Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 5 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 77 Feuilleton. Im Arrest. Im Herbste jenes Jahres traurigen Angedenkens, in welchem Frankreich von dem zweiten Dreyfus-Prozesse zu Rennes und Oesterreich von dem Hilsner- Prozesse, den der Staatsanwalt mit naiver Uebertreibung eine österreichische Dreyfus - Affäre genannt hatte, aufgewühlt wurden, stand ich vor dem berüchtigten „Holzinger-Senate" unter der Anklage, mit einem deutschen Zeitungsartikel die tschechischen Geschworenen von Kuttenberg beeinflußt zu haben. Man verdonnerte mich zu sieben Tagen Arrest. So zerknirscht war ich, mir so sehr der schweren Versündigung an der Iustizhoheit des Staates und an der Seelenreinheit der zwölf Männer aus dem Volke, die ich von dem Pfade der Wahrheit und des Rechtes hatte abbringen wollen, bewußt, daß ich auf jedes Rechtsmittel verzichtete und an einem bitterkalten Wintermorgen die Strafe antrat. Ich war also ein politischer Sträfling. So oft ich mir diese Worte wiederholte, schwoll mein Herz in Kummer über meine seelische Verderbtheit. Denn so sehr ich mich auch bemühte, ein reuiger und bußfertiger Sünder zu sein, so eindringlich ich mir auch immer wieder die Schwere meines Vergehens vorhielt, irgendwo in meinem Hirnkasten saß ein loser Schalk, der sich über den ganzen Krimkrams von Schuld und Sühne, über die ganze hochnotpeinliche Prozedur vor den Richtern und über die mir nun bevorstehenden Schrecken des „grauen Hauses" lustig machte. Ja, um es gleich zu gestehen, dieser Schalk war es. der mir zugeraunt hatte, die mir gebotene Gelegenheit zu einer Strafumwandlung auszuschlagen und meine sozialen Kenntnisse durch einen intimen Einblick in das Milieu eines Gefangenhauses zu bereichern. An jenem kalten Wintermorgen fuhr ich also mit Sack und Pack, d. h. mit einer Handtasche, einer dreiteiligen Matratze und einem Roßhaarpolster am Tore des Landesgerichtes vor und meldete mich im Bureau des gestrengen Hofrates. Ein junger Auskultant empfing mich und bedeutete mir, daß ich warten müsse, weil der Chef anderweitig beschäftigt sei. Ich muckste nicht und wartete. Nach einer halben Stunde ungefähr hatte der Auskultant einen anarchistischen Einfall. Er empfand es offenbar als eine gesellschaftliche Unart, mich solange stehen zu lassen. Da er aber nicht wußte, ob ich ein Raubmörder oder ein künftiger Minister sei, zog er sich durch die folgende feine Wendung aus der Verlegenheit: „Ich würde Ihnen so gern einen Sessel anbieten, aber Sie sehen, daß alle mit Akten belegt sind." Ich nickte verständnisinnig und erwiderte dankend, er möge sich doch nicht bemühen und die Akten um Gotteswillen nicht in ihrer Ruhe stören, ich würde ja in den nächsten sieben Tagen genug sitzen. Da der Hofrat noch immer nicht kam, wurde nach einstündigem Hoffen und Harren ein telephonischer Notenwechsel mit ihm eingeleitet und es kam endlich die Weisung, mich in die Aufnahmjekanzlei zu führen. Das war damals ein muffiger Raum, in dem auch tagsüber Gaslicht brannte und fünf oder sechs ehemalige Vicequafeldwebel die Personalstandsregister der P. T. Hausbewohner in Ordnung hielten. Als ich eintrat, forderte mir einer dieser Herren mit freundlichem Grinsen den Hut ab. Ahnungslos wie ein neugeborenes Kind und noch dankbar für so viele Zuvorkommenheit, übergab ich ihm meine Kopfbedeckung. Erst später wurde ich inne, daß dies eine symbolische Handlung gewesen sei und daß ich jetzt erst unwiderruflich zu den Verdammten gehörte. Man hat im Wiener Landesgerichte unendlich viel Zeit. Um acht Uhr war ich in den heiligen Hallen, wo man nur die Rache kennt, erschienen, und um 11 Uhr stand ich noch immer vor dem Bureaulisch jenes edlen Erdensohnes, der mich in den Listen des Strafhauses verewigen sollte. Niemand kümmerte sich um mich. Ein schüchterner Versuch, mich durch Räuspern bemerkbar zu machen, zog mir ein strafendes Stirnrunzeln des Mannes zu, in dessen Schreibfeder mein Geschick gelegt war. In mir wühlte die Reue und der Hunger. Ich hatte nichts als einen leeren Kaffee im Magen. Aus früheren. glücklichen Tagen, da ich noch als freier Mann die Stätte der Gerechtigkeit betreten durfte, erinnerte ich mich eines Würstelmannes, der draußen im Vestibüle die Hungernden atzte und die Durstenden labte. Ich trat auf den Korridor und eilte dem dampfenden Wurstkessel zu. Aber schon nach wenigen Schritten hatte mich eine energische Faust am Kragen und bedeutete mir, daß ich als Sträfling keinen freien Willen mehr hätte. Nun erst ermaß ich die ganze Tücke jenes Menschen, der mir den Hut — das Zeichen des freien Mannes — abgenommen hatte. Es hieß also Weiterhungern, bis man mir endlich die Gnade erwies, mir nach einer weiteren halben Stunde einen Gefangenaufseher als Ehrendienst zur Seite zu geben, der mich zur Leibesuntersuchung führte. Das ist eine nichtswürdige Prozedur. In einem engen Raume drängt sich ein Haufe des konfiszierlichsten Gelichters, Einbrecher, Diebe, Dirnen, kurz der Abschaum der Großstadt. Sie alle müssen sich der Reihe nach hinter einer spanischen Wand vollständig entkleiden. Geld und Geldcswcrt, Messer und andere spitzige Dinge werden ihnen abgenommen und wenn sie hinter der spanischen Wand hervorkommen, tragen sie das große Hemd aus ungebleichter Leinwand und die Zwilchjacke — die Uniform des Strafhauses. Mit ausgesuchter Bosheit nahm man mich als Letzten vor. Aber man behandelte mich glimpflich. Ich wurde nur sanft abgetaschelt, mußte Uhr und Kette, Geldbörse, Brieftasche und Taschenmesser auf den Tisch legen, faßte einen Leib Brot, einen zinner? nen Becher und eine neue Sträflingsmütze aus und — endlich, endlich öffnete sich vor mir die eiserne Türe, die mir den Frieden der Zelle erschloß. Es war die sogenannte Honoratiorenzelle und teilte sie mit einem bekannten Sozialistenführer, der mich mit einem Iubelruf empfing. Der arme Kerl saß schon vier Wochen allein und hatte noch sechs Wochen vor sich. Aber der Demütigungen war noch immer kein Ende. Am folgenden Morgen wurde ich, wieder mit einem Sammeltransport von Gewohnheitsverbrechern, zur ärztlichen Untersuchung geführt und am Nachmittag mit etwa vierzig fragwürdigen Gestalten desselben Kalibers zur „Arbeitseinteilung" befohlen. Ich war ausgerechnet wieder der Vierzigste, der vor den Direktor gerufen wurde, um mir vorlesen zu lassen, daß ich mich den Bestimmungen der Straufhausordnung zu fügen habe. Von da ab hatte ich Ruhe, durfte mit meinem Zellengenossen nach Herzenslust rauchen, eine besondere Vergünstigung des damaligen Iustizministers, hatte um 8 Uhr früh meine Zeitung auf dem Tische, konnte lesen, schreiben, Schach spielen und mich, wenn ich wollte, aus den Kopf stellen, erhielt mein reichliches, selbstbezahltes Essen aus der gutgeleiteten Traiterie des Landesgerichtes und wurde täglich zweimal je eine Stunde mit der sogenannten „Kleinen Straf'", das sind die wegen Uebertretungen zu einfachen oder strengen Arrest verurteilten Gefangenen, in einem der Höfe im Kreise spazieren geführt. Da auch Heizung, Beleuchtung und Bedienung durch einen der Untersuchungshäftlinge nichts zu wünschen übrig ließen, hatte ich alle Ursache, am siebenten Tage