Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite S8 MWi Nr. s Gründer der Ptolemäer-Dynastie, Ptolemäus I Lagt, zahlreiches Kriegsvolk aus Palästina nach Aegypten gebracht habe, wobei hervorgehoben wird, daß schon der ägyptische König Psammetich (663—610 ante) in Palästina Krieger gegen Aethiopien angeworben hatte. Wann dieser weitvorgeschobene Posten des Judentums von der Völkerwelle verschlungen wurde, darüber dürften möglicherweise andere Papyri, die noch des Entdeckers harren, Aufschluß geben. Sicher ist,, daß die bisherigen entzifferten Papyri uns eine ungeahnte Welt erschlaffen! — Der so früh der jüdischen Wissenschaft entrissene Profeffor David Kaufmann sagt in einem seiner geistsprühenden Aufsätze (Gesammelte Schriften, I. Band, herausgegeben von M. Braun, Frankfurt a. M., 1908, S. 380) „Aegypten, die Wiege allen Papiers, dieser unterirdische Konservatoren-Palast alles antiken Schrifttums. der uns so vieles bereits umzulernen gezwungen, unsere Vorstellungen von den griechischen Staatsverfaffungen umgestaltet, neue Kapitel in das Buch der klassischen Literaturgeschichte eingefügt hat, die Erde Aegyptens scheint endlich auch der Bibel sich erbarmt zu haben, indem Schlag auf Schlag Funde zutage treten, die alle unsere kritische Weisheit über den Haufen werfen. 2st es am Ende gar die kleine prophetische Bibliothek, die der Prophet Jeremias i.n sein Eril nach Daphne bei Pelusium milnahm?" — Die Elephantine-Pavyri gehören jener Bibliothek nicht an, sie sind keine Erzeugnisse der prophetischen Inspiration, wohl aber allneue, der Beachtung der Laien werte und der sorgfältigen Erforschung der Gelehrten würdige Ruhmesblätter der glorreichen Geschichte des Judentums! Vom Zabrmarkt des Lebens. Eine große jüdische Gärtnerkolonie. Aus Budapest wird uns geschrieben: Draußen auf der Keressturistraße, wo sich die Felder ins Endlose zu dehnen scheinen, unweit den Schuppen, die erbaut worden sind, um die neueste technische Errungenschaft der Menschheit, die Aeroplane, zu bergen, gibt es eine kleine Niederlassung, die in ihrer Gepflegtheit, in ihrem entsprechenden Aeußern an die englischen Farms gemahnt. Es werden gewiß nicht allzu viele wissen, daß diese freundlich blinkenden weißen Häuser, die Gartenanlagen und die langen Nebenreihen dem unter dem Präsidium des Hofrates Dr. Adolf Kohner stehenden Ungarischen ffraelitischen Handwerks- und Ackerbauverein angehören. Fast siebzig Jahre sind es her, daß einige weitblickende, die in der Erde ruhende Kraft sich vor Augen haltende Männer die soziale und kulturelle Bedeutung einer humanitären Anstalt erkannt haben, in der arme, hilfs- und unterstützungsbedürftige Judenkinder dem Handwerk und dem Ackerbau zugeführt werden können. Die bescheiden beginnende konfessionelle Institution, deren Lasten ein 'kleiner Kveis von Spendern trug, erstarkte allmählich dank dem Bewußtsein, daß die verrichtete Arbeit nicht bloß eine Emanation des Wohltuns und des Erbarmens, sondern auch eine die Lebenskraft der Gesellschaft fördernde soziale Tat bildet. Wurde doch durch die Zuführung neuer nützlicher Arbeitskräfte nicht bloß ein konfessionelles, sondern auch ein national-soziales Interesse gefördert. Im letzten Dezennium wurde mit der stufenweisen Entwicklung der Ausbildung von Ackerbauzöglingen begonnen. In dieser Epoche richtete sich das Wirken des Vereins hauptsächlich darauf, daß der Ungarische israelitische Handwerks- und Ackerbauverein seinem schon im Titel zum Ausdruck kommenden Doppelberufe auf dem Gebiete des Handwerks und des Ackerbaues entsprechen könne. Das Jahr 1910 brachte den Verein in letzterer Richtung um einen mächtigen Schritt vorwärts. Seme zum Zwecke der Ausbildung von Landwirten und Gärtnern errichtete neue Schöpfung, die „Israelitische Gärtnerausbildungsanlage", ist im Vorjahre soweit beendet worden, daß sie bereits ihrer Bestimmung übergeben werden konnte. Wer die jungen halbwüchsigen Burschen in den Spätherbsttagen lachend und singend auf den Feldern sich tummeln sah oder sie bei den Winterarbeiten im Freien beobachtete, der konstatierte mit Genugtuung, daß hier eine neue, physisch und ' moralisch erstarkende Generation in der gesunden Atmosphäre der Freiluftarbeit heranwächst. Mit der praktischen und theoretischen Fachentwicklung der Zöglinge hält auch das Aufblühen der Gärtnerei gleichen Schritt. Da mit dem Gärtnereibetrieb erst im vorigen Herbst begonnen werden konnte, beschränkt sich di,2 Herbst- und Winterarbeit hauptsächlich auf die Gewächshäuser, wo nebst der Vorbereitung der verschiedenen Kulturen auf die Zucht früher Küchengewächse das Hauptgewicht gelegt wird. Aber es blüht, grünt und reift auch schon in all den Obst- und Gartenanlagen, kurz, die neue Schöpfung ist im richtigsten Gange. Eine Sammlung spamolischer Romanzen. Unter dem Titel „Almanach National pour 1912" ist in Saloniki ein sehr interessantes Buch erschienen. Das Buch enthält außer einer Uebersicht über die Lage der Juden in allen Ländern und der Geschichte des Jahres 1911 vom jüdischen Gesichtspunkte auch eine Reihe wertvoller literarischer Aufsätze. Von den letzteren seien besonders ein Artikel „Ueber den Ursprung der Judennamen im Orient" und eine Sammlung älterer spaniolischer Romanzen mit französischer Uebersetzung hervorgehoben. Der Reingewinn des interessanten Buches ist dem Baron Hirsch-Spitale in Saloniki gewidmet. Juden in der Leitung des italienischen Unterrichtswesens. Wie aus Rom berichtet wird, hat die italienische Regierung jüngst eine Reorganisation des Ministeriums für öffentlichen Unterricht - beschlossen. Zum Chef der zweiten Abteilung, das ist des technischen Unterrichtes, wurde Commendatore Amerigo Nachmias und zum Chef der Abteilung für die schönen Künste und Altertumsforschung der berühmte jüdische Kunstgelehrte Doktor Riccardo Artom ernannt. Ueberreichung eines Memorandums amerikanischer Christen an den Zaren. Vorige Woche traf auf seiner Reise nach Petersburg der Präsident der Weltvereinigung der Baptisten Doktor Mac Arthur von Newyork in London ein. Wie der „Standard" zu melden weiß, wird Dr. Mac Arthur in Petersburg an der feierlichen Einweihung einer Baptistenkirche teilnehmen und im Namen von 17 Millionen amerikanischer Christen dem Zar lern Memorandum überreichen, in welchem diese bitten, daß der Herrscher von Rußland seinen jüdischen Untertanen mehr Rechte einräumen und ihnen jene Toleranz angedeihen lassen möge, auf welche jeder Mensch Anspruch erheben kann. > Eine neue Synagoge in Süd-Wales. In Epw-Gale, dem Schauplatze der großen antisemitischen Unruhen im letzten Sommer, wurde vorigen Sonntag eine neue Synagoge eingeweiht. An der Feierlichkeit nahmen auch die Vertreter der Behörden der Stadt teil, welche in ihren Ansprachen die Versicherung gaben, daß die Stimmung der Bevölkerung gegenüber den Juden eine freundliche sei, und daß sie auch nicht von Hetzern getrübt werde, dafür wolle die Behörde sorgen.