Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 44 Dr. Blochs Wochenschrift Nr. 3 Schabbesfreude hielft der chassidischen Bevölkerung über allen Jammer und alle Trübsal des Alltags, über Hunger und Entbehrung hinweg. Die ganze Woche über gibts nur trockenes Brot mit Zwiebeln. Aber für den Schabbes wird Fisch bereitet und am Erew Schabbes erstrahlt die dürftige Stube in hellen Schimmer der 'siebenarmigen Leuchter. Es ist keine Hütte so armselig, daß aus ihren engen Fenstern nicht dieser Glanz der Schabbeslichter die Straße erhellte. Um den sauber gedeckten Tisch ist die Familie versammelt, Vater und Mutter im Festgewande, die Binder still und andächtig, in reinliches Linnen gekleidet. Da ist alle Mühe und Sorge vergessen und die heilige Ruhe senkt sich auf die müden, abgeplagten Menschen. Wer das je gesehen, dem erschließt sich die volle, lebenerhaltende Bedeutung des Schabbes für diese armen Leute. Als Chaim Tiefbaß vier Jahre alt wurde, ward er in den Cheder geschickt. So war es der Brauch, der durch die harte Notwendigkeit erzwungen wurde. Denn die Mutter mußte tagsüber in dem kleinen Kramladen stehen und hatte keine Zeit, die Binder zu beaufsichtigen. Von 7 Uhr früh (im Sommer schon von 6 Uhr) bis mittags und von 2 Uhr bis 7 Uhr abends saßen die Kinder in einem dumpfigen, engen Raume zu Füßen des „Belfers" und „lernten". Der Belfer sagte vor und die Kinder sagten im Chore nach. Weit hinaus auf die Gasse hörte man den monotonen Singsang des Belfers und seiner Kinderschar. Der Belfer war ein alter Mann mit struppigem grauen Bart und einer großen Hornbrille vor den rotgeränderten Augen. Seit dreißig Jahren übte er seinen Beruf in dem kleinen, windschiefen, rissigen Häuschen, durch dessen von Wind und Wetter ausgenagtes Dach die Luft hindurchpfiff und der Regen tropfte. Chaim Tiefbaß war einer seiner besten Schüler. Der blasse, blutarme Knabe saß still auf seinem Platze und horchte unermüdlich dem Vortrage des Lehrers. Es war ja kaum mehr als ein mechanisches Auswendiglernen, aber er lernte leicht und rasch. Da verbreitete sich eines Tages eine seltsame Kunde im Städtchen. Ein großer und unermeßlich reicher Jude, Baron Hirsch mit Namen, hatte einen ganzen Berg von Geld hergegeben, damit im ganzen Lande Schulen errichtet werden, Schulen, in denen nicht nur Chumisch und Gemarah, sondern auch „Tatsch" gelernt werden sollte. Und eine solche Schule sollte auch hier gegründet werden. Der alte Belfer -geriet außer sich. Das sei ein Gottesfrevel und dürfe nicht geduldet werden. Er entwickelte plötzlich eine unermüdliche agitatorische Kraft. Er lief von Haus zu Haus, von den Häuptern der Gemeinde bis zu den Aermsten und Niedrigsten und redete ihnen vor, daß der heilige Glaube in Gefahr sei, daß das Gift des Unglaubens den frommen Sinn der Gemeinde ertöten würde, wenn dieses Werk des Bösen, wenn diese Schule hereingelassen würde. Der Gemeinde bemächtigte sich ungeheuere Aufregung. Man hielt Versammlungen ab, man spornte einander an, das Unerhörte. Unfaßbare mit Gewalt zu hindern. Und als kurz darauf aus Krakau ein Abgesandter erschien, um eine geeignete Lokalität für die Schule ausfindig zu machen, da rotteten sich alle Männer unter Führung des Belfers zusammen und drohten, den Abgesandten zu steinigen, wenn er von seinem Vorhaben nicht abließe. Der Mann wich der Uebermacht, aber er gehörte zu den Klugen und Pfiffigen und wußte sich zu helfen. Er zog sich in die Hinterstube der Schänke, wo er abgestiegen war, zurück und ließ den Belfer zu sich bescheiden. „Wieviel trägt dir dein Häusel, ein Jahr ins andere gerechnet?" fragte er den kriegerischen Belfer, der um sein Brot zitterte. „Sechzig Gulden", war die Antwort. „Wohlan", entgegnete der Abgesandte, „ich miete dein Häusel um 120 Gulden jährlich und lasse es überdies auch ausbessern und Herrichten. Und in dieses Häusel kommt die neue Schule hinein." Der Belfer stand ein Augenblick starr. Dann ergriff er die Hand des Andern, küßte sie und war mit einem Sprunge draußen. Er erklärte der harrenden Volksmenge, daß er alles besprochen und geschlichtet habe, sie mögen nur ruhig nach Hause gehen und unbesorgt sein, es werde Gottes Wille geschehen. Die Schule wurde eröffnet und ihr eifrigster Fürsprecher war der alte Belfer geworden. Auch Chaim Tiefbaß, der nun sieben Jahre zählte, wurde hingeschickt. Sein Lerneifer war fast unheimlich. Er verblüffte seine Lehrer durch seine blitzschnelle Auffassung, durch sein selbständiges Denken, durch seinen unstillbaren Wissensdurst. Nach vier Jahren hatte er ausgelernt. Nun saß er zu Hause und stierte in die Luft. Oft traf ihn die Mutter mit tränenden Augen und geballter Faust an. Dann wieder verschlang er gierig ein Buch, das ihm ein Lehrer aus seiner Privatbibliothek geliehen hatte. In Chaim Tiefbaß gährte und wühlte es. Er wollte mehr lernen, um vieles, vieles mehr, als ihm die Schule geboten hatte. Aber wie und wo sollte er das bewerkstelligen? Die Eltern waren ja bettelarm und hatten auch für sechs Geschwister zu sorgen. Und hier im Städtchen gab es kein weiteres Bildungsmittel mehr. Und Chaim Tiefbaß saß stunden-, tagelang und zermarterte seinen Kopf. Eines Morgens, als die Mutter die Kinderschar um den Frühstückslisch versammelte, fehlte Chaim. Er war verschwunden und auf dem Tische lag ein Zettel, in welchem er milteilte, daß er in die Welt gehe, um noch weiter zu lernen, daß er die Eltern um Verzeihung bitte und daß sie sich um ihn nicht sorgen mögen. Die Eltern waren in Verzweiflung. Sie boten alles auf, um eine Spur ihres Kindes zu erlangen, aber der Ort lag so abseits von allem Verkehr, so außer der Welt, daß ihre Bemühungen fruchtlos blieben. Chaim Tiefbaß aber hatte unter unsäglichen Mühen, hungernd und frierend, von Dorf zu Dorf, von Städtchen zu Städtchen sich durchgeschlagen. Mitleidige Menschen hatten dem zitternden Knaben ein Stück Brot, eine Kupfermünze verabreicht, ihm Obdach in einer Scheune, einem Stalle, hinter der Türschwelle geboten, und so hatte er nach acht Tagen Krakau erreicht. Hier wendete er sich an ein Mitglied der Schulstiftung des Baron Hirsch. Er schilderte seine inneren Kämpfe, seinen unbezähmbaren Trieb, zu lernen, und bat, sich seiner anzunehmen. Er wolle jede Arbeit verrichten, um sich seinen Wohltätern dankbar zu erweisen. In der Krakauer jüdischen Gemeinde erregte der Heroismus des kleinen Chaim allgemeines Aufsehen. Es bildete sich ein Damenkomitee, um dem Jungen die Mittel zum Unterhalt und zum Studium zu beschaffen. Mehrere Familien verpflichteten sich zu regelmäßigen monatlichen Beiträgen, man brachte Chaim Tiefbaß bei einer Lehrerswitwe unter, bezahlte für ihn Kost und Quartier und das Schulgeld im Gymnasium. Der Knabe lohnte diese Wohltaten durch rastlosen Fleiß'. Er überragte alle seine Mitschüler, bekundete eine ganz ungewöhnliche Intelligenz und wurde der Liebling seiner Professoren. Längst hatte man auch den tiefgebeugten Eltern von der glücklichen Wendung in dem Schicksale ihres Chaim Nachricht gegeben und so die selige Hoffnung in ihr Herz gesenkt, daß aus ihrem Kinde ein großer Mann, ein Leuchte des Judentums werden würde. Eljaim Tiefbaß, der im Obergymnasium begonnen hatte durchs Lektionen sich selbst zu erhallen, bestand die Matura mit Auszeichnung und bezog dann die Wiener Universität, wo er wieder nur durch äußerste An-