Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Blochs Wochenschrift Seite 61 daß sie daher nur selten mit Bergstock und Rucksack einsam ihres Weges ziehen und mit den frugalen Darbietungen einer Hütte auf 2000—3000 Meter Höhe Vorlieb nehmen, das ist allen Konfessionen und Rassen gemeinsam. Die Trace der neuen Berninabahn zieht hart am Moränenrande des Morterrasch-Gletschers vorüber. Da fahren nun die dezenten Berliner Damen aus St. Moriz und Pontresina in Pariser Lackstiefelchen an den Gletscherrand heran und lassen sich von den Führern etliche Meter auf die Moräne hinaufzerren, um dann zu Hause stolz erzählen zu können, daß sie einen Gletscher bestiegen hätten. Unter diesen Salontouristen, die zwischen Gabelfrühstück und Diner die Schauer der Eiswelt auf ihre Nerven wirken lassen, sah ich die Gattinnen preußischer Rittergutsbesitzer und die Gattinnen Berliner Kommerzienräte. Diese mühelose, behäbige, nervenkitzelnde Art der Touristik ist interkonfessionell, sie hat mit der wahren Bergfreude so wenig etwas zu tun, wie eine Eisenbahnfahrt auf den Rigi oder aufs Eismeer. Englische Blasiertheit bringt es zuwege, alltäglich von Luzern zur Jause auf Pilatus- Kulm hinaufzufahren. Die Folge hievon ist völlige Abstumpfung gegen jegliche Schönheit der Alpenwelt. Wenn also von Bergsport die Rede ist, muß man diese Sorte von Touristen, ob Arier oder Juden, aus dem Spiele lassen. Auf meinen Wanderungen aber habe ich erfahren, daß es gerade die geistig hochstehenden, die tiefempfindenden, die für alles Große und Schöne auf Erden begeisterten Juden sind, die nun auch mit den Nichtjuden in der Stählung ihres Körpers und ihrer Willenskraft wetteifern, die hoch oben rm reinen Aether zeitweilig Vergessen suchen aller Qual und Sorge des Alltags, aller Bosheit und Niedertracht jenes kribbelnden Ameisenhaufens, der sich die menschliche Gesellschaft nennt. Und wer von uns Juden einmal den Antisemitismus gründlich verachten lernen, wer so recht inne werden will, daß Gott alle Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen, der steige Schritt für Schritt hinauf auf die Berge und stimme seine Seele zu jener stummen Andacht, zu jenem wortlosen Gebete, das nur im Angesichte des Ewigen und Unermeßlichen sich aus den Tiefen des Herzens zu ringen vermag. Dort, dem Himmel nahe, gibt es keinen Antisemitismus! Siegfried Fleischer. Was jedes. Mädchen lernen sollte. Nicht Algebra und Rhetorik, nicht Latein und Griechisch, noch weniger wie man sich putzt, schminkt, kokett frisiert usw. Aber jedes Mädchen, das dereinst in den heiligen Stand der Ehe treten will, soll lernen, wie sie ihren Kindern reell nützen kann: sie soll einen Kindergarten-Kurs durchmachen, sich die Lehren des großen Pädagogen Fröbel zu nutze machen. Wir haben in Wien eine vorzüglich geleitete Anstalt, in der junge Mädchen für den Beruf der Kindergärtnerin vorbereitet werden; leider geht der Besuch derselben von Jahr zu Jahr zurück. Die jungen Mädchen, die einen Beruf ergreifen, um Geld zu verdienen, wenden sich lieber den kaufmännischen Fächern zu, diejenigen, die es nicht nötig haben, ihre Zeit praktisch zu verwerten, gehen in die Lyceen, lernen da allerhand, glauben nach mehrjährigem Besuch der Anstalt recht viel zu wissen, sind aber, wenn sie verheiratet und ihre Ehe mit einem Kinde gesegnet worden, zumeist ganz ratlos, wie sie dieses Kindes geistige und körperliche Entwicklung rationell fördern können. Man engagiert zumeist eine Kinderfrau, die das Kind pflegen, anregen, seinen Geist wecken soll, glaubt damit seine Pflicht getan zu haben. O, Ihr bedauernswerten. jungen Mütter, die Ihr freiwillig auf das süße Glück verzichtet. Eures Kindes Intellekt zu wecken, Euch an seinem Werdegang zu erfreuen! Statt aller stundenlangen Konferenzen, die Ihr mit Euren Schneiderinnen und Putzmacherinnen hallet, geht täglich, sofern Ihr nicht schon als Mädchen einen Kindergarten-Kurs durchgemacht, eine Stunde in den Kindergarten! Lernt da, wie man bildend, veredelnd, anregend auf das Kind einwirkt! Nie ist es zu spät! Was Ihr als Mädchen nicht gelernt, lernt es als Frauen! Aber. Ihr jungen Mädchen, die Ihr es als Euren idealsten Lebensberuf erachtet, mit dem geliebten Manne durchs Leben zu gehen, einen Hausstand zu gründen, Euch dereinst am Glücke gut erzogener Kinder zu erfreuen, Ihr dürft es nicht versäumen, sobald Ihr die Schule verlassen, einen Kindergarten-Kurs durchzumachen! Das Wissen und Können, das Ihr Euch da erwerbet, trägt dereinst goldene Früchte. Eine hochbegabte, für das Allgemeinwohl unentwegt tätige Frau, Frau Dr. Henriette Goldschmidt i- Leipzig, wirkt seit nunmehr 40 Jahren in Wort und Schrift dafür, daß jedes junge Mädchen, gleichviel ob arm oder reich, nach der Schule eine Ausbildung als Kindergärtnerin erhält. Jetzt hat die in den achtziger Jahren stehende, aber noch sehr tätige Dame die Freude, in Leipzig eine Hochschule für Frauen erstehen zu sehen. In dieser Schule wird nur gelehrt, was im praktischen Leben Verwertung finden kann. Frau Dr. Goldschmidt ist endlich mit ihrer Ansicht durchgedrungen, daß jede Frau sich, um ihren Kindern vollinhaltlich nützen zu können, Fröbelsche Kindergartenkunst zu eigen gemacht haben müsse. Die in Wien seit Jahrzehnten bestehende Kindergärtnerinnen-Vildungsanstalt, die von dem bekannten Pädagogen Direktor Mar Fischer geleitet wird, könnte vielen Mädchen und jungen Frauen zum Segen werden, wenn man sich klar machen wollte, daß der Frauen ureigenster Beruf, Mutter und Erzieherin zu sein, eine gediegene Vorbildung erfordert. Wenn ich junge Frauen ihre kostbare Zeit in den Modesalons oder in anderen der Mode geweihten Hallen vertrödeln sehe, frage ich mich oft: „Wer sorgt, während Ihr da Chiffons mustert, für Eure Kinder?" Die bedauernswerten Frauen haben ja oft keine Idee, wie sich ihre, unwissenden Pflegepersonen anvertrauten Kleinen inzwischen langweilen, wie der Kinder Sehnsuchtsschrei die Mutter herbeisehnt. Arme Frauen! Man hat Euch, da man Euch nicht lehrte, an der Bildung Eurer Kinder tätigen Anteil zu nehmen, um das schönste Mutterglück betrogen. Möge es der Heranwachsenden Generation junger Mädchen vergönnt sein, statt allen toten Formel- und Gedächtniskrames, der sich im Leben nie praktisch verwerten läßt, sich zu praktischen Kindergärtnerinnen auszubilden, auch wenn sie es. Gott sei Dank, nicht nötig haben, ihr Können als Erwerb zu verwerten. __Jda Barbe r. Literatur. Unger, Dr. J. J., Rabbiner der israelitischen Knltusgeuieinde zu Iglau, Hebräische Dichtungen. Jubelausgabe, Wien 1911. Kommissionsverlag R. L ö w i t, I., Rotenturmstrasse 22. Vor uns liegt die Prachtausgabe hebräischer Poesien, die zu dem besten auf diesem Gebite Geschaffenen gehören. Dankbare Schüler und Verehrer des Heisters haben diesem zu seinem fünfzigsten Amtsjahre seine gesammelten „Hebräischen Dichtungen“ in herrlicher Ausstattung als „Jubelausgabe“ überreicht. Professor August Wünsche, der grosse Kenner unserer hebräischen Literatur, schreibt über dieses Dichtungswerk: „Es sind Herzensergüsse, die aus einem vollen Herzen geströmt