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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Bl-ochs WochönWrift Seite »Ü einer würdigen Auffassung der religiösen und damit auch der sozialen Pflichten des Judentums. Den Vorsitz in der Versammlung führte in Vertretung des leider verhinderten Obmannes der Obmannstellvrrtreter Herr Dr. Ernst Rosenthal, dessen umsichtige und zielbewußte Leitung der Versammlung einen harmonischen Verlauf sicherte. Nach Eröffnung der Versammlung kegrüßte der Vorsitzende die erschienenen Vereinsmitglieder und Gäste, insbesondere den Delegierten des Kultusvorstandes, Herrn Vorsteher Dr. Heinrich Schreiber, dessen Wirken für den Verein schon vor vielen Jahren durch Verleihung der Ehrenmitgliedschaft anerkannt worden war, sowie die Präsidentin des Brigittenauer israelitischen Frauenwohltätigkeitsvereines Frau Dr. Emilie Weiß und die mit ihr erschienenen Vorstandsdamen. Zum ersten Punkte der Tagesordnung: „Bericht des Vorsitzenden" übergehend, gedachte Herr Dr. R o s e n t h a l eines Ereignisses des eben abgelaufenen Jahres, welches zwar außerhalb des Rahmens unseres .Vereines fallend, doch auch in diesem freudige Teilnahme erweckte. Es war dies die Feier des 80. Geburtstages des Kultuspräfidenten Dr. Alfred Stern. In dem von den Tempelvereinen bei diesem Anlasse eingesetzten Komitee, welches über die gemeinschaftliche Ehrung des Jubilars und über die Aufteilung der Kosten für dieselbe zu beraten hatte, war auch unser Verein entsprechend durch Delegierte vertreten. Aber auch innerhalb unseres Vereines hatten wir Gelegenheit, eine Jahresfeier zu begehen. Dieselbe betraf unser geschätztes Vereinsmitglied Herrn Josef Adler, welcher seit zehn Jahren in uneigennützigster Weise dem Vereine in den Filial-Betversammlungen an den hohen Feiertagen seine freiwilligen Dienste als Vorbeter weiht. Der Vorstand benützt gerne den Anlaß, dem genannten Herrn wiederholt den Dank und die herzlichsten Sympathien zum Ausdrucke zu bringen. Mit Worten warmer Anerkennung und innigen Dankes gedachte der Vorsitzende unter dem Beifall der Versammlung des Wirkens jener vier Herren, welche sich aus verschiedenen Gründen veranlaßt sahen, chre Mandate im Vorstande zurückzulegen, es sind dies die Herren Rudolf A h l, Jakob Kohn, Michael Reiter und Josef Wünsch. Einem schönen, pietätvollen Brauche folgend, gedachte der Vorsitzende in seiner Rede der im abgelaufenen Vereinsjahre dahingeschiedenen Mitglieder, deren Andenken die Versammlung durch Erheben von den Sitzen in üblicher Weise ehrte. Mit interessanten statistischen Belegen konnte der Volsitzende den erfreulichen Aufschwung des Vereines auf allen Gebieten seiner Tätigkeit, insbesondere aber auch bezüglich der von demselben erhaltenen Bibelschule, welche gegenwärtig von 320 Schülern besucht wird, konstatieren. Hiebei machte er der Versammlung auch Mitteilung von der hochherzigen Spende per X 2000'—, welche die Erben nach dem dahingeschiedenen Freiherrn Albert von Rothschild als ersten Baustein für ein eigenes Schul- und Vereinshaus aus dessen Nachlasse überwiesen hatten. Lauter Beifall lohnte den Redner für seine geistreichen Ausführungen, über dessen Antrag sohin dem Schulkomitee, insbesondere aber dessen Obmann Herrn Josef Kohn, der Dank der Versammlung einhellig votiert wurde. Ueber die Angelegenheit der von dem Vereinsvorstande sowohl als auch von der gesamten jüdischen Bevölkerung des Bezirkes seit vielen Jahren als Lebensfrage für den Bestand des Vereines empfundenen, bisher noch nicht erlangten Bestellung eines eigenen Gemeinderabbiners für den Bezirk referierte über Aufforderung des Vorsitzenden Herr Josef Kohn. Derselbe gab in schwungvollen, von lokalpatriotischer Begeisterung für den Bezirk förmlich durchglühten Worten einen lieberblick über die schweren Kämpfe, welche der Vorstand während des Entwicklungsganges dieser Angelegenheit zu bestehen hatte, und beklagte mit schmerzlichen Worten das geringe Entgegenkommen des Kultusvorstandes in dieser Angelegenheit, gab aber auch der Hoffnung Ausdruck, daß die gegenwärtig neu aufgenommenen Verhandlungen endlich zu einem befriedigenden Uebereinkommen führen würden. Herr Kultusvorsteher Dr. Schreiber suchte gegenüber dem Vorredner den Standpunkt des Kultusvorstgndes in dieser Angelegenheit zu begründen. Die Sympathien, welche der Redner im Bezirke seit vielen Jahren genießt, zeigten sich während seiner gewandten und geistreichen Rede, welche stellenweise durch launige Vergleiche gewürzt war, doch vermochte er die Versammlung nicht zu seinen Anschauungen zu bekehren. Nach Entgegnungen des Vorsitzenden und des Referenten beschloß die Versammlung über Antrag des Herrn M. Engel, dem Vorstande das Absolutorium unter Ausdruck des Dankes für seine Tätigkeit, sowie das Vertrauen auszusprechen, daß er die geeigneten Mittel und Wege werde zu finden wiffen, um die gegenständliche Frage einer erwünschten Lösung zuzuführen. Bei den hierauf folgenden Wahlen wurden die Herren Bernhard Beck, Heinrich Neuhaus und Heinrich Salcm o n neuerlich, sowie die Herren Leopold S p i r a und Simon Schlesinger in den Vorstand entsendet. Zu Mitgliedern des verstärkten Vorstandes wurden die Herren Sigmund Frommer, Bernhard Schick und Adolf L ö w y gewählt. Die Gemeindewahlen in Karlsbad. Ein peinlicher Vorfall hat sich soeben in unserer Stadt abgespielt. Bekanntlich fanden hier kürzlich die Gemeindewahlen statt, in welcher die Juden von vier Gemeinderatsmandaten trotz eines geschlossenen Kompromisses zwei verloren, und, obgleich bei den hierauf folgenden engeren Stadtraiswahlen die Deutschradikalen 17 Mandate erlangten, die Mandate der Deutschfort-- schrittlichen nur 15 betrugen, wurde der deutschsortschrittliche Advokat Dr. Josef Pfeiffer abermals zum Bürgermeister von Karlsbad gewählt. Nun erfolgt allmählich eine Klärung der eigentümlich verwickelten Karlsbader lokalpolitischen Verhältnisse. Es wurden nämlich soeben der liberale resp. deutschfortschrittliche Bürgermeister von Karlsbad. Herr Dr. Josef Pfeiffer, und sein Stellvertreter, der Führer der Deutschradikalen Karlsbads, zu Ehrenmitgliedern des Karlsbader G ewerbevereins gewählt, und das Organ der Deutschradikalen Karlsbad verkündet mit Jubel die Tatsache, daß der „den Liberalen entrissene Gewerbeverein", d. h. die Juden wurden aus dem Vereine hinausgeworfen, nunmehr den hochverdienten „liberalen Bürgermeister von Karlsbad" gleichzeitig mit dem Führer der radikalen Bewegung zum Ehrenmitglied ernannt hat." Es wäre ganz zwecklos, Kommentare über diesen Vorfall anzufügen oder etwa Zeichen des Unmutes laut werden zu lassen — das wäre total nutzlos; nur zur Einsicht sollten endlich die Juden Nordwestböhmens kommen und sich nicht über die seit Jahren bestehenden tatsächlichen Verhältnisse hinwegtäuschen. Es ist zu einer notorischen Tatsache geworden, daß das nordwestliche Böhmen arisiert ist: in Eger, Karlsbad. Falkenau ufw. gibt es zwei voneinander scharf getrennte Gesellschaftsklassen: die meisten Vereine der Städte sind judenfeindlich, auch der Deutsche Schulverein ist teilweise arisiert, und die Juden sind daher auf sich selbst angewiesen. Die eben erfolgte Ernennung des Karlsbader fort- - schrittlichen Bürgermeisters Dr. Josef Pfeiffer zeigt nun vollkommen klar, wie die Situation sich in Wirklichkeit verhält. Sie besieht darin, daß sich der Jude auf sich selbst verlassen muß, daß er in Karlsbad isoliert dasteht und von allen Seilen verlassen ist. Es ist auch hiebei interessant, zu vernehmen, was sich hinter dem Vorhang anläßlich der letzten Wahlen noch abspielte. Da der deutschfortschrittliche Kandidat Kaiser!. Rat Dr. Pleschner nicht dürchkam, wurde ein Stadtratsmandat, welches Dr. Pleschner seit Jahren bekleidete, frei. Der Vorsteherstellvertreter der israelitischen Kultusgemeinde. Herr Adolf Rosenfeld, gehört nun 25 Jahre dem Kollegium an. leitete auch als Aeltester die Bürgermeisterwahl, und es wurde als etwas Selbstverständliches aufgefaßt, daß Herr Rosenfeld das vakante Stadtratsmandat erhält. Aber so weit ist man in der

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