Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 29 (1912)
- Issue
- 2 (12.1.1912)
- Date
- 1912-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. S Dr. BKMs WocheUfchM Leite IS hat es in seiner Mitte fast niemals an hochherzigen Gönnern gefehlt, welche aus reiner Liebe zum jüdischen Schrifttum viel Geld für den Druck wichtiger Bücher hergaben. War dies aber nicht der Fall, dann bekundeten die Autoren selbst eine bewundernswerte Opferwilligkeit. So erzählt z. B. Rabbi Menachem de Lonsano in der Vorrede eines seiner Werke, daß er sein ganzes Vermögen zu Druckzwecken verwendet und sein Weib mit drei Kindern in Jerusalem habe darben lassen müssen und daß es eine Schande für die Reichen wäre, wenn er nicht das nötige Geld aufbringen könnte! Daß die jüdische Freigebigkeit für die Gründung von Bibliotheken nicht ausreichte, hängt mit dem einzigartigen Wesen und Schicksal Israels zusammen, wie uns die Geschichte, die beste Lehrmeisterm der Menschen, lehrt. Den ältesten Bibliotheken der Welt leuchtete die befruchtende Sonne königlicher Gunst. Man denke nur an die berühmte Tontafelbibliothek im Palaste des großen Asurbanipal in Ninive (aus dem 7. vorchristl. Jahrhundert), sowie an die nicht weniger als eine halbe Million Handfchriftenrollen umfassende Bibliothek in Alexandrien, eine Schöpfung der ägyptischen Monarchen. Auch in Rom waren die Kaiser (Augustus, Vespasian, Trajan) die ersten, welche öffentliche Büchereien anlegten. Aber die Stürme der Völkerwanderung brachten den großen Bibliotheken des Altertums den Untergang und nur in den Klöstern fanden die nach allen Richtungen der Windrose zerstreuten Bücherschätze gastliche Aufnahme. Es darf uns daher nicht wundernehmen, daß wir aus diesen frühen Zeiten und noch viel später nichts von der Existenz jüdischer Bibliotheken vernehmen. Es fehlte an fürstlichen Gönnern, welche das jüdische Schrifttum zu fördern geneigt waren. Während in Rom die Sklavenarbeit den Buchhandel und dadurch das Bibliothekswesen in Schwung brachte und Hunderte pon Schreibern, die gleichzeitig nach einem Diktat schrieben, vielleicht ebenso schnell das leisteten, was heute eine Presse vollbringt, mußten die Juden in Ermangelung solch billiger Arbeitskräfte auf die Anlegung von Büchereien verzichten. Dazu kam noch, daß die Juden schon aus Scheu vor dem Niederschreiben der „mündlichen Lehre" in so hohem Grade an Mündlichkeit und lebendiges Wort gewöhnt waren, daß sie die Errichtung von Bibliotheken als kein allzu starkes Bedürfnis empfanden. Deshalb finden wir auch im älteren jüdischen Schrifttum keinen dem aus dem Griechischen stammenden Worte „Bibliothek" entsprechenden Ausdruck, sondern höchstens ungenaue Umschreibungen dafür. ' Das Mittelalter war für die Vüchersammlung noch ungünstiger. Die . Juden — durch unerträglichen Druck erschöpft und erniedrigt — zogen sich mit ihrem nationalen Schrifttum hinter das Palladium der hebräischen Sprache zurück, die den Christen fremd war und mit allem Jüdischen als Teufelswerk erschien. Die bigotten Wallbrüder riefen voll Fanatismus aus: „Gott wilsts haben!" und schnitten sich Schuhsohlen aus den heiligen Thorarollen. Bei den häufigen Plünderungen und unmenschlichen Verfolgungen ging eine ungeheure Masse von Büchern verloren, der mutwilligen Vüchesrkonfiskationen und frivolen Talmudverbrennungen itufyt zu gedenken, welche jede mühselig angelegte Bibliothek mit einem Schlage vernichteten. Die Folge war ein großer Mangel an Handschriften, und bald nach Erfindung der Vuchdruckerkunst auch an gedruckten Büchern, so daß wir die beweglichen Klagen eines R. Israel Jsserlein (1390—1460), eines R. Josef Kolon und R. Moses Minz über die große Büchernot ihrer Zeit begreifen. Mit dem Wiederaufleben des Humanismus wurde auch für die jüdische Wissenschaft das Interesse weiterer Kreise geweckt, und namentlich in Italien zeigten sich die ersten Früchte der Renaissance in der eifrigen Sammlertätigkeit, die sich nicht nur auf die klassischen Wecke, sondern auch auf die Bibel und andere hebräische Schriften erstreckte. Um 1440 etwa erstanden nach Zunz die ersten Bibliotheken außerhalb klösterlicher Ringmauern, und die Medicäer kauften um teures Geld die seltensten hebräischen Werke an. Graf Pico de Mirandola, ein warmer Verehrer der Kabbala, sammelte mit großen Opfern an Geld und Zeit hebräische Manuskripte, ebenso Johannes Reuchlin, der tapfere Verteidiger des Talmud gegen die Dunkelmänner. Damals war Conrad Gesner der erste, der einen Katalog hebräischer Bücher mitteilte, doch erst 100 Jahre später wurde durch den jüdischen Buchdrucker Sabbatai Baß, den Verfasser des ersten Verzeichnisses hebräischer Werke, die Büchertunde bei den Juden heimisch. Mehr aber als der rühmliche Eifer nichtjüdischer Gelehrter und Gönner trug die fürstliche Freigebigkeit jüdischer Notabeln zur Erstarkung und Verdrehung der jüdischen Wissenschaft bei. Vom Minister-Rabbiner Samuel ibn Nagdela im 11. Jahrhundert, in dessen Sold viele Kopisten die Bibel und den Talmud in zahlreichen Exemplaren herstellten, um sie dann an dürftige, lernbegierige Jünglinge zu verteilen, bis auf den reichen Prager Rabbiner David Oppenheimer (1690—1736), der die größte hebräische Privatbibliothek besaß, welche stattliche Reihe warmherziger Mäcene wäre wohl zu nennen! Die Buchdruckerkunst kam diesem edlen Wetteifer in der Förderung des jüdischen Schrifttums zu Hilfe und die Vorreden der gedruckten Werhr heben unter innigen Segenswünschen die Namen der gabenfreudigen Förderer rühmend hervor, durch deren Freigebigkeit die Auflage ermöglicht wurde. Im 18. Jahrhundert scheint allerdings die Mäcenität auf diesem Gebiete verschwunden zu sein, wie das Schicksal der bereits genannten Oppenheimerschen Bibliothek beweist. Diese damals größte Privatsammlung — enthielt sie doch über 7000 Druckwerke und mehr als 1000 kostbare Handschriften — bildete die Hauptquelle der Bibliotheca Hebraea, dieses Monumentalwerkes des großen I. Chr. Wolf, und wurde schon von Mendelssohn auf 50,000—60,000 Taler geschätzt. Dennoch fand sich kein Käufer oder vielmehr opferwilliger Gönner, der auch nur den fünften Teil dieser Summe zu zahlen bereit gewesen wäre, so daß die Bücher viele Jahre hindurch in Kisten verpackt liegen mußten, bis sie endlich im Jahre 1829 von der Oxforder Bibliothek, der Bodleyana, um den Spottpreis von 9000 Talern angekauft wurden! Solche Zeichen von Indolenz gehören glücklicherweise bei uns zu den Seltenheiten, und ist auch in dieser Hinsicht in unserer, als materiell verschrieenen Zeit ein Wandel zum Besseren eingetreten. Es gibt allenthalben wissenschaftliebende Juden, die von ihren irdischen Glücksgütern nicht nur die Armen in freigebigster Weise unterstützen, sondern auch die geistigen Interessen ihrer Glaubensgemeinde mit fürstlicher Liberalität fördern. In ihrem Idealismus, den sie sich aus frohen Jugendtagen in ein höheres Alter hinübergerettet, sorgen sie auch für die Befriedigung höherer Bedürfnisse ihres Volkes, indem sie durch reiche Bücherspenden den Rat eines alten Kommentators der Mischna befolgen, der den Ausspruch: „Erwirb dir einen Freund" (Aboth 1, 6) mit den Worten erklärt: „Schaffe dir viele Bücher an." Zu diesen verdienstvollen Männern gehört der als Philanthrop in weiten Kreisen bekannte Herr Salo Cohn in Wien, der bereits durch zwei reichhaltige Schenkungen die Bestände der Wiener Gemeindebibliothek bedeutend vergrößert hat. Zu der kostbaren, aus dem Nachlasse Halberstams herrührenden Sammlung