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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1912-01-12 · 2 (12.1.1912) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
29 (1912)
Issue
2 (12.1.1912)
Date
1912-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 18 Dr. Mochs WvchMschrift Nr. S Reden wurden dabei gehalten, wie man den Besitzstand der Partei erhalten könnte. Guter Rat dürfte in diesem Fall ziemlich teuer sein. Denn die so oft und so schwer geschädigten Wähler sind imstande, zu glauben, daß unter Besitzstand der christlichsozialen Partei die schweren Millionen der christlichsozialen Führer zu verstehen waren. Und sie werden schwerlich in der Laune sein, gegenüber diesem zählbaren Besitzstand den politischen Besitzstand der Rathausgewaltigen zu erhalten und zu vermehren. Niemals wurde politische Macht so in Geldmacht umgewechselt, wie von den schwarzen Brüdern, unter deren Regierung die Bildung und der Wohlstand geringer, die Teuerung und Verhetzung größer geworden sind, die Wien an das flache Land verkauft, an tausend Millionen Schulden gemacht, alle ihre Anhänger in Amt und Würden gesetzt haben, allen alles ver^ sprechen und niemandem etwas halten. Da mag Liechtenstein seine abgedrcscheuen Phrasen noch so fleißig wiederholen, Weiskirchner am Parteitag noch so salbungsvoll sprechen, Neumayer den Mund noch so voll nehmen mit niemals ausgeführten Programmen. Auf dieser Flut von Worten schwimmen genug solche Taten wie dieser Ankauf der schmutzigen Braunkohlen, und die Wählerschaft wird sich nicht mehr durch Phrasen bestechen lassen. Der christlichsoziale Parteitag war bereits ein Tag ohne Partei, mit den Braunkohlen von Zillingdorf wird man den Stadtvätern von Wien bei den nächsten Wahlen so einheizen, daß schwerlich einer von ihnen das Licht und Feuer aushalten dürfte. Der neue Schauplatz des Kampfes um die Röchle der russische« Jude«. Brief aus Rußland: Seit dem Tode Stolypins hat die russische Regierung ihre Taktik gegenüber den Juden wesentlich geändert. Sie hat sich, wenn man so sagen darf, wenigstens punkto Antisemitismus dem europäischen Maßstabe genähert. Aus dem alten Pogromantisemitismus der Ignatiew, Plehwe und zum Teile auch Stolypin hat Kokowzew den Salonantisemitismus inauguriert. Die Regierungspresse ist wohl nach wie vor streng judenfeindlich, aber sie ist es nicht jmehr in so blutrünstiges Weise, sondern vollführt ihr Würgamt in Glacehandschuhen. Ueberdies legt die Regierung Lokowzew mehr Gewicht darauf, die Eideshelfer für die antisemitische Politik in der großen europäischen Presse zu finden. Auf diese Weise soll der öffentlichen Meinung Europas der Glaube beigebracht werden, daß die Haltung der russischen Regierung in der Iudenfrage eine berechtigte und in den politischen Verhältnissen des Landes begründete sei. Dieses Ziel wurde zum Teil dadurch erreicht, daß die Londoner „Times" für die Zwecke der russischen Regierung gewonnen wurden, was um so schwerer in die Wagschale fiel, als ja die „Times" vor ihrem finanziellen Zusammenbruche als unabhängige liberale Zeitung galt, und ihr nunmehriges Einschwenken in das antisemitische Fahrwasser die russische Bevölkerung glauben machen muß, daß in Europa selbst die einflußreichsten fortschrittlichen Streife zur Ueberzeugung gelangt seien, daß man in Rußland eine andere Politik gegen die Juden machen könne, als eben diejenige, welche ihnen alle Rechte nimmt. Auf der anderen Seite erscheinen jetzt in den offiziösen russischen Blättern, hauptsächlich aber in der „Rossia". auffallend viele Artikel aus dem Auslande, aus Deutschland, England und Oesterreich, welche eine Zustimmung zu der russischen Regierungspolitik und eine Aufmunterung, dieselbe weiterzusuhren, enthalten. Diese Artikel sind in der Regel von den phantastischesten aristokratischen Namen gezeichnet, die augenscheinlich nirgends eristieren und in der Redaktion des betreffenden Regierungsblattes kühn und frei 'erfunden wurden. Es ist ganz klar, daß diese neue Lnmpfesmethode für die Juden, aber auch für die nichtjüdischen Progressisten Rußlands große Gefahren in sich birgt. Sie ist zunächst geeignet, die durch mühselige Werbearbeit gewonnenen aber immerhin noch wankelmütigen Anhänger des Fortschritts einzuschüchtern und von der Bewegung wieder abzulenken, sie ist aber auch deshalb gefährlich, weil die russische Bevölkerung durch die Wiedergabe dieser Artikel der ausländischen großen Blätter in ihrem Hasse gegen die Juden und gegen den Fortschritt im allgemeinen bestärkt wird. Die Folge dieser Aktion soll sich, wie die Regierung hofft, schon bei den im Frühjahre stattfindenden Neuwahlen für die Reichsduma zeigen. In dieser schwierigen Situation haben nun, wie uns aus verläßlicher Quelle mitgeteilt wird, die Progressisten aller Schattierungen in vertraulichen Besprechungen beschlossen, der rujsischen Regierung auf ihren neuen Kampfplatz zu folgen. Die fortschrittlichen kreise Rußlands sind fest entschlossen, den verwerflichen Kuhhandel, den die russische Regierung und ihre reaktionäre Partei im Auslande treiben, gleichfalls in der ausländischen großen Presse schonungslos aufzudecken und den Barbarismus der russischen Regierungspolitik mit Dokumenten zu belegen. Es soll auf diese Weise die von der Regierung versuchte Irreführung der öffentlichen Meinung Europas und Amerikas paralysiert werden und aus diese Weise der schädlichen Einwirkung der Regierungsaktion auf die inneren Verhältnisse Rußlands entgegengearbeitet werden. Eines geht aus dieser neuen Kampfmethode der russischen Regierung als sicher hervor: Während man früher in Rußland, unbekümmert um die europäische Meinung, Politik machte und nur dann einzulenken versuchte, wenn es sich um die Aufnahme einer Anleihe im Auslande handelte, will man jetzt wohl der europäischen öffentlichen Meinung Rechnung tragen, diese Meinung aber von vornehevein so fälschen, daß sie der russischen Politik nicht hinderlich sei, und gerade deshalb ist die geplante Gegenaktion der Progressisten, die schon in allernächster Zeit einsetzen wird, von außerordentlicher Bedeutung und eröffnet die Aussicht auf einen großen Prozeß, der vor dem Tribunal der öffentlichen Meinung der zivilisierten Welt zur Austragung gelangen soll. ... 82. Jüdische Kibliotheken und ihre Macene. Zu Dr. B. Wachsteins neuester Schrift: „Katalog der Salo C o h n'schen Schenkungen". Von Dr. L. Lazarus. Wer die weiten Räume größerer hebräischer Vüchersammlungen durchwandert, der mag wohl in nachdenklicher Betrachtung der durch mancherlei Zufälle aneinandergereihten Folianten und Quartanten mit dem Propheten unwillkürlich ausrufen: „Erhebe ringsumher deine Augen und sieh, wie sich alles hier angesammelt: diese kamen aus weiter Ferne herbei, jene vom Norden und vom Westen." (Jes. 49, 18. 11.) — Forscht er aber weiter nach der Entstehung dieser Bücher, von denen viele gleich den Menschen ihre eigenen Schicksale haben, fragt er insbesondere, woher die oft mittellosen Verfasser die Mittel zu der früher so kostspieligen Drucklegung ihrer Werke nahmen, so wird er auf den Titelblättern und in den Vorreden derselben die Antwort daraus finden: Bei dem regen Bildungstriebe Israels

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