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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-01-26 · 4 (26.1.1912) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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•eite 60 Dr. jvloch» Wochsnschkkft Nr. 4 Drohobycz. (Todesfall.) Am 17. d. M. starb hier nach langem schweren Leiden der angesehene Londesadvokat und Gemeinderat der Stadt Drohobycz Dr. Ezechiel Leon Schuster im Alter von 58 Jahren. Der Verstorbene gehörte zu den beliebtesten Persönlichkeiten unserer Stadt, was durch die überaus große Beteiligung an seinem am 18. d. M. stattgesundenen Leichenbegängnisse zum Ausdrucke kam. Dürrmaul. (Generalversammlung.) Sonntag den 21. Jänner 1912 fand im Sitzungssaals der Kultusgemeinde die diesjährige Generalversammlung der Chewra-Kadischa statt, an welcher sich nahezu alle Mitglieder derselben beteiligten. Nachdem von Herrn Kultusvorsteher Sigmund D o k t e r der Tätigkeitsbericht in erschöpfender Weise erstattet wurde, forderte derselbe die Mitglieder in treffenden Worten auf, diesen schönen Verein auch weiterhin zur Zierde der Gemeinde aufrecht zu erhalten. Bei der sodann vorgenommenen Neuwahl wurde Herr Josef D o k t e r als Vorsteher, Herr Ernst F l e i s ch n e r als Stellvertreter, die Herren Rudolf Strauß, Nathan F l e i s ch n e r und Moritz L ö w i als Beirate wiedergewählt. Das von Herrn Kantor Hermann Gelb abgehaltene Minchagebet gab der Versammlung einen würdigen Abschluß. Oedenburg. Am vergangenen Donnerstag verschied hier nach kurzem^Leiden der Präses des „Tifereth Bachurim"-Vereines Leopold Schlesinger. Der rasche Tod des allgemein beliebten jungen Mannes erregte tn allen Kreisen das tiefste Beileid. Der Dahingegangene, der ein musterhaftes religiöses Leben führte, war einer der Begründer des obenerwähnten Vereines und gab somit der hiesigen jüdischen Jugend Gelegenheit, sich auch der Thora zu widmen, und seinem unermüdlichen Eifer und seiner Tatkraft ist es auch zu verdanken, daß der Verein heute auf solch hohem N'veau steht. Herr Oberrabbiner M. Grüuwald und Rabbiner Goldstern hielten an der Bahre des Dahingeschiedenen tief empfundene Trauerreden und hoben die Verdienste und Tugenden desselben hervor. Hernach wurde die Lerche nach Kobersdorf, dem Geburtsorte des Verstorbenen, überführt, wo sie unter Beteiligung der ganzen Gemeinde und einer Deputation des Oedenburger israelitischen Jugendvereines bestattet wurde. Hamburg. (Todesfall.) Der Kapellmeister S. Theumann vom Operettentheater in Hamburg hat durch den Tod seiner Gattin Vally geborene Händel einen schmerzlichen Verlust erlitten. London. (Todesfall.) Hier starb vorige Woche, 73 Jahre alt, die Gattin des vor einem halben Jahre Heimgegangenen Chief-Rabbi Dr. Adler. Die Verstorbene war in den Werken sozialer Hilfe der Londoner Judenheit eine führende Persönlichkeit. _ Feuilleton Die Jude« im Kergfport. In den letzten Jahrzehnten hat der menschliche Geist die Schrecken der Berge überwunden. Wohl haben schon früher und selbst in grauer Vorzeit einzelne kühne Männer durch die Wildnis des Hochgebirges, durch ewiges Eis den Weg nach den ragenden Gipfeln gesucht, und ein Witzbold hat sogar Moses als den ersten Hochtouristen bezeichnet, der sich von so vielen Aergernissen in den reinen Höhen des Sinai und des Horeb erholte. Aber Gemeingut der gesamten Kulturmenschheit ist die Welt der Gletscher, ist die erhabene Größe und Einsamkeit der Berge erst in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren geworden, und insbesondere unsere Alpen sind dank der großartigen Wirksamkeit des Deutsch-Oesterreichischen Alpenvereines heute schon ein vollständig erschlossenes Gebiet. Wege und Steige wurden gebaut, auf allen Kulmen und Jochen sind gastfreundliche Hütten erstanden und die Bergführer einheitlich organisiert worden. Wie an jedem Kulturfortschritt, so haben Juden auch an dieser Eroberung der Berge hervorragenden Anteil genommen. Der Alpenverein und andere große Touristenvereine erfreuen sich der werktätigen materiellen und moralischen Förderung durch die Juden. Immer weitere Kreise zieht auch unter unseren Volksgenossen der edle und veredelnde Bergsport. Wer im Sommer die Höhen und Täler unserer Tauern, die herrlichen Dolomiten oder das Ortlergebiet durchwandert, trifft Hunderte wanderfroher Menschen, begeisterter Hochtouristen, die zu den Zinnen des Großglockner, dses Monte Cristallo, des Langkofels, der Marmolata und zu den Gipfeln des Ortler und Cevedale emporstre-- ben — trotz ihrer Zugehörigkeit zum Judentum. Ist das wirklich ein Paradoxon? Es ist ein Dogma des Antisemitismus, daß der Jude jeder körperlichen Anstrengung, jeder persönlichen Gefahr aus dem Wege geht. Und die Erfahrung lehrt auch hier, daß dieses Dogma eine dummdreiste Verleumdung ist. Aus dem deutschen Norden strömen mit jedem jungen Sommer Tausende jüdischer Bergsteiger nach Tirol und in die Schweiz und die Ruhmeschronik der Berge nennt jüdische Namen unter den heldenmütigen Besteigern des Mont Blanc, des Monte Rosa, der Jungfrau, des Wetterhorns und der schwierigsten Zinnen in den Dolomiten. Auf dem Bildstöckeljoch. diesen: grandiosen Uebergang von den Stubeier zu den Oetztaler Fernern, traf ich einst eine junge jüdische Dame, die seit Wochen nicht zu Tal gestiegen war und eine gefährliche .Gratwanderung von einem Gipfel zum andern unternahm. Der behäbige Bewohner ,.tief drunten in dem Qualm der Städte" hat keine Vorstellung davon, wieviel Mut, Willenskraft. Selbstbeherrschung, und Entsagungsfähigkeit zu solchem Unternehmen gehört. Ein Unterschied zwischen arischen und jüdischen Touristen muß allerdings zugegeben werden, aber dieser Unterschied ist nicht in einer Divergenz der Rasse begründet. sondern er ist rein sozialer Natur. Ich meine das Massenintereise am Bergsport. Die Liebe zu den Bergen, die Ueberwindung bedeutender Strapazen zu dem Zwecke, um droben inmitten der erhabenen Majestät des Schweigens, im Angesicht von ewigem Schnee und Eis einen ganz unvergleichlichen Genuß zu empfinden, ist bei den Juden noch weniger ins Volk gedrungen als bei den Ariern. Das liegt daran, daß die große Masse der mittleren und ärmeren Juden dem kaufmännischen Erwerb obliegt und daß diese Beschäftigung ein längeres Abkommen. ein Ausspannen von der täglichen Arbeit selten oder nie gestattet. SÄbst der bessergestellte jüdische Kaufmann, der sich schon den Luxus einer Sommerwohnung in der Nähe der Großstadt gönnen kann, muß täglich um 8 Uhr morgens in seinem Geschäfte sein und verläßt dieses erst um 7 oder 8 Uhr abends. Sein Landaufenthalt ist für ihn keine Erholung, sondern nur eine Vlage mehr, und er genießt die frische Landluft eigentlich nur im Schlafe. Kaum erübrigt er so viel Zeit, um den Sonntag über einen Ausflug weiter hinein in den Wiener Wald oder auf den Semmering zu macken. Zur Ausübung des Bergsportes gehört aber die Möglichkeit eines längeren Urlaubs. Einen solchen können sich nur reiche Leute oder Beamte mit firer Besoldung gönnen. Reiche Leute gibt's ja nun unter uns Juden, wenn auch leider lange nicht.so viel, als unsere Gegner uns zuschreiben, aber Beamte? Diele sorgenlose, weil gesicherte Existenz haben die Arier sich als ureigenste Domäne reserviert, und so kommt es. daß man in den Bergen unter den „kleinen Leuten" unendlich viele Arier und nur wenige Juden trifft, während sich unter den Reichen, welche die komfortablen Welthotels in Sulden, am Karersee. in Trafoi. in Jnterlaken. Luzern. Zermatt und St. Moriz bevölkern, sich Christen und Juden ziemlich die Waae halten. Daß die Reichen bequemer und behäbiger sind als die Minderbemittelten, daß sie überall den gewohnten Lurus und den geselligen Frohsinn aufsuchen,

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