Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 Dr. Blochs WochMschrift Seite 67 Matthias Erzberger. M. D. R. Massenübertritte zum Christentum würde ich als Katholik begrüßen, wenn sie aus der einzigen Quelle, Erkenntnis der göttlichen Wahrheit des Christentums, entspringen; aber mit solchem Massenübertritte ist nach menschlichem Ermessen nicht zu rechnen. Vor einem Juden, der den Glauben seiner Väter hochschätzt und darnach lebt, habe ich allen Respekt; es scheint mir aber die häßlichste und verabscheuungswürdigste Tat zu sein, wenn ein Jude aus egoistisch-materiellen oder gesellschaftlich-eitlen Gründen Christ wird. Nirgends ist Heuchelei schlimmer als auf religiösem Gebiete, darum würde ich einen solchen Massenübertritt, der nicht religiösen Gründen entspringt, nur bedauern und in ihm eine Verhöhnung des Christentums erblicken. Besondere wirtschaftliche Folgen könnten sich an einem Massenübertritt nicht knüpfen, da diese „Neuchristen" in allem, auch in den kommenden Generationen, im Kerne Juden bleiben oder vollendete Gottesleugner würden. Weil die Voraussetzung des Massenübertrittes wegfällt, so dürften auch Mischehen im großen Stil nicht eintreten; die jüdische Rasse wird bis zum Ende der Welt bestehen. Der Jude aber, der aus ehrlicher Uederzeugung Christ wird, zieht keine wirtschaftlichen Folgen nach sich. 2. Die Verwirklichung der zionistischen Idee kann rascher eintreten, als Freunde und Gegner derselben annehmen; aber nur für die Massen der russisch-polnischen Juden. Diese 6—7 Millionen Menschen, die der russische Volkskörper nicht verdaut, die in anderen Staaten nicht aufgenommen werden, könnten zweifelsohne ein kräftiges Gemeinwesen in Vorderasien bilden, wo sie kulturell mehr nützen würden als an ihrem heutigen Wohnorte und wo es den einzelnen Gliedern weit besser ginge als jetzt. In diesem beschränkten Umfange hat der Zionismus eine Existenzberechtigung, ist vielleicht sogar eine Notwendigkeit. Wenn er eine jüdische Kolonisation in Vorderasien schafft, nützt er der gesamten Kulturwelt. Aber judenreine Staaten wird es darum doch nicht geben; denn an eine Zwangsausweisung aller Juden denkt nicht einmal der rabiateste Antisemit, um so weniger ein objektiv urteilender Politiker. Der Abzug aller Juden könnte bei gewaltsamer Expropriation ihres Kapitalbesitzes gar nicht erfolgen, ohne unsere ganze Gesellschaftsordnung in den Grundfesten zu erschüttern. Gerade die große jüdische Geldmacht sollte es als ihre „nationale" Pflicht ansehen, die östlichen Juden in einem selbständigen Gemeinwesen zu erhalten, weil sie schon hierdurch am besten Selbstschutz treibt. 3. Konflikte sind nur dann zu erwarten, wenn die unter uns lebenden Juden sich ausschließlich auf bestimmte Berufe werfen (Aerzte, Rechtsanwälte, Presse, Börse). Wäre das eine Prozent Juden in Deutschland auch nur annähernd gleichmäßig auf die einzelnen großen Erwerbsgruppen (Landwirtschaft, Industrie, Handel, freie Berufe usw.) verteilt, so könnte nie ein Konflikt entstehen. Die Häufung jüdischer Elemente in einzelnen bestimmten Berufen aber kann mit der Zeit einen Gegendruck auslösen. der zu einer Explosion führen muß. Wenn z. B. in der Presse es besonders Blätter sog. jüdischer Richtung oder jüdischer Verleger sind, die sich fortgesetzt in unbefugter, frecher Weise in die inneren religiösen und kirchenpolitischen Verhältnisse des Katholizismus einmischen, so müßte im Laufe der Jahre im katholischen Volksteil. der sich vom Antisemitismus im allgemeinen ferne gehalten hat, eine Stimmung hervorgerufen werben, aus der Konflikte von selbst erwachsen. Es hat es also das Judentum in erster Linie in der Hand, jedem Konflikt vorzubeugen. Es erübrigt sich die Hinzufügung, daß jede staatsbürgerliche Zurücksetzung des Juden zu mißbilligen ist; aber eine angestrebte Bevorzugung auf Beherrschung einzelner Erwerdszweige ist auf die Dauer auch unerträglich; daraus: Eingliederung in alle Zweige der großen Gesamtheit. Heinrich Mann. Auf Ihre Fragen erwidere ich: Assrmilierung halte ich für Wünschenswert, sofern sie nicht Ausgehen bedeutet, sondern Annäherung und Einwirkung. Die Juden dürfen sich nicht mit dem Ideal durchdringen, Germanen zu werden. Nicht nur der Jude ist verloren, der sich totschießt, weil er nicht Reserveleutnant wird, sondern auch der, der es wird. Denn für ihn ist es zu Ende mit dem Zwang, Geist zu haben (wozu Fragwürdigkeit und Abseitigkeit ihn nötigten), mit dem Zwang, den Geist wenigstens zu lieben und ihn bei seinem „Wirtsvolk" geltend zu machen. Was aber soll, wenn auch die Juden versagen, aus einem „Wirtsvolk" werden, das schon jetzt an geistiger Unterernährung krankt? Wenn kein Jude mehr das öffentliche Leben ein wenig geistiger macht, und keine Jüdin mehr die Liebe? Die Folgen der vollständigen Assimilierung und die der Trennung wären gleich schauderhaft. Umvcrsitätsprosessor Paul Natorp-Marbung. Das Judentum hat seine starke Lebenskraft schon damit bewiesen, daß es sich, trotz seiner numerischen Schwäche und Zerstreuung unter viele Völker, unter fortwährender äußerer und innerer Bedrängung, durch so viele Jahrhunderte dennoch zu behaupten vermocht hat. Daß aber diese Kraft dem Leben der nichtjüdischen Völker an sich feindlich und verderblich sein müsse, kann aus der Tatsache dieser allgemeinen und fortgesetzten Bedrängung nicht gefolgert werden. Ein friedliches und förderliches Zusammenleben hat sich vielmehr überall da möglich erwiesen, wo dem Judentum die theoretisch längst zugestandene rechtliche und soziale Gleichstellung in ehrlichem Begegnen auch wirklich gewährt worden ist. Diese Möglichkeit ist aber wesentlich bedingt, nicht durch die Preisgabe: sondern gerade durch die Erhaltung des Judentums in seiner besten Eigenart, die zweifellos in seiner Religion wurzelt. Dieser dürfte das Christentum nicht entgegentreten, weil es selbst in ihr eine seiner stärksten und gesundesten Wurzeln hat. Judentum und Christentum sind, je in ihrem reinsten und letzten religiösen Gehalt, miteinander wesenseins; die gesunde Entwicklung beider kann'nicht in dem Aufgehen des einen in das andre, sondern nur in gemeinsamer, freier Hinaufbildung zur Religion der Humanität gesehen werden. Eine solche Entwicklung wird durch den Zionismus nicht nur nicht gefördert, sondern hintangehalten. Der Zionismus läßt sich, sehr zu Unrecht, auf die falsche Voraussetzung ein und bestärkt sie dadurch, daß ein friedliches und förderliches Zusammenleben auf dem Boden des Rechts und der guten Sitte an sich, also auch für die Zukunft unmöglich sei. Daß es zurzeit Schwierigkeiten bietet, daß noch für Generationen Konflikte zu erwarten stehen, mag richtig sein. Aber solchen Konflikten ist nicht auszuweichen, sie sind ehrlich durchzukämpfen auf geistigem (ethisch-religiösem) und auf politischem Gebiet. Die Konflikte sind zu überwinden auf dem Boden der vollen geistigen und bürgerlichen Freiheit, wie sie in allen fortschreitenden Völkern jetzt unzweifelhaft sich durchsetzt. Demnach für 3. gegen 1 und 2.