von Korruption wird wohl jeder Kandidat eher in den Gemeinderat gewählt werden, als ein christlichsozialer. Allerdings ist die Sorge der Freisinnigen darum noch lange nicht vorüber. Die Wahlkorruption ihrer Gegner bedeutet noch immer eine große Macht, und es wird alle Mühe notwendig sein, um die Majorität nicht aus der Hand zu lassen. Es wäre daher sehr angezeigt, daß die freisinnigen Parteien schon jetzt mit ihren Vorbereitungen anfangen und sich umsomehr anstrengen, als ja bekanntlich Wien für das ganze Reich diesseits der Leitha politisch ein ausschlaggebendes Beispiel ist. Noch aus einem anderen Grunde ist ein möglichst frühes Beginnen wünschenswert. Es handelt sich nämlich auch um eine vorsichtige Auswahl der Kandidaten. Lange war in der freisinnigen Partei eine Art patriarchalisches System fnt Schwang. Wer einmal eine politische Stellung inne hatte, mußte sie auch behalten, mochte er etwas laugen oder nicht. Es schien den Herren besser, daß die Partei schlecht vertreten wäre, als daß sich der Abgedankte etwa beleidigt fühlen könnte. Mit diesem System ist nun teilweise gebrochen worden. Bei den letzten Wahlen hat man einige recht tüchtige Vertreter in die Gemeindestube geschickt, welche sich dort bestens bemerkbar gemacht haben. Aber noch immer haben Protektionen, Famstienverbindungen und Kompromisse eine viel zu große Rolle gespielt, und im Rathaus sitzen noch immer einige Männer, welche im Interesse der freisinnigen Partei viel besser hinter dem Ofen säßen. Nur wer wirklich etwas kann und versteht, soll Geltung haben, und der Ehrgeiz der Frau Gemahlin darf nicht stärker sein, als die Unfähigkeit des Mannes. Auch noch eine andere sehr wichtige Frage ist zu erledigen. In einer Reihe von Bezirken geben nämlich die Juden den Ausschlag unter den Wählern. Gerade in diesen drängen sich nun die Getauften leidenschaftlich unter die Kandidaten. Es ist das ein recht natürlicher Vorgang. Denn die Taufe der Juden erfolgt in den meisten Fällen aus Ehrgeiz. Ihr Zweck ist entweder das Eindringen in eine angeblich höhere Gesellschaft oder das Vordringen in eine höhere Stellung. Die Politik ist nun auch ein Feld zur Betätigung von Ehrgeiz. Da kommen nun die Getauften in ganzen Scharen herbei, um sich Beute zu holen. Sie berufen sich dabei auf den Freisinn und sagen, daß jeder nach seiner Fasson selig werden dürfe und daß Religion Privatsache sei. Gewiß ist Religion in der Politik Privatsache, aber der Charakter ist eine öffentliche Sache und die Taufe ist eben ein Mangel an Charakter. Diese Altkatholiken — das sind die Leute, die erst im Alter Katholiken geworden sind — wollen doch den Witz nicht machen, daß sie das Christentum aus Ueberzeugung aufgesucht haben. Sie wollen die Leiden und Nöten der Juden nicht mehr mitmachen, sie sind einfach desertiert, verstecken sich, verleugnen s ich, sind zum Feinde übergegangen. Man kann es gewiß als Regel und Grundsatz aufstellen, daß die Kinder und Abkömmlinge der Gelausten die ärgsten Feinde der Juden werden. Wie denn nicht! Wie sehr muß einer das Judentum hassen und verachten, der es von sich geworfen hat, und in welchem Sinne wirkt er nicht auf seine Familie ein! Wenn es aber gilt, von den verlassenen und verratenen Juden einen Vorteil zu ergattern, dann wenden sich ihre Feinde wieder um und kommen mit bittenden Händen im Namen des Freisinns. Sie jedoch haben den Freisinn verleugnet. Denn wenn ihnen Religion wirklich Privatsache ist, warum haben sie dann zu ihrer ersten noch eine zweite angenommen? Sie mögen ja immerhin das erste Ziel er-

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