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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-01-26 · 4 (26.1.1912) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
4 (26.1.1912)
Date
1912-01-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dr. Blochs Wochenschrift Seile 51 Nr. 4 mehr mit Juden zusammen zu wohnen. 2m Ghetto beginnt das unaufhörliche Sinken, die Bildung jenes eigentümlich abgeschlossenen verpönten Daseins, das unserem Begriff von Judentum noch immer ein wenig aMaftet. *; . ■ ., Für die Kleidung der Juden hat Innozenz III. auf dem Laterankonzil 1215 Bestimmungen geschaffen, deren Ursprung im Orient (Omar) liegt. Anscheinend ist über die Beibehaltung einer scheidenden Iudentracht sorgfältiger gewacht worden, als Mer andere kanonische Bestimmungen, denn es finden sich eigene Beamte dafür erwähnt, ebenso auch häufige Befreiungen davon, wie bei approbierten Aerzten und Gemeindebeamten. Daneben mag das Geld manchem die Sache erleichtert haben. Unter den wohlhabenden Juden ist sonst sicher ein gewaltiger Kleiderlurus getrieben worden. Eine Rabbinerversammlung zu Bologna verbietet das vielgespaltene Wams, durch welches das bunte Futter hindurchscheint, schränkt auch dm Gold- und Silberschmuck bei Frauen und Männern ein, vielleicht, um die Begehrlichkeit her Nichtjuden nicht zu wecken. Seide und Sqmmet ward gänzlich verboten. Als Kuriosität findet sich eine Nachricht, daß man Taschentücher am Gewände annähte, um mit den Sabbatgesetzen nicht in Konflikt zu kommen. Dieselbe Versammlung wendet sich auch gegen den Lurus der Tafelfreuden. Die Anzahl der Gäste bei Mählern und Hochzeiten wird auf ein Höchstmaß beschränkt, ob mit Erfolg, steht nicht dabei. Sehr auffallend ist das fast völlige Fehlen künstlerischer Produktion in dieser Zeit. Musik wurde kaum gepflegt. Demgegenüber will es nichts besagen, wenn unter Leo X. einige bedeutende jüdische Musiker an den päpstlichen Hof gezogen und reichlich besoldet wurden. 2a, ein hervorragender Flötenspieler, Johannes Maria, dessen Name allerdings nicht gerade aufs Jüdische hinweist, erhielt die Einkünfte einer kleinen Stadt und hie Grafenwürde. Der Violinspieler Iqcomo soll ein Freund Raffaels und von ihm geehrt worden sein. Sie sind eben bei Christen und nicht bei ihren Glaubensgenossen gewürdigt worden. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß nicht hin und wieder in den Häusern der Vornehmen Interesse für Musik vorhanden gewesen wäre. Volkssache ist sie jedenfalls nicht gewesen, so wenig wie die bildende Kunst. Ein Maler, Moses Castellizzo in Venedig, macht das Urteil nicht anders. Dagegen wird von Michelangelos Moses-Statue berichtet, sie habe zu Rom einen solchen Eindruck bei den Juden hervorgerufen, daß unzählige am Sabbat zu ihr wallfahrteten. Anders liegt die Sache auf dem Gebiete der Wissenschaft und Literatur. Elternhaus, Privatlehrer, Rabbinerschulen und Universitäten suchten die einheimischen Geister zu wecken, aber dennoch sind die größten Geister aus der Fremde eingewandert und haben Italien nur zum Schauplatz ihres Wirkens gemacht. In den vornehmen einheimischen Kreisen ward lateinische Sprache und klassische Bildung bevorzugt, während der Talmudismus unter den Minderbemittelten seine Stätte hatte. Der Aerzteberuf wurde von jenen dem Rabbinat vorgezogen. Aus der Zahl der Gelehrten ragen hervor folgende, deren Auswahl neben ihrer geistigen Bedeutung nach dem Gesichtspunkt der Mannigfaltigkeit der behandelten Gebiete gemacht ist: Messer Leon (Iehuda ben Iechiel), in Mantua lebend, starb 1490. Rabbiner und Arzt. Kannte neben der hebräischen auch die lateinische Literatur und hatte Geschmack an Ciceros stilistischen Feinheiten. Er erläuterte den Zeitphilosophen Aristoteles hebräisch für Juden. Besonders schrieb er über die Feinheiten der Rhetorik, Anmut. Eindringlichkeit und Wirkung der Beredsamkeit. Er stellte die Sprache des Alten Testaments derjenigen Ciceros gegember, im Ueberschwang der Begeisterung für das klassische Altertum. — Elia del Medigio in Padua starb 1498. Erste Größe, welche die italienische Iudenschaft hervorgebracht hat. Würde zum Schiedsrichter im Universitätsstreite berufen; Professor der Philosophie. Religions-philosophisches Werk „Prüfung der Religion", worin er gleichsam ein Glaubensbekenntnis ablegt. Feind aller Kabbala. — Leone Hebres (Abravanel) veröffentlichte 1502 Dialoghi de amore in Venedig. Neuplatoniker der Renaissance. Noch einmal Kampf des Christentums mit antiker Bildung, Vermengung orientalischer Theosophie mit griechischer Dialektik. Er suchte für das Judentum daraus Gewinn zu ziehen. — Obadja von Bertinooo starb 1520 in Jerusalem, Verfasser des bekannten Mijchna- Kommentars und der Reisebriefe als Kulturgeschichtsquelle. — Abraham Farissol aus Avignon, starb 1525 in Ferrara: jbeschäftigte sich mit Geographie. Der Herzog Ercole d'Este l. ließ ihn mit christlichen Mönchen diskutieren. — Elia Levita, in Padua, Rom, Venedig, starb 1549, geb. Deutscher. Er wurde der eigentliche Sprachlehrer der Christen und Juden im Hebräischen. Er schrieb grammatische Werke. Außerdem bearbeitete er die Targumim lerikographisch und macht die Summe massoretischen Stoffes der Sprachwissenschaft dienstbar. — Samuel Abravanel, in Neapel, starb 1550, wie ein Fürst verehrt, betrieb die Finanzwissenschaft. — Ein ganz anderer Geist wehte unter den aschkenasischen Gelehrten, Geist des intoleranten Rabbinismus. Sie waren Autoritäten in Religionssachen. Rücksichtslos. Juda Meng, um 1480 in Padua, aus Mainz, kam'in Konflikt mit dem freigesinnten Elia del Medigo, sodaß dieser schließlich dem Bannstrahl weichen mutzte. Sein Zeitgenosse war Josef Colon in Mantua, Lehrer Obadjas. Er geriet mit Messer Leon so hart aneinander, daß der Herzog beide aus der Stadt weisen mußte. Mit der literarischen Produktion stehen im engsten Zusammenhänge das Schreiber- und Druckergewerbe. Eine große Anzahl von Manuskripten in unseren Bibliotheken reden von dem Fleiß jüdischer Hände. Einige schrieben zum eigenen Gebrauch: die meisten Handschriften stammen von gewerbsmäßigen Abschreibern, deren Zahl sich verringert unter dem Einfluß der schwarzen Kunst Gutenbergs. Von ihr machten die italienischen Juden zuerst praktischen Gebrauch in größerem Umfange. Das erste bekannte hebräische Druckwerk stammt von 1475. — Unter den anderen Berufsarten treten besonders die Aerzte in den Vordergrund. Nicht nur waren Juden Leibärzte der Päpste und Kirchen fürsten, die neben dem Seelenquch das Leibesheil schätzten, wie Ronet de Lates am Hofe Leo X., sondern sie haben auch als Professoren gelehrt und die Wissenschaft selbständig gefördert. Auch dem Apothekergewerbe scheinen Juden sich zugewandt zu haben. In Ansehung der sonstigen Berufsgliederung, tritt eine wichtige Tatsache ans Licht. In England, Frankreich, Deutschland waren bereits im 12. Jahrhundert die Juden so sehr aufs Geldgeschäft beschränkt, daß dort im Volksbewußtsein Jude und Wucherer eins war. In Italien war es anders, viel verzweigter in den Berufsarten. Wohl finden wir auch hier einflußreiche Geldleute: jüdische Kapitalien werden durch spanische Flüchtlinge gemehrt. Einzelne Männer beherrschen den Geldmarkt, wie Iechiel in Toskana und Abravanel in Neapel. 1536 versammelten sich in Rom dreißig Firmen zur Feststellung fester Usancen. Es ist eine beklagenswerte Tatsache, daß die Kulturgeschichte meist stur die Höhen der Menschheit zeigt, wahrend das Leben der großen Masse im Dunkel bleibt, ihre tägliche Arbeit, das Innere ihrer Häuser. Je weiter nach Süden, desto größer wurde der Prozentsatz an

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