Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 4 (26.1.1912)
- Date
- 1912-01-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 60 Dr. Blochs WochMchrift Nr.L4L doch längst bekannt, aber Pattai wurde doch als christlichsozialer Vertrauensmann Präsident des Abgeordnetenhauses, Letter des polttischen Lebens m der diesseitigen Reichshälfte. Und trotz alllm und allem widerhallen die christlichsozialen Versammluugssäle von Verleumdungen der Juden, ohne daß der Regieruugsvertreter eine Miene verzieht. Was lagt vie „Neichspost" zu diesem Hagel der schwersten Korruptionssälle? Nur fleißig weiter auf die Juden geschimpft, während von den Chrrstlich-Sozialeu in Beziehung auf die Korruption das schöne Wort gilt: „Greif nur hinern ins volle Menschenleben und wo du's packst, da ist es interessant." Bewundernswert ist nur die Geduld der Wiener, die nicht schon vor den Wahlen die Helden der Korruption veranlassen, ihre Mandate niederzulegen und von der Bildfläche zu verschwinden. Die Mäht i« Deutschland Der letzte Akt der Wahlschlacht im Deutschen Reiche ist wohl noch nicht vorüber. Aber der Kampfplatz läßt sich bereits genau überblicken, und der letzte Stichwahltag wird das bisherige .Verhältnis zwischen Siegern und Geschlagenen kaum mehr wesentlich zu ändern vermögen. Das Wahlergebnis in Deutschland hat auch für uns in Oesterreich eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, wie es auch nicht zu leugnen ist, daß der Aus? gang der letzten Reichsratswahlen in Oesterreich, be-- sonders was das national einheitliche Niederösterreich betrifft, auch auf die Haltung der bürgerlichen Wähler im Deutschen Reiche nicht ohne Wirkung geblieben ist. Tatsächlich sind die Begleiterscheinungen der beiden Wahlkämpfe hier und im Reiche dieselben gewesen, und auch das Ergebnis derselben ist einander sehr ähnlich. Da wie dort hat das freiheitlich gesinnte Bürgertum, angewidert durch die von oben unterstützte reaktionäre Politik, sich entschlossen, diese Politik ad. absurdum zu führen und dem ihm durchaus fremden Vertreter des Klassenkampfes zum Siege zu verhelfen. Hier wie drüben war in dem Widerstreite zwischen dem fortschritt-. lichen und rückschrittlichen.Element der klassenbewußte Feind beider, die Sozialdemokratie, der teitius gaudens. In diesem großen Kampfe um die politische Herr^ schaft waren die jüdischen Wahlstimmen naturgemäß ein sehr gesuchter Artikel. Alle Parteien warben um sie, und jede Partei warf der anderen vor, daß tfie um sie werbe. Aber so wie im vorigen Frühling in Oesterreich, war auch jetzt in Deutschland für die jüdischen Wähler die Richtschnur von selbst gegeben. Sie hatten nur die eine Aufgabe: den bewußten parteimäßigen Antisemit tismus niederringen zu helfen. Und es war für den Ausgang der Wahlen in Deutschland gewiß nicht ohne Bedeutung, daß die Juden dort den verschiedenen Lockrufen widerstanden und wie gesagt von zwei Uebeln das kleinere wirklich wählten. Und es hat an Lockungen und Anbiederungen wahrhaftig nicht gefehlt. Die Kandidaten der Zentrumspaptei, die sonst, ihrem Klerikalismus treu, gar oft ruhig zusahen, wie die verschiedenen antisemitischen Fraktionen über die .Juden verfielen, hielten es mit einem Male für nötig, in ihren Versammlungen und Flugschriften feststellen zu lasten, daß das Zentrum nicht judenfeindlich sei. Sv erklärte der Führer der Zentrumspartei in Hessen, Justizrat Dr. Schmitt: „Was die Stellung des Zentrums zum Judentum anlangt, so müssen die Angriffe von liberaler Seltne mit der größten Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Was das Zentrum für die Juden getan, das möge man aus den Dankschreiben ersehen, die der Zentrumsrührer Windthorst von den angesehensten Juden Deutschlands erhalten hat. Jedenfalls wird man dafür sorgen, daß das Judentum über die Tätigkeit der Zentrumspartei für die Juden durch ein Flugblatt aufgeklärt werde." 1 > Noch entschiedener waren die .Verheißungen des Zentrumskandidaten Kommerzienrat Molthan in Mainz. Er verwahrte sich energisch gegen die Angriffe auf das Zentrum in bezug auf feine ^Stellung im Judentum. Keine Partei habe für das Judentum so viel betau, als gerade die Zentrumspartei, die £5 nie dulden werde, und durch die Tat bewiesen habe, daß es für keine Ausnahmsgesetze gegen irgend eine Konfession zu haben sei. Daß die liberalen Parteien aller Schattierungen in ihren Werbungen gegenüber den Juden stürmisch und fordernd waren, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Welche Wendung der nun erst recht beginnende parlamentarische Kampf der zwei aus der Wahlschlacht als Sieger hervorgegangenen Kolonnen nehmen wird, läßt sich heute noch nicht mit Bestimmtheit Voraussagen, und die Erörterung dieser Frage ist wohl hi!er kaum am Platze. Es ist jedoch kein Zweifel, daß das Wahlergebnis in Deutschland auch auf die Veip hältnisse in Oesterreich ihre Rückwirkung üben wird. Und sv wie in Deutschland selbst die konservativen Parteien ihre ehemaligen antisemitischen Verbündeten von sich abschüttelten, well sie sie als politisch unbrauchbare Kompagnons betrachteten, so wird und muß es auch in Oesterreich doch noch dazu kommen, daß die bürgerlichen Elemente in den Antisemiten jene Schädlinge erblicken, die das ganze wirtschaftliche und moralische Unheil über Wien und ganz Oesterreich gebracht haben. Und sv wie jetzt in Deutschland die antisemitischen Kandidaten von ihren Gegnern und sogar von ihren nunmehrigen konservativen Gegnern nicht sicherer und wirkungsvoller bekämpft werden konnten, als daß man sie als „Radau- Antisemiten ä la Bruhn und Ahlwardt" bezeichnete, kann auch in Oesterreich die Zeit nicht mehr allzu ferne sein, da ein Kandidat, um sich vor sicherem Mißerfolg zu schützen, öffentlich wird versichern müssen, daß er niemals mit den christlichsozialen Korruptions- Helden irgend etwas gemein gehabt habe. §it Kultur der Iudeu Italiens im Mittelalter. Von Pastor Windfuhr. Von wesentlicher Bedeutung für den Kulturzustand der Menschen ist ihr Verhältnis zu Grund und .Boden. Nichts ist auf die Dauer zerrüttender, als wenn die feste Verbindung mit der Erdscholle fehlt. Das lehrt die Geschichte der Judenheit aufs deutlichste. In Italien durften die Juden Grundbesitz haben. Die Juden wohnten, soweit sie natürlich die Mittel dazu besaßen, in eigenen Häusern und bebauten den eigenen Acker. Vermieteten auch an Glaubensgenossen,' nur zahlten sie die Abgaben für klerikale Entgängnisse. Sonst mieteten sie sich in den Städten bei Christen ein oder lebten auf dem Lande als Colonen der Kirchen- und Landesfürsten. Hier jedenfalls dünn gesät. Der Kultus, der das Minjan fordert, wies auf das Zusammenleben in den Städten mehr hin, als etwa Abneigung gegen den Landbau. Man wohnte ungehindert, wie die Christen, aber naturgemäß sammelten sich viele um die Synagoge als den Mittelpunkt des Gemeindelebens. Das erste Ghetto ward geschaffen 1516 in Venedig, aus Neid und kaufmännischer Vorsicht zugleich. Paul IV. machte 1555 den Gedanken durch eine Bulle offiziell. Von einem eigentlichen Einzug ins Judenviertel kann nicht die Rede sein. Der Befehl gab sich mehr als ein Verbot an die Christen, nicht