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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-02-02 · 5 (2.2.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
5 (2.2.1912)
Date
1912-02-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 66 Dr. Blochs WochMchrift Nr. 5 Handlung der Judenfrage hervorzurufen. Unter dem Kao inert Bienerth sind Minifleriawerordnungen erschienen, welche den nationalen Streitigkeiten durch Einfluß aus die Presse und mündliche Agitation ein Ende machen sollten. Diese Vorschriften haoen eine sehr gute Wirkung gehabt. Sie brauchten gar nicht in ihrer vollen Schärfe angewendet zu werden. Schon die Erwartung einer Strafe hat genügt, um den Streit zwischen Deutschen und Tschechen herabzudämpsen. Es wäre wohl zu erwarten, daß das gegenwärtige Kabinett diese Verordnungen erneuert und daoei der Juden in geeigneter und unzweideutiger Weise Erwähnung tut. Wenn dann antisemitische Blätter einigemal konfisziert und antisemitische Versammlungen einigemal aufg.löst sein werden, kann einiges Geschrei entstehen, aber es wird angesichts der anri,emitischen Korruption weder Dauer noch Widerhall haoen. Es ist jetzt die Zeit gekommen, den moralisch schändlichen und materiell schädlichen Umtrieben der Christtichsoziaten ein Ende zu machen. Zu diesem Zwecke sollten sich al.e unsere Organisationen vereinen, allen Zwist ruhen zu lassen und entschlossene Schritte machen. Es ist fraglich, ob noch einmal eine so günstige Zeit für die Beendigung des behördlichen Antisemitismus kommt wie jetzt durch die Eigenenthüllungen der Christlichsozialen. _ Iudentarrfen*) Sirad Zangwi l. Ich bedauere, Ihre Fragen nur in kurzen Zügen beantworten zu können, da mich die Proben zu einem neuen Stück stark in Anspruch nehmen. 1. Judenassimilation durch Taufe ist etwas ganz anderes als durch Mischehen, wenigstens in spiritueller Hinsicht. Schon darum ist es unmöglich, in dieser Hinsicht auf diese Frage nur eine Antwort zu geben. In politischer und ökonomischer Hinsicht aber wird die Judenassimilation nur in d en Ländern Aenderungen schaffen, in denen die Juden noch politisch oder ökonomisch mindere Rechte haben. 2n den anderen Ländern aber, in denen sie Bürger sind, wie alle anderen, sind sie ja schon politisch und ökonomisch assimiliert. 2. Wenn die Erfüllung der zionistischen Idee bedeutet, daß die überwiegende Menge aller Juden nach Palästina zurückkehren würde, dann werden die Völker, die sie verlassen, einen großen Verlust — geistig, politisch und ökonomisch — erleiden, während die Juden selbst den Grundstein zu einem Staate legen werden, der in einem oder zwei Jahrhunderten wieder auferstehen läßt, was Hellas' Ruhm und Roms Größe ausmachte. 3. Wenn aber keiner von diesen beiden Fällen eintritt, so wird sich die Geschichte wiederholen: Wirren *) Wir entnehmen diese Beiträge einem in den nächsten Tagen im Vertage von G-org Müller, München (Preis 2 Mark) unter dem Titel „Judentaufen" erscheinenden Buche, das Prof. Werner Sombart herausgibt und in dem unter anderen Hermann Bahr, Matthias Erzberger. M. d. R., Pfarrer Naumann, Max Nordau, Gbeimrat Profeffor Köhler, Zangwlll, Hauptmann, Ewers. Wedekind 2C. rc. zu folgenden von Dr. Artur Landsberger gestellten Fragen Stellung nehmen. 1. Welches find die voraussichtlichen Folgen in geistiger, wirtschaftlicher. polit,scher Benehung im Falle der Assimilation aller Juden durch M.sts'nübertritte, Mischehen rc.? 2. Welches fi ib eben diese Folgen im Falle der Verwirklichung der zionlutzchen Idee? a) für die judenreinen Staaten, b) für den Ziomstcnstaat. 3. Wenn weder 1. noch 2. eintritt: sind Korflikte zu befürchten? Falls „ja": welcher Art werden diese Konflikte sein? Schluß: „Ist demnach 1, 2 oder 3 wünschenswert? und Verfolgungen aller Arten und Größen immer von neuem. 4. Gewiß wäre von jüdischem Standpunkt Nr. 2 das einzig Wünschenswerte. Da aber keine der Möglichkeiten praktisch durchführbar ist und da alle die Möglichkeiten sich zu gleicher Zeit durchzusetzen versuchen, so werden die Juden auch in Zukunft die Rückschläge und schlimmen Seiten von allen erdulden müssen. Erlauben Sie mir mit einem Zitat aus meinem Stück, das ich gerade probe, zu schließen: „Hätt' uns der Christ stets christlich angefaßt: Kein einziger Jude lebt' heute in Europa!" Hermann Bahr. Ich kenne Juden, die völlig Deutsche geworden sind; höchstens eine gewisse Gewaltsamkeit ihres Deutschtums verrät, daß es ihnen nicht angeboren ist und was es sie gekostet haben muß. Ich leugne also nicht, daß es einzelnen Juden gelingen kann, sich in Deutsche zu verwandeln, ganz ebenso, wie es einzelnen Deutschen gelungen ist, selbst oder doch in ihren Nachkommen, Franzosen, Engländer, Ungarn oder Tschechen zu werden. Es gibt sicherlich eine Kraft der geistigen Umbildung, die zuletzt auch das Blut zu verändern scheint. Ich kann mir aber nicht denken, daß sich die Masse der unter uns lebenden Juden in Deutsche verwandeln wird. Ich glaube das nicht, weil es eine geistige Geschmeidigkeit voraussetzt, die einzelne Juden in hohem Grade haben, nicht aber die Masse der immer noch aus dem Osten zudringenden Juden, weil es ferner einen starken Willen, sich selbst aufzugeben und dafür ein fremdes Wesen anzunehmen, voraussetzt, der dieser Ma,se fehlt, und weil es endlich bei den Deutschen selbst eine Neigung, dieses fremde Element aufzunehmen, voraussetzt, die sie nicht haben, aus Angst, ihr eigenes Wesen dadurch zu beschädigen. Ich halte für die nächste Zeit eine Assimilation der Masse der Juden für unmöglich und die Versuche, die ich aus der Nähe beobachten konnte, haben meistens Zwitter ergeben, die sich für keine der beiden Nationen entscheiden konnten und innerlich heimatlos wurden. Ich halte den Judenstaat für möglich. Aber ich glaube nicht, daß wir dann so sehr viel weniger Juden haben werden als jetzt. Er wird die armen Juden anziehen und sie werden dort, was ihnen jetzt unter uns versagt ist, ein menschenwürdiges Leben finden. Die Juden aber, die bei uns seßhaft geworden sind und sich eingewühnt, sich akklimatisiert haben, werden hier bleiben, aber in einem besseren Zustand des Gemüts, innerlich beruhigt durch das Gefühl, einer Nation anzugehüren, die wieder ein Vaterland hat. Das wird sie nicht hindern, gute Bürger der Staaten zu sein, in denen sie wohnen, ganz wie die Deutschen in der Schweiz oder in Oesterreich ihre Liebe zum großen deutschen Vaterland nicht hindert, gute Schweizer oder gute Oesterreicher zu sein. Ich glaube nicht, daß es viel Sinn hat, sich zu fragen, was man für „wünschenswert" hält, die Assimilation oder den Judenstaat oder den jetzigen Zustand. Die Assimilation erscheint mir nun einmal schon deshalb nicht möglich, weil die Deutschen keinen Grund haben, sich gegen ihn zu wehren, viele Juden ihn wollen und ja kein Jude gezwungen sein wird, sich ihm anzuschließen. Der jetzige Zustand scheint mir unhaltbar, weil in ihm viele Juden das Gefühl haben, unterdrückt und um ihr Recht betrogen zu sein, und wieder viele Deutsche das Gefühl, in ihrer Eigenart bedroht zu sein. Haben die Juden erst ihren eigenen Staat und damit eine Zuflucht, so werden sich auch Juden und Deutsche nicht mehr so befangen gegenüber stehen wie jetzt, wo beide stets glauben, an ihrer Seele Schaden zu leiden.

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