Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3020846-3021981-3021985--20838-3045899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 3 Dr. MWHs WochMchrift Seite SS schreibung gewesen sein. Ebenso verfolgten die Propheten mit ihren flammenden Strafreden entschieden einen anderen Zweck, als lediglich den der Schilderung der Zeitbegebenheiten; da sie aber ihr Augenmerk stets auf das wirkliche, sie umwogende Leben richteten, aus dem sie ihre Eindrücke unmittelbar schöpften, mußten ihre Schilderungen unwillkürlich die Zeitereignisse wiederspiegeln. Deshalb kann man, wenn man die Worte der Bibel richtig erfaßt, aus den wenigen und knappen Strichen die Konturen der Begebenheiten und Zeitverhältnisse klar wahrnehm n. Schon allein aus diesem Grunde, weil ihnen jede Absicht der Schönsärberei und Parteilichkeit ferneliegt, die Geschehnisse nur nebenbei und objektiv berührt werden, gewinnen diese historischen Momentbilder drppelt an Wert und Bedeutung als unbestrittene Wahrheiten. Leider ist aber diese in allen jüdischen Schriftdenkmälern seit grauester Zeit bis ins Mittelalter hinab verkündete, unumstößlich feststehende geschichtliche Tat-ache gänzlich verkannt und darum unberücksichtigt geblieben, daß die Juden seit undenklichen Zeiten auch rn den nordöstlichen Landstrichen Asiens in großer Anzahl lebten, weshalb diese Schriften, insbesonders auch die meisten Reden der Pcopheten auf sie, ihre Umgebung und ihre Verhältnisse zugeschnitten sind und erst auf Grund dieser Voraussetzung rechten Sinn bekommen. Diese Entgleisung in der Auff sfung der Geschichte der Juden des hohen Altertums hatre zur Folge, d^.ß die dortigen Juden der späteren Zeit und selbst zu Beginn des Mittelalters als maßgebender Geschichtsiaktor »echt in Betracht gezogen oder richtiger ganz außer Acht gelassen wurden. Dieses Grundübel der unrichtigen Auffassung und Beurteilung der historischen Vorgänge und der Eutw-cklung haftet fürwahr auch der Konstruktion des ganzen Gebäudes der Geschichte der Juden seit dem hohen Ättertume bis tüf ins Mittelalter hinein an, wie bei einem Bau auch die oberen Stockwerke moi sch und baufällig sind, wenn vom Fundament aus die Ausführung eine falsche war. Denn die Geschichte der Juden im Nordosten ist nicht etwas G ringfügig's und Nebensächliches, von d^m Ganzen leicht Trennbares und Unabhängiges, bei dessen Behandlung man ungestraft und ohne Atterierung des Ganzen Fehler begehen kann, sondern sie bildet einen der wichtigsten, den ganzen Bau der Geschichtsdai stellung stützenden Grundpfeiler, der demselben nicht unbeschadet seines Wrsens entzogen werden kann. Wie Fäden eines Gewebes verbindet die Geschichte die Kolonien mit dem Mutterlande zu einem einheitlichen Ganzen, indem die Vorgänge im Nordofteu mit denen im Heimatlande in steter, Wech'elwirkung standen. Wenn die Ursachen und Vorfälle die sich fern von Palästina im Nordosten abspielten, eliminiert werden, müssen die historischen Erscheinungen in Palästina an sich freilich rätselhaft erscheinen. Glanzperioden unserer Geschichte sind dadurch unaufgeklärt geblieben, wie z. B. auch die uns hier beschäftigende Fragenach der Teilnahmeder Juden des Nordostens am serischen Welthandel, eine Tatsache, die allerdings schon aus den Worten Josephus, in denen er im Anschlüsse an die Bibel (Altert. IX, 1, 4) über die von König Josaphat ausgerüsteten Sch'ffe zur Ophirfahrt, berichtet: „.xowovifjoas ird xaxaaxsvfl vtjöv e?s XL IIovxov TcXeouafijv v.ul xa etc: ©paxujs sp/rap:a .. deutlich hervorgeht. Unaufgeklärt sind infvlgedrssen auch die Einflüsse der Juden des Nordostens auf die Entwicklung der Kultur der vorderasiatischen Vö.ker. insbesondere der Griechen geblieben, eine Frage, zu deren Löiung sich überall zahlreich vorhandene Spuren wahrnehmen lassen. Die Propheten deuten ja ausdrücklich die Berührung mit Griechenland an, wie z. B. Joel (4, 6) D-av "32*7 D-rraa erbirn-’ '321 mw '321 ebenso Zacharias (9, 13): fi' “p32 bv pst -p2 rin vmpi. M t keinem Worte wurde bis heute auch trotz der in unserer alten Literatur hiezu zahlreich fließenden Quellen ein überaus wichtiger Punkt der jüdischen Geschichte im Altertume erwähnt, nämlich die Rolle, die die Juden im Nordrsten in der römischen Ocientpolitlk, insbesondere in den römisch-Parthischen Kriegen gespielt haben, wiewohl dieselbe von größter, teilweise ausschlaggebender allgemein geschichtlicher Bedrutung war und auch in den letzten drei Jahrhuuderten vor Vernichtung des jüdischen Staates durch die Römer, die Entwicklung der Verhältnisse in Palästina wesentlich been floßt, so daß die im Heimarlande zu Tage tretenden Erscheinungen größtenteils nur in den von jenen Niederlassungen ausgehenden Ursachen eine befriedigende Erklärung finden. Desgleichen läßt die Erscheinung des Christentums sich trotz der darüber in den letzttn Jahrhunderten angeschwoüenen Tintenflut nickt erklären, solange n cht die Eutwick unq und der essentielle Inhalt der Streitigkeiten der jüdischen Sekten im Nordosten genau klargestellt ist. Denn der Antogonismus der Sckren der Sadduzäer, Minäer, Nazaräer, rc. ist in Vvrderasien entstanden und was wir in Palästina wabrnehmen, ist nur ein Wiederschein und Widerhall des im Nordosten seit ältester Zeit tobenden Streites. So stillt auch die im Christentume zur Geltung kommende Lehrmeinung nur einen integrierenden Teil der dort lange vor seinem Eintritt in die Geschichte vorhanden gewesenen Strömungen dar. Ebenso hatte die Vernachlässigung dieser grundlegenden tatsächlichen Voraussetzung, daß die Juden seit alter Zeit im Nordosten lebend dort eine grrße Rolle während der tanaitrschen und amoräischen Zeit wie auch während des frühen Mittelalters spielten, zur Folge, dcß man sich auch über das Erscheinen der Juden in Europa, wann und unter welchen Umständen sie sich daselbst mederlußm. ganz im Unklaren ist, wiewohl bei genauer Prüfung der Tatsachen unter Z 'gruudele^ung der vorausgegangenen geschichtlichen Ereigntsfe auch diese Erscheinungen ihre Lösung st den. Das eigentliche Verschulden an diesem Chaos in der Darstellung der jüdischen G'ickichte des Altert ms tr fft unsere Bahnbrecher und Schöpfer auf dem Gebiete der modernen jüdischen Geschichtsschreibung aus dem vorigen Jahrhunderte. In den fi üheren Iah Hunderten war man bei der Behandlung des Geich-cktssuff s bis auf wenige Ausnahmen, wie Ajaria de Rossi, kriuich fast farbenblind. Als nun im vergangenen Jahrhunderte der Sinn für eine kritische Systematisierung der jüdischen Geschichte des Altertumes erwachte, war es ein Kardinalfehler, d.ß man, anstatt alle Quellen selbständig kritisch zu sichten und sich hiebft der Führung der altbewährten Lotsen vom Euphrat und Tigris anzuvectranen, den S renenlönen von der Spree, Saale und Plersse folgte. Während die ersten fast in demselben Milieu, das sie darstellt-n, lebten, die alte Geschichte ihnen noch ein in steter Fortentwickelung begriffenes Strick Leben und Die geographischen Schauplätze, wo sie sich absprelteu, teils durch Tradition, teils aus Autopsie genau bekannt war und darum sie hier in jeder Beziehung als Führer verläßlich sind, haben L tztere häufig, nur auf Lautulid KlangähnIrchkeiL bauend, sich eine biblische Geographie und danach eine Geschichte zurechtgelegt, die der Wirklichkeit keineswegs entspricht. Und wie man einmal den Faden der ältesten Geschichte verloren hatte, konnte man thn nicht mehr fort.pinnen, weil die Voraussetzungen hiezu fehlten. Auf diese Weise hat man auch die Brücke von der Geschichte der Juden im hohen Altertume zur pragmatischen Geschichte im Spätalterlume und beginnenden Mittelalter abgebrochen und die in den alten Nachrichten reichlich vorhandenen Spuren durch gekünstelte, falsche Deutungen der Ortsnamen und geschichtlichen Fakten verwischt. Daher ist es auch nicht Wunder zu nehmen, daß die allgemeine Geschichtsschreibung, auf den unrichtigen Resultaten der jüdischen Spezialforschung fußend, über die Bedeutung der Juden im Nordosten, dessen Geschichte ohnedies sehr dunkel ist, gleichfalls sich in Stillschweigen hüllt. Eine weitere Folge des Verkennens des wahren, geschichtlichen Sachverhaltes war es, daß man sich den Horizont einengte und die Entstehung unserer alten Literatur ausschließlich nach Palästina verlegte, mit Ausnahme einiger griechischer Apokryphen und ähnlicher Schriften, die